Viel zu reisen gehört zur Amtsbeschreibung eines Außenministers, doch Johann Wadephul (CDU) hat zuletzt ein Händchen für besondere Orte zu besonderen Zeitpunkten: Ende letzten Monats flog er für ein südamerikanisches Gipfeltreffen nach Paraguay – als erster deutscher Außenminister in dem Land seit über 30 Jahren, ausgerechnet in der Nacht der deutschen WM-Niederlage.
Diesen Montagmorgen ist er nach Mauretanien aufgebrochen, wo ebenfalls seit knapp 20 Jahren kein Bundesaußenminister mehr war – während daheim die eigene Partei nach Jens Spahns Rücktritt in Aufruhr ist und sogar eine Regierungsumbildung im Raum steht.
Um sein Amt muss sich Wadephul jedoch kaum Sorgen machen, der länger geplante Trip nach Mauretanien hat dafür umso mehr seine Berechtigung: Der Wüstenstaat an der westafrikanischen Küste ist ein seltener Stabilitätsanker in der durch Konflikte, Terrorismus und Russland-Söldner geprägten Region.
Nachdem in vier der sieben Sahel-Staaten – Mali, Burkina Faso, Niger und Sudan – in den letzten Jahren das Militär an die Macht putschte und auch der Tschad als autoritär regiert gilt, ist Mauretanien neben Senegal die einzige verbliebene Demokratie in der Gruppe. Der einst in der Hauptstadt Nouakchott ansässige Sahel-Bund ist längst zerbrochen, stattdessen gewinnen China, Russland und auch die Türkei in der Region an Einfluss.
Wie fragil sich die Sicherheitslage entwickelt, zeigt ein Vorfall aus dem Nachbarland Mali vom Wochenende: Dort überfielen Dschihadisten und Tuareg-Separatisten einen Militärkonvoi und sorgten mit über 50 getöteten Soldaten für die blutigste Attacke der letzten 15 Jahre.
Mali, das ist wohlgemerkt das Land, in dem bis vor knapp drei Jahren noch die Bundeswehr im Rahmen einer UN-Mission im Einsatz war, bis die Militärjunta die internationalen Truppen rauswarf und stattdessen auf Wladimir Putins Afrikakorps setzte. Jetzt sind die Sorgen in Berlin und Brüssel groß, dass sich die Gewalt und Instabilität weiter ausbreiten und mit ihren Folgen wie Terrorismus und Migration auch für Europa ein Problem werden könnten.
Bundesaußenminister Johann Wadephul (l., CDU) und sein mauretanischer Amtskollege Mohamed Merzoug (r.) bei einer Pressekonferenz„Die Auswirkungen der Dauerkrise in Zentralsahel haben längst auch die Küstenanrainerstaaten erreicht“, warnte Wadephul bei einer Pressekonferenz mit seinem mauretanischen Amtskollegen Mohamed Merzoug. „Terrorismus, Gewalt und Instabilität drohen sich weiter auszuweiten.“ Deutschland wolle Mauretanien in seiner Rolle als „wichtiger, verlässlicher und stabiler Partner“ noch stärker unterstützen, etwa bei der Flüchtlingshilfe, wo das 5-Millionen-Land rund 320.000 Flüchtlinge aus Mali aufgenommen hat. Durch UN-Gelder und deutsche Entwicklungshilfe wolle man dafür sorgen, dass die „aufnehmenden Gemeinden nicht im Stich gelassen werden“.
Merzoug trägt derweil eine Liste an weiteren Wünschen vor, die man an Deutschland hat: etwa Sicherheit und Verteidigung – wo die Bundeswehr beispielweise beim Training der Armee helfen könnte – oder Investitionen in Infrastruktur und erneuerbare Energien. Tatsächlich ist Mauretanien neben Rohstoffen auch ein potenzieller zukünftiger Lieferant von grünem Wasserstoff für Deutschland.
Es gebe einen „neuen Aufschwung“ in den Beziehungen, so Merzoug. Negativ fällt allerdings auf, dass der mauretanische Außenminister die Pressekonferenz nach einleitenden Bemerkungen durch ihn und Wadephul abbricht, bevor überhaupt Fragen gestellt werden können – angeblich aus Zeitmangel. Das war kein gutes Beispiel in puncto Demokratie und Pressefreiheit für die Gäste aus Deutschland.
Wadephuls Hoffnungen in Mauretanien
Wadephul, der im Anschluss auch noch den Präsidenten Mohamed Ghazouani trifft, verbindet mit dem Besuch jedoch eine konkrete Hoffnung: dass Mauretanien mit seiner Stabilität positiv in die fragile Sahel-Region hineinwirken könne. Da die ehemalige Kolonialmacht Frankreich hier eine zunehmend schwierige Rolle hat – Burkina Faso brach gerade erst vor wenigen Wochen seine diplomatischen Beziehungen mit Paris ab –, könnte Deutschland aktiver werden, so der Gedanke. Der Besuch ist daher auch ein Fühler-Ausstrecken: Nach 20 Jahren Abwesenheit will man sich mehr in der Region engagieren.
Was in Mauretaniens auffällt, ist die erfolgreiche Bekämpfung von radikalen Ideologien in dem islamischen Land. Nach einer Reihe von terroristischen Anschlägen zwischen 2005 und 2011 setzte die Regierung in Nouakchott konsequent auf Prävention.
Eine wichtige Rolle dabei spielt auch das von Deutschland von 2024 bis 2028 mit rund 7,2 Millionen Euro geförderte Netzwerk der „Mourchidates“, auf Deutsch die „spirituellen Führerinnen“: Dies sind rund 75 Frauen – zumeist Lehrerinnen an Koranschulen oder Gemeindeleiterinnen –, die im ganzen Land und insbesondere in der Grenzregion zu Mali aktiv sind. Mit theologischen Argumenten gehen sie in Moscheen, Koranschulen und Gefängnisse, um dort dem radikalen Islam entgegenzuwirken.
Am Abend stattet Wadephul Vertreterinnen des Netzwerks im UN-Regionalbüro einen Besuch ab. Für wie wichtig er ihren Beitrag ansieht, hatte er schon zuvor vor der Presse betont: „Ihr Land ist eine wichtige Stimme der Besonnenheit, der Mäßigung und der Toleranz in dieser Region. Es geht darum, Sicherheit auch durch Extremismusprävention zu schaffen.“
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