Russland führt seine Angriffe gegen die Ukraine in aller Härte fort – insbesondere der Mangel an Patriot-Abwehrraketen setzt Kiew zu. Weil große Fortschritte an der Front jedoch ausbleiben, versucht der russische Präsident Wladimir Putin zudem, den Krieg nach Europa zu tragen. Der renommierte Militäranalyst Oberst Markus Reisner erklärt, warum die kommenden Monate für die Ukraine, aber auch die westlichen Verbündeten, entscheidend sein könnten.
WELT: Oberst Reisner, hat Sie der Fund einer Sprengstoff-Drohne am Flughafen Leipzig, die gegen ein ukrainisches Transportflugzeug gerichtet war, überrascht?
Markus Reisner: Nein. Wir sehen eine erwartbare Eskalation im Rahmen der hybriden Kriegsführung.
WELT: Aber der Einsatz von Drohnen über Flughäfen ist doch nicht neu?
Reisner: Aber in der Vergangenheit waren das Drohnen, die mutmaßlich Aufklärungsflüge durchführen sollten. Dieses Mal in Leipzig wurde zum ersten Mal auf europäischem Boden nachweisbar eine mit Sprengstoff beladene Drohne eingesetzt. Das ist eine völlig neue Qualität.
Oberst Markus Reisner, Offizier des österreichischen BundesheersWELT: Immerhin ist die Drohne nicht explodiert.
Reisner: Es sind viele Fragen offen. Warum ist der Angriff letztlich gescheitert? War das Zufall oder Absicht? Es kann auch sein, dass der Verursacher nur Verunsicherung, Unmut und Schrecken in der Bevölkerung auslösen, mehrere Tausend Beamte in unterschiedlichen Behörden beschäftigen und die Regierung in Bedrängnis bringen wollte. Dieses Ziel wurde mit einem minimalen Aufwand und ohne eine Explosion erreicht.
WELT: Offen ist auch, wer hinter dem Angriff steckt.
Reisner: Ich schließe mich der Bewertung der US-Geheimdienste an und gehe davon aus, dass Russland dafür verantwortlich ist. Der Kreml profitiert von einer solchen Aktion am meisten. Aber es könnte theoretisch auch die Ukraine gewesen sein. Ein Indiz dafür könnte sein, dass nichts explodiert ist. Auch ein solches Szenario muss man als unabhängiger Analyst bedenken. Es wird extrem schwer sein, herauszufinden, wer dahintersteckt. Auch hier könnte es theoretisch ein Terrorist, der auf eigene Faust oder im Auftrag handelt, gewesen sein.
WELT: Was bedeutet der Vorfall für Deutschland?
Reisner: Die Sicherheitsbehörden werden vor ganz neue Herausforderungen gestellt. Die Bevölkerung erwartet, dass der Staat in der Lage ist, Flughäfen und andere kritische Infrastruktur zu schützen. Das erfordert Milliarden-Investitionen und es müssen rasch Zuständigkeiten zwischen den Behörden geklärt werden.
WELT: Lässt sich kritische Infrastruktur denn vollständig schützen?
Reisner: Das ist eine absolute Illusion. Sie können davon ausgehen: Der erste Schlag wird immer erfolgreich sein. Warum? Weil er Sie zeitlich, räumlich und vom Ansatz der Mittel überraschen kann. Da kann man alles noch so gut sichern. Das schürt Unsicherheit. Künftig werden die Menschen mehr Angst haben und über ihre Sicherheit besorgt sein. Wichtig ist eine gute geheimdienstliche Voraufklärung, die ein Bedrohungsbild abgibt. Aber wenn der Gegner es darauf anlegt, kann er Sie überraschen – zumindest beim ersten Mal. Hinzu kommen Fragen, die sich die Menschen jetzt stellen: Ist unser Luftraum eigentlich sicher? Können wir es uns leisten, weiterhin die Ukraine mit Milliardensummen und Waffen zu unterstützen, oder muss man nicht zuerst an die Sicherheit des eigenen Landes denken? Auch diese Fragen sind ganz im Interesse Russlands.
WELT: Wären die Europäer denn heute nicht in der Lage, einen massiven russischen Angriff mit ballistischen Raketen, wie er mehrmals im Monat in der Ukraine passiert, abzuwehren?
Reisner: Meine Antwort auf diese Frage ist: nein. Aber ich sehe auch keinen Grund, warum Moskau das tun sollte.
Ein nach einem russischen Angriff völlig zerstörtes Wohngebäude in OdessaWELT: Sie gehen also nicht davon aus, dass Russland in den kommenden Jahren ein europäisches Land angreifen wird?
Reisner: Ich wäre da sehr vorsichtig. Ein solcher offener militärischer Angriff würde die Geschlossenheit der Nato stärken und eine militärische Antwort hervorrufen. Das ist genau das, was Moskau nicht will. Aus russischer Sicht ist es viel sinnvoller, die hybriden Angriffe gegen den Westen zu verstärken, verdeckt im Graubereich zu operieren und damit die Unsicherheit im Westen zu verstärken. 1000 Internet-Trolle sind in unseren Gesellschaften wirkungsvoller als 100.000 schwer bewaffnete Soldaten.
WELT: Sie erwarten demnach nicht, dass Russland an der Ostflanke versuchen könnte, die Nato zu testen?
Reisner: Dass eine russische Einheit mit voller Ausrüstung und mit der Flagge Russlands in der Hand die Grenze überschreitet, ist derzeit sehr, sehr unwahrscheinlich. Realistisch wäre aber, dass russische Agenten verdeckt beispielsweise in einer Stadt wie Narva in Estland mit einem hohen Anteil an russischer Bevölkerung agieren, die Menschen aufwiegeln und sich die Provinz Narva plötzlich als unabhängig erklärt. Das haben wir bereits auf der Krim und in der Ostukraine gesehen. Auch das ist hybride Kriegsführung. Der Westen würde nur schwerlich eine geschlossene Antwort darauf finden. Die Frage ist doch: Wären Washington oder Madrid bereit, für die Provinz Narva im fernen Estland einen Krieg zu riskieren?
