Eine Dreiviertelstunde lang steht Louis Sarkozy am Rednerpult im Festsaal des Hotels „L’Orangeraie“ in Menton, die Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn. „Keine Slogans, sondern Projekte, Termine, Resultate“, verspricht er für die Zukunft der 30.000-Einwohner-Stadt an der Côte d’Azur. Dann fällt der letzte, der entscheidende Satz: „Die bürgerliche Rechte ist zurück!“
Lauter Applaus im überfüllten Saal. Seine Botschaft gefällt in einer Stadt, die seit Jahrzehnten konservativ wählt, inzwischen aber fest in der Hand des Rassemblement National (RN) ist. Frankreichs Konservative hingegen stecken in einer tiefen Krise. Die Partei Les Républicains (LR) kann einen Hoffnungsträger dringend gebrauchen. Aber hat Louis Sarkozy das Zeug dazu?
Nach 17 Jahren in den USA ist der jüngste Sohn von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy Anfang 2025 nach Frankreich zurückgekehrt. Im September kündigte er seine Kandidatur für das Rathaus in Menton an. „Renouveaux Mentonais“ heißt seine Liste, Erneuerung Mentons.
Er hat dafür die Unterstützung von LR, aber auch die von Renaissance, der Partei von Emmanuel Macron. Sollte er die Kommunalwahlen Mitte März gewinnen, wäre er mit 28 Jahren Bürgermeister, genau wie der Vater, der damals ins Rathaus von Neuilly einzog. Wer weiß, was dann noch kommt.
Der „Fallschirmkandidat“
„Er hat die Politik im Blut“, verrät seine Frau, Natali Husić, Tochter kroatischer Diplomaten, die im Publikum steht. Und hat er nationale Ambitionen? „In 20 Jahren vielleicht“, versucht sie, die Frage lächelnd abzutun. Louis Sarkozy, der die meiste Zeit ohne seinen prominenten Vater aufgewachsen ist, will dessen Anerkennung, er will in dessen Fußstapfen treten. Und in Frankreich beginnt eine große politische Karriere gern als Bürgermeister. Als einen „hungrigen Wolf“ hat ihn unlängst jemand beschrieben.
Im Saal des Hotels stehen zwei ältere Damen, die sich für die Jugend des Kandidaten begeistern. Menton brauche neue Ideen, neues Blut, darin sind sich beide einig. Marthe, die ihren Nachnamen nicht nennen will, ergänzt: „Aber ich bin nicht sicher, ob sein Name wirklich ein Vorteil ist.“
Menton ist keine so schlechte Wahl für einen „Fallschirmkandidaten“, wie die Franzosen einen Amtsbewerber nennen, der wie ein Fallschirmspringer vom Himmel fällt, ohne längere Bindungen an die Stadt. Es ist der letzte Ort vor der italienischen Grenze, bekannt für sein mildes Klima und seine Zitronen. Die Häuser sind bunt wie an der italienischen Riviera, das Meer von unverschämtem Blau. Menton steht für Dolce Vita, auf Französisch.
Nach dem Auftritt erklärt Sarkozy, was er mit der Rückkehr der Konservativen meint: „Das heißt schlicht, dass der RN nicht das Monopol der Rechten in diesem Land hat“, sagt er im Gespräch mit WELT AM SONNTAG. Seine Liste stehe für eine „wahre Rechte der Nähe und der Autorität“. Er lasse sich von dem „Wahlriesen RN“ nicht einschüchtern. „Bald wird die Luft aus ihm raus sein“, prophezeit er.
„Sarkozy zu heißen, ist ein Vorteil“
Louis Sarkozy, 1,90 Meter groß und 90 Kilogramm schwer, hat Präsenz und die politische Passion, die es braucht, um andere mitzuziehen. Seinen Vater überragt er um einen Kopf. Aber es gibt unverkennbar Ähnlichkeiten in der Körpersprache.
Das Hochglanzmagazin „Paris Match“ hat er zur Homestory in das neue Zuhause in Menton eingeladen. Bei dieser Gelegenheit hat er auch seine Tätowierungen gezeigt: römische Münzen, lateinische Wahlsprüche, Rutenbündel, die verdächtig an faschistische Insignien erinnern – alles nur auf der rechten Seite seines Körpers, weil dort sein politisches Herz schlägt, wie er sagt.
Seinen Sohn hat er Sylla Nicolas genannt, nach dem römischen Diktator Sulla und dem prominenten Großvater. Als das Kind am 24. Oktober geboren wurde, saß Opa Nicolas gerade im Gefängnis, weil er wegen Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung in der sogenannten Libyen-Affäre in erster Instanz zu fünf Jahren Haft verurteilt worden war.
Sind die Affären, die die Karriere des Vaters überschatten, ein Handicap? Louis winkt ab. „Sarkozy zu heißen, ist überall und jederzeit, in allen Regionen und Epochen und in jedem Lebensalter ein Vorteil und ein Privileg, niemals eine Last“, sagt er, während aus seinen grünen Augen Blitze schießen.
Louis liebt Napoleon, in den USA hatte er eine ansehnliche Waffensammlung, er ist Bodybuilder, Motorradfan und Jiu-Jitsu-Kämpfer, der kein Geheimnis aus seiner Bewunderung für den argentinischen Präsidenten Javier Milei und für US-Präsident Donald Trump macht, bei dessen Amtseinführung vor einem Jahr er anwesend war. „Ich habe nicht die Anti-Trump-Krankheit“, sagt er im Gespräch. „Die Grönlandgeschichte ist für uns eine Katastrophe. Aber es geht in der Geopolitik nicht um moralische Verurteilungen, sondern um Interessen. Grönland ist im Interesