Die „Kakerlaken“-Bewegung junger Menschen in Indien hat nach wochenlangen Protesten gegen Missstände im Bildungssystem den Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan gefeiert. Die „Kakerlaken-Volkspartei“ (Cockroach Janta Party/CJP) kündigte am Samstag zugleich ein Ende der Proteste an, die sich nach und nach im ganzen Land ausgebreitet und zu einer großen Herausforderung für die Regierung von Premierminister Narendra Modi entwickelt hatten.
CJP-Gründer Abhijeet Dipke deutete jedoch am Sonntag an, die Partei werde sich weiter engagieren: „Das ist nur der Anfang“, schrieb er auf X. Die Partei habe einen langen Weg vor sich. Konkreter wurde Dipke nicht.
Zurückgetreten: Indiens Bildungsminister Dharmendra Pradhan (Aufnahme aus dem Archiv)Die CJP beschreibt sich als „satirische politische Bewegung“. Sie organisiert sich vor allem im Internet, eine Parteizentrale gibt es nicht. Beobachter beschreiben sie als Internetphänomen, das sich aber innerhalb weniger Wochen zu einer der größten Protestbewegungen gegen die Regierung entwickelt habe.
Pradhan hatte sich am Samstag dem Druck der Bewegung gebeugt und seinen Rücktritt erklärt. Er habe „großen Respekt vor den Bestrebungen, Empfindungen und berechtigten Erwartungen der Jugend des Landes“, schrieb er auf X. Dem Regierungschef habe er sein Rücktrittsgesuch übermittelt.
Unter tausenden Anhängern der CJP, die sich an einem seit Wochen besetzten Kundgebungsort in Neu-Delhi versammelten, brach nach Bekanntwerden des Schritts frenetischer Jubel aus. Der Protestort Jantar Mantar war wie in den Wochen zuvor von tausenden Polizisten umstellt.
„Die Demokratie hat triumphiert“, schrieb die CJP auf X. Jede ihrer drei wichtigsten Forderungen sei erfüllt worden, sagte ein CJP-Sprecher nach Gesprächen mit Vertretern der Regierung in Neu-Delhi. „Wir fordern alle Demonstranten auf, nach Hause zu gehen.“
Der Rücktritt Pradhans gilt als großer Erfolg der jungen Protestbewegung und ihrer Anhänger. Er war eine ihrer Kernforderungen. Aus ihrer Sicht sollte der Minister die politische Verantwortung dafür übernehmen, dass Unterlagen einer Hochschul-Zugangsprüfung bekanntgeworden waren. Mehr als zwei Millionen junge Menschen waren betroffen, die Prüfung musste wiederholt werden.
Schwere Zusammenstöße bei Protesten
In den Gesprächen mit Vertretern der Protestbewegung sagte die Regierung nach Angaben der Gesprächsteilnehmer zu, dass die Demonstranten keine Strafverfahren befürchten müssten. Zuvor erhobene Vorwürfe, Demonstranten hätten unter anderem Gewalt gegen Beamte angewendet, würden zurückgezogen. Bis zum Dienstag solle dafür eine schriftliche Garantie vorliegen, hieß es. Zudem kündigten Gesundheitsminister Jagat Prakash Nadda und die CJP an, dass Familien von Studienanwärtern, die im Kontext des Skandals Suizid begangen hätten, Schmerzensgeld erhalten würden.
Zuletzt war es bei Straßenprotesten in Neu-Delhi zu schweren Zusammenstößen zwischen Anhängern der Bewegung und der Polizei gekommen. Die Polizei setzte Tränengas und Schlagstöcke ein. Auf beiden Seiten gab es zahlreiche Verletzte.
Glückwünsche für den Erfolg der CJP gab es unter anderem von dem prominenten indischen Erziehungsreformer und Klimaaktivisten Sonam Wangchuk. „Es ist ein Sieg des Friedens, der Geduld und der Beharrlichkeit“, schrieb der 59-Jährige in den sozialen Medien.
Wangchuk war aus Solidarität mit der Bewegung in einen Hungerstreik getreten, den er kürzlich erst nach 26 Tagen beendete. Sein Engagement trug nach Ansicht von Beobachtern dazu bei, dass die jungen Protestierenden von der Regierung ernst genommen wurden.
CJP-Gründer Abhijeet DipkeCJP-Gründer Dipke rief die Anhänger nach dem Rücktritt des Ministers auf, ihn nicht zum Helden zu machen. „Macht nicht diesen Fehler.“ Auf X gab er bekannt, dass bei ihm Typhus diagnostiziert worden sei. Der 30-Jährige, der unter anderem in den USA studiert und dort auch die DJP im Internet gegründet hat, gilt in Indien inzwischen als eine Symbolfigur der Gen-Z-Protestbewegung, die sich gegen Korruption, Arbeitslosigkeit und politische Missstände wendet. Zur „Generation Z“ gehören Menschen, die zwischen 1995 und 2010 geboren wurden.
Die CJP wurde im Mai gegründet, nachdem ein Oberster Richter des Landes arbeitslose junge Menschen als „Kakerlaken“ bezeichnet hatte. Viele junge Inder empfanden dies als herablassend. Daraufhin griffen Aktivisten die Bezeichnung bewusst auf, die auch als Symbol der Widerstandsfähigkeit gesehen wird. Anfangs standen Memes, Videos und ironische Kommentare im Vordergrund. Innerhalb weniger Wochen gewann die Bewegung Millionen Follower auf Instagram und anderen Plattformen.
Indiens Präsidentin Droupadi Murmu nahm nach Angaben ihres Büros auf Empfehlung des Regierungschefs das Rücktrittsgesuch von Bildungsminister Pradhans an. Der Minister für Verbraucherfragen, Ernährung und öffentliche Verteilung, Shri Pralhad Joshi, soll demnach zusätzlich zu seinem bisherigen Ressort die Leitung des Bildungsministeriums übernehmen.
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