WELT: Schauen wir auf den Krieg in der Ukraine. Wie sieht die Lage an der Front aus?
Reisner: Wir haben eine Pattsituation. Für beide Seiten gibt es kein wirkliches Vor und kein Zurück. Die Todeszone an der Front ist mittlerweile wegen des exzessiven Drohneneinsatzes 50 Kilometer breit. Größere Vorstöße sind für beide Seiten nicht möglich. Es gibt nur noch diesen mühsamen, elendigen und unglaublich brutalen Abnutzungskrieg.
WELT: Wird dieser Krieg denn überhaupt noch an der Front entschieden?
Reisner: Weil es auf der taktischen und operativen Ebene, also auf dem Schlachtfeld, nicht mehr vorangeht, eskalieren beide Seiten jetzt auf der strategischen Ebene und führen dort die entscheidenden Schlachten. Russland tut das auf zweierlei Art: Moskau versucht, den Krieg nach Europa zu tragen, wie mutmaßlich zuletzt am Flughafen Leipzig, und so die Unterstützung der Bevölkerung im Westen für die Ukraine zu unterminieren. Gleichzeitig führt Russland – ebenso wie umgekehrt die Ukraine – mit weitreichenden Waffen Luftangriffe auf dem Territorium des Gegners durch. Dabei ist die Ukraine verwundbar, ihr fehlen ausreichend Flugabwehrwaffen wie Patriot-Raketen, die die Angriffe auf Städte und Infrastruktur abwehren. Wenn das so weitergeht, steht der Ukraine der härteste Winter seit Kriegsbeginn bevor. Es dürfte dann kaum noch Strom und Wärme geben, weil die Energie-Infrastruktur fast vollständig zerstört sein wird. Zu bereits 80 Prozent ließ vor Kurzem der ukrainische Energieminister wissen. Auch die Wasserversorgung und die Lagerhäuser für Lebensmittel werden gezielt bombardiert.
Rettungskräfte in Charkiw räumen die Trümmer auf, nachdem eine russische Gleitbombe ein städtisches Krankenhaus getroffen hat.WELT: In Nato-Kreisen heißt es, ein Waffenstillstand im Herbst oder im Winter wäre durchaus realistisch. Sehen Sie das auch so?
Reisner: Ich teile diese Sichtweise. Die Möglichkeit eines Waffenstillstands im kommenden Herbst oder Winter ist so groß wie niemals zuvor seit Kriegsbeginn. Dafür gibt es eine Reihe von Indizien in Militärkreisen. Und politisch gesehen braucht US-Präsident Trump vor den Zwischenwahlen zum Kongress (midterms, d. Red.) im Herbst einen Erfolg, nachdem er sich mit dem Iran-Krieg derart verrannt hat. Trump versucht derzeit auf Kiew und Moskau gleichermaßen, enormen Druck auszuüben, damit sie sich auf einen Waffenstillstand einigen.
WELT: Wie denn?
Reisner: Die Amerikaner verweigern der Ukraine die dringend benötigten Patriot-Raketen zur Luftabwehr. Das ist die Achillesferse der Ukraine und gibt Moskau die Möglichkeit, weiter Druck auszuüben, gegen den sich Kiew nur schwer wehren kann. Gleichzeitig stellt die US-Administration der Ukraine aber Aufklärungsdaten und KI als Analysewerkzeuge zur Verfügung, die die ukrainischen Streitkräfte auch für Angriffe auf russisches Territorium benötigen. Das kann natürlich auch ein gefährliches Spiel sein. Denn Russland könnte dem Druck standhalten und noch weiter eskalieren – in der Ukraine und durch noch mehr hybride Angriffe im Westen.
WELT: Steigt die Eskalationsgefahr durch die Angriffe der Ukraine auf russische Städte und Ölraffinerien?
Reisner: Das könnte auf Dauer eine rote Linie für Russland sein. Und wir haben in der Vergangenheit gesehen: Wann immer Moskau eine rote Linie als überschritten betrachtet, ist man bereit zu eskalieren.
WELT: Als es im Jahr 2022 im Ukraine-Krieg kurzfristig eng geworden war für die russischen Streitkräfte, drohte Moskau mit dem Einsatz taktischer Nuklearwaffen.
Reisner: Das stimmt und ist gut dokumentiert. Washington nahm diese Drohung damals so ernst, dass die ukrainischen Streitkräfte 35.000 russische Soldaten friedlich aus der Region Cherson über den Fluss Dnipro abziehen lassen mussten. Washington hatte damit signalisiert: Wir wollen deeskalieren.
WELT: Wäre der Kreml bereit, Atomwaffen einzusetzen?
Reisner: Das wissen wir nicht. Es gibt da zwei Lager: Die einen sagen, das ist alles nur Bluff. Die anderen betonen, Atomwaffen seien doch dafür da, eine totale Niederlage und den Untergang der eigenen Herrschaft zu vermeiden. Fest steht: Washington hat die nukleare Drohung im Jahr 2022 ernst genommen. Und die US-Präsidenten Biden und Trump haben beide erklärt, dass sie nicht bereit wären, einen 3. Weltkrieg für die Ukraine zu riskieren.
Christoph B. Schiltz ist Korrespondent in Brüssel. Er berichtet unter anderem über Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU, die europäische Migrationspolitik, die Nato und Österreich.
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