Sven Schulze, 46, ist seit Januar 2026 Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Zuvor war er Wirtschaftsminister. Seit März 2021 ist er Vorsitzender der Landes-CDU.
WELT: Herr Schulze, die CDU hat die Landtagswahl in Baden-Württemberg verloren. Was sind die Gründe der Niederlage?
Sven Schulze: Das ist sicher nicht das Ergebnis, das wir uns gewünscht und erwartet haben. Unser Ziel war der Wahlsieg. Aber man muss auch sehen, dass die CDU mit Manuel Hagel Stimmen hinzugewonnen hat. Aus dieser Wahl lassen sich zwei Schlüsse ziehen: Umfragen sind das eine, das Ergebnis am Wahltag ist etwas anderes. Die Grünen lagen viele Monate deutlich hinter der CDU, zum Teil bis zu 16 Prozent. Das spiegelt sich im Ergebnis nicht wider. Und noch wichtiger ist: Am Ende kommt es vor allem auf den Spitzenkandidaten an – immer weniger auf Programme und Parteien.
WELT: Welche Konsequenzen ziehen Sie als CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September?
Schulze: Man kann nicht alles eins zu eins aus Baden-Württemberg übertragen. Aber auch in Sachsen-Anhalt wird es eine Fokussierung auf zwei Parteien geben. Im Südwesten waren es CDU und Grüne, in Sachsen-Anhalt wird es CDU gegen die AfD sein. Wie wir in Baden-Württemberg gesehen haben, sind die Spitzenkandidaten entscheidend, daher wird der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt stark auf mich zugeschnitten sein. Als Ministerpräsident habe ich die Möglichkeit, durch meine Regierungsarbeit zu zeigen, wie ich mir die Zukunft unseres Landes vorstelle. Von Umfragen und Zwischenständen lasse ich mich bis dahin nicht beirren. Am Ende zählt der Wahltag.
WELT: Kanzleramtsminister Thorsten Frei (CDU) weist eine Verantwortung der Bundespartei für die knappe Niederlage zurück. Die Bundes-CDU habe geliefert. Ist das so?
Schulze: Landtagswahlen werden immer auch über landesspezifische Themen entschieden. Das ist in Baden-Württemberg nicht anders als bei uns. Im Übrigen hat die grüne Partei dort auch klassische CDU-Themen versucht zu besetzen. Die Themen in Landtagswahlen hängen sehr stark vom jeweiligen Bundesland ab. Zur Wahrheit gehört aber auch: Landtagswahlen sind nie völlig losgelöst von der Bewertung einer Bundesregierung. Das spielt immer mit hinein.
WELT: Würden Sie sagen, Sie bekommen Rückenwind von der Bundespartei und der Bundesregierung?
Schulze: In den jüngsten Umfragen sieht man, dass die Unionsparteien auf Bundesebene wieder leicht zugelegt haben. Das ist positiv. Aber das muss in den nächsten Monaten noch deutlich stärker werden.
WELT: Wird es nach diesem Rückschlag nicht schwerer, mit Schwung in das Superwahljahr zu starten? In der CDU heißt es, man habe einen Erfolg in Baden-Württemberg gebraucht, um bei den übrigen Wahlen gut abschneiden zu können.
Schulze: Diese Meinung habe ich nie geteilt. Jede Landtagswahl ist anders, hat ihre ganz eigenen Ausgangsbedingungen und speziellen Themen. Man kann sie nicht miteinander vergleichen. Und deshalb glaube ich nicht, dass das Ergebnis in Baden-Württemberg für die Wahl in Sachsen-Anhalt ausschlaggebend ist oder negative Auswirkungen haben könnte.
WELT: War der Abgesang auf die Grünen, der nach dem Aus der Ampel-Koalition gerade von der CDU häufig angestimmt wurde, zu früh?
Schulze: Cem Özdemir hat doch gar keinen Wahlkampf für die Grünen gemacht, sondern einen Wahlkampf für Cem Özdemir. Es gab in den vergangenen Jahren kaum einen prominenten Wahlkämpfer, der seine eigene Partei so in den Hintergrund gestellt hat. Er wird das, was er im Wahlkampf versprochen hat, mit seiner Fraktion in dieser Form nicht umsetzen können. Dort wollen die ganz anderen Dinge als die, die er im Wahlkampf vertreten hat. Das wird eine große Herausforderung für Baden-Württemberg. Man kann eine Wahl vielleicht als Alleinkämpfer gewinnen – aber so regiert man kein Land fünf Jahre lang. Das werden schwierige Jahre für Baden-Württemberg.
WELT: Der Bundesparteitag der CDU in Stuttgart wirkte farblos, der Wahlkampf im Südwesten ebenfalls. Sind Sie zufrieden mit dem Profil der CDU?
Schulze: Ich bewerte das Profil in Sachsen-Anhalt, dort bin ich Ministerpräsident und Spitzenkandidat. Und dort werden wir ein deutliches bürgerlich-konservatives Profil zeigen. Wir äußern uns zu den Themen, die unser Bundesland betreffen, und entscheiden danach, was richtig und gut für Sachsen-Anhalt ist – nicht danach, ob wir möglicherweise mit einer Forderung oder Formulierung anecken. Man muss im Wahlkampf auch mal anecken, um wahrgenommen zu werden. So arbeite ich seit Jahren, und so kennen mich die Menschen in Sachsen-Anhalt.
WELT: Was meinen Sie mit „anecken“? Können Sie ein Beispiel nennen?
Schulze: Ein aktuelles Beispiel ist meine Forderung nach einer Reform des europäischen Zertifikatehandels für unsere Industrie. Ich weiß, dass ich damit in Teilen der Bundesregierung, insbesondere bei der SPD, nicht nur auf Zustimmung stoße. Aber das hält mich nicht davon ab, diese Position klar zu vertreten. Ich habe deutlich gemacht, warum ich diese Reform für richtig halte: weil sie gut und notwendig für unsere Wirtschaft ist. Als Regierungschef nehme ich mir heraus, solche Themen offensiv anzusprechen.
WELT: War es klug von der CDU-Spitze, vor wenigen Wochen das Ziel auszurufen, im Frühjahr zehn Ministerpräsidenten zu stellen?
Schulze: Es ist doch richtig, dass die CDU immer den Anspruch hat, Wahlen zu gewinnen – auf allen politischen Ebenen. Das ist Teil des Profils einer Volkspartei. In Baden-Württemberg gab es die Sondersituation, dass sich das gesamte linke Lager auf Cem Özdemir konzentriert hat. Er hat einen sehr personalisierten Wahlkampf geführt, teilweise auch in einer Art und Weise, die nicht immer fair war – vor allem in den letzten zwei Wochen.
WELT: Können Sie dennoch die parteiinterne Kritik verstehen, dass die CDU zu oft Erwartungen schürt und dann nicht liefern kann?
Schulze: Es ist sicher nicht immer richtig gewesen, Erwartungen zu wecken, die dann nicht erfüllt werden konnten. Stichwort Stromsteuer. Das haben wir intern besprochen. Das Erwartungsmanagement muss sich ändern. Man muss darauf achten, dass das, was man kommuniziert, am Ende auch umgesetzt werden kann – gerade in schwierigen Konstellationen in Berlin. In den vergangenen Monaten ist das nicht immer gut gelungen. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, ambitioniert zu sein.
WELT: Die AfD hat in Baden-Württemberg deutlich zugelegt. Alarmiert Sie das mit Blick auf die Wahl in Sachsen-Anhalt?
Schulze: Man kann es auch anders sehen: Wenn man sich die Umfragen anschaut, ist das Ergebnis der AfD eher schwächer ausgefallen als prognostiziert. Die Skandale, die Vorwürfe der Vetterwirtschaft und die mangelnde Problemlösungskompetenz haben offenbar Eindruck hinterlassen – zumindest bei Wechselwählern. Aber auch hier gilt: Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt sind nicht vergleichbar.
WELT: Die SPD wurde erneut abgestraft. Wird das Regieren in Berlin dadurch schwieriger?
Schulze: Ich rate davon ab, aus jeder Landtagswahl unmittelbare Schlüsse für das Regieren in Berlin zu ziehen. In Berlin weiß jeder, dass in diesem Jahr gute Ergebnisse für Deutschland geliefert werden müssen. Die SPD hat in Baden-Württemberg eine schwere Niederlage erlitten und ist nur knapp in den Landtag eingezogen. Das muss sie intern aufarbeiten. Jede Partei muss ihre eigenen Konsequenzen ziehen – wir genauso wie unsere Koalitionspartner.
WELT: Hagel wurde im Wahlkampf von einem Jahre zurückliegenden Video eingeholt, Stichwort „rehbraune Augen“. Haben Sie geprüft, ob es von Ihnen Material gibt, das Ihnen schaden könnte?
Schulze: Was ich in Baden-Württemberg erlebt habe, wirft schon die Frage auf, ob es notwendig war, diesen alten Mitschnitt über Wochen hinweg medial zu pushen – obwohl sich Manuel Hagel klar entschuldigt hat. Der Vorfall liegt acht Jahre zurück. Wenn so etwas gezielt genutzt wird, um jemanden schlecht dastehen zu lassen, muss man fragen, ob das ein fairer Wahlkampf ist. Was mich betrifft: Mir ist nichts bekannt, das mich im Nachhinein in Bedrängnis bringen könnte.
Nikolaus Doll berichtet über die Unionsparteien und die Bundesländer im Osten.
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