Wenn der Sommer kommt, wächst besonders unter Stadtbewohnern die Sehnsucht nach Natur. Ruhe, Erholung, reine Luft – wer könnte das Bedürfnis nach Sommerfrische nicht verstehen? Doch weil in dieser krisengeplagten Welt nichts mehr unverdächtig ist, lauert auch hier schon das nächste Problem: der Klimawandel.

Der „Schweizer Monat“ widmet sich in der Juni-Ausgabe der Ambivalenz jener „gezähmten Wildnis“, die wir Natur nennen. Wer darin Unverfälschtheit vermutet, könnte einer Täuschung erliegen, schreibt Herausgeber Giuseppe Gracia in seinem Editorial. Unser Naturideal sei Ausdruck von Kultur, also immer schon (auch ohne die globale Erwärmung) eine Anverwandlung, eine Formung und darin ein Spiegel der Gesellschaft.

Mit Helmuth Plessner, dem wichtigsten Vertreter der Philosophischen Anthropologie im 20. Jahrhundert, könnte man sogar noch weiter gehen: Kultur ist ihm zufolge unsere „zweite Natur“, auf die wir als Menschen in unserer Instinktarmut angewiesen sind. Die Ursprünglichkeit der Natur erweist sich somit als Illusion – ein Zurück, wie es manchen Umweltschützern vorschwebt, kann es unter den Bedingungen der modernen Zivilisation nicht geben.

Unter Klimaaktivisten scheint diese Erkenntnis dagegen versickert zu sein. Aus Sicht des Historikers Volker Reinhardt betreiben sie geradezu eine Romantisierung der Natur, „in der alles Fressen und Gefressenwerden weggelassen“ und das Böse nur im Menschen selbst vermutet wird. Der Autor führt das auf eine lange Denktradition seit Jean-Jacques Rousseau zurück, der den Menschen als von der herrlichen Natur „zutiefst entfremdet“ beschrieben habe. Das dürfte auch bei heutigen Klimaschützern Anklang finden.

Noch tiefer aber wirkt das schlechte Gewissen gegenüber der verschandelten Natur. Reinhardt zufolge lässt sich der Verzicht auf Flugreisen als quasireligiöser Ablasshandel für die eigene Sündhaftigkeit verstehen. Der Klimapolitik sei mit Schuldgefühlen allerdings nicht gedient. Zur Warnung und Mahnung empfiehlt er deshalb allen, insbesondere aber politischen Entscheidungsträgern, Rousseau zu lesen.

Ein frommer Wunsch in unserer bildungsfernen Zeit, in der man froh sein kann, wenn jemand überhaupt noch Bücher liest. Womit wir beim Antipoden der Natur angelangt wären: der Kultur. Dass alles mit allem zusammenhängt, zeigt sich indes auch hier. So gehen kultureller Verfall und ökonomische Krise Hand in Hand. Die Menschen lesen nicht nur weniger Bücher, sie kaufen sie auch immer seltener, wie aktuelle Zahlen vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels belegen – und das gilt nicht nur für die Jungen, sondern etwa auch für die 50- bis 59-Jährigen.

Aus den Vereinigten Staaten kommen ganz ähnliche Berichte. Das „postliterarische“ Zeitalter sieht Rose Horowitch in der August-Ausgabe des „Atlantic“ gekommen. Die Studien, die sie aus den USA anführt, sind erschütternd: Weniger als die Hälfte aller Erwachsenen hat 2022 ein Buch gelesen. Der Anteil jener, die zum Vergnügen Bücher lesen, sinkt in allen Alters- und Bildungsschichten von Jahr zu Jahr. Immer weniger Menschen können sinnerfassend lesen und Bücher richtig wiedergeben. Lehrer senken die Ansprüche, Kinder wachsen nicht mit Büchern, sondern mit digitalen Textfragmenten auf, sofern diese nicht bereits durch Kurzvideos auf Social Media verdrängt worden sind.

Wie Buchhandlungen und Verlage den dramatischen Schwund intellektueller Anziehungskraft überleben sollen, steht dahin. Ein vernünftiger Weg, auf dem die Bedrohung des Planeten ebenso wie die Gefährdung unseres Wissens abgewendet werden können, scheint noch nicht gefunden. So bewegen wir uns nicht nur in der Natur in einem Klima der Schuld – denn es liegt ja in der Hand jedes Einzelnen, daran etwas zu ändern.

Politikredakteurin Hannah Bethke ist bei WELT zuständig für die SPD und innenpolitische Debatten.

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