Das Statistische Bundesamt veröffentlicht monatlich Zahlen zur deutschen Industrie. Der aktuelle Bericht für Dezember kam mit einer Überraschung: Im Vergleich zum November ist der Auftragseingang in der Industrie um 7,8 Prozent gestiegen.
Für viele Analysten kam dieses Plus unerwartet: Sie hatten einen Dämpfer prognostiziert. Im Schnitt waren sie von einem Rückgang um 2,2 Prozent ausgegangen.
Der Hauptgrund für das kräftige Auftragsplus: staatliche Großaufträge. Ohne sie wäre der Auftragseingang nur um 0,9 Prozent höher ausgefallen, erklärten die Statistiker.
"Fulminanter Auftragsschub für die Industrie"
Für viele Experten sind die Zahlen trotzdem ein gutes Zeichen. Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung, sprach von einem fulminanten Auftragsschub für die Industrie. Das Auftragsvolumen habe ein Niveau wie zuletzt Anfang 2022 erreicht. "Das Quartalsplus bei den Auftragseingängen ist dabei ein weiteres Indiz, dass die steigenden Staatsausgaben im neuen Jahr die Wirtschaft ankurbeln werden."
Ähnlich äußerte sich Jens-Oliver Niklasch, Ökonom bei der Landesbank Baden-Württemberg. "Das sieht jetzt wirklich sehr stark nach Trendwende aus. Wir haben erstmals seit längerer Zeit Grund für Zuversicht." Zumindest die Prognose, dass die deutsche Wirtschaft im laufenden Jahr um rund 1 Prozent zulegen werde, scheine realistisch.
Thomas Gitzel, Chefvolkswirt bei der Liechtensteiner VP Bank, schrieb: "Die deutsche Industrie steht vor einem Aufschwung. Die Auftragseingänge machen aus Hoffnungen harte Fakten: Die deutsche Industrie wird in den kommenden Monaten einen Zahn zulegen."
Top-Ökonomin erklärt neue Industriezahlen
Im Gespräch mit dem stern ordnet Geraldine Dany-Knedlik, Konjunkturchefin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die neuen Industriezahlen im Detail ein.
"Das Auftragsplus der Industrie ist an sich erst mal ein positives Signal." Die Indikatoren für einen Aufschwung der deutschen Wirtschaft mehrten sich. Die Auftragseingänge seien dafür sehr wichtig.
"Ich wäre aber vorsichtig zu sagen: Das leitet jetzt auf jeden Fall eine Trendwende ein." Man müsse abwarten, ob auf den starken Dezember noch mal positive Werte folgen oder ob das kräftige Plus ein Ausreißer war.
Zudem sei zu beachten, dass der aktuelle Schub nicht aus der Automobilindustrie komme. "Dort sind die Auftragseingänge tatsächlich wieder zurückgegangen. Getragen wird der Anstieg von Metallerzeugnissen und elektronischen und optischen Erzeugnissen. Ein erheblicher Teil könnte also aus der Rüstungsindustrie kommen." Ein positives Signal sei dies trotzdem. Der Aufschwung müsse nicht mehr zwingend vom klassischen Exportschlager Auto abhängen.
"Das alte Motto 'In Deutschland produzieren und exportieren wir Autos' gilt schon länger nicht mehr." Dafür steige der Dienstleistungsanteil in der Automobilindustrie stetig. Beispiele dafür können Softwaredienstleistungen sein.
"Für langfristige Wachstumsperspektiven sind 500 Milliarden natürlich nicht genug"
Staatliche Großaufträge vor allem aus der Rüstungsindustrie sind in den kommenden Jahren wohl häufiger zu erwarten, denkt Dany-Knedlik. "Die 500 Milliarden Euro Sondervermögen haben schon vor einem Jahr eine gewisse Euphorie ausgelöst, die dann aber verpuffte, weil bislang klare realwirtschaftliche Signale fehlen."
Das Auftragsplus könne ein Zeichen sein, dass die öffentlichen Investitionen endlich wirkten. "Wenn wir über langfristige Wachstumsperspektiven reden, sind 500 Milliarden natürlich nicht genug." Deshalb seien wichtige Strukturreformen nötig, die hoffentlich der "Frühling der Reformen" bringen sollte.
Die zuletzt von der CDU vorgeschlagenen Arbeitsmarktreformen schätzt sie als nicht ausreichend wirksam ein. "Die Debatte über Wochenarbeitszeiten im historischen Vergleich ist fehlgeleitet. Insgesamt steigt die Summe der von allen geleisteten Arbeitsstunden in Deutschland, auch weil mehr Personen am Arbeitsmarkt beteiligt sind."
Der Hauptgrund sei, dass seit Jahren immer mehr Frauen in den Arbeitsmarkt eintreten. "In vielen Fällen ist dies aber nur in Teilzeit möglich, da immer noch eher Frauen in Familien die Care-Arbeit übernehmen." Die Teilzeitquote ließe sich beispielsweise wirksam durch mehr Kitaplätze und Änderungen beim Ehegattensplitting reduzieren. "Es muss sich monetär lohnen, dass beide Personen am Arbeitsmarkt beteiligt sind."
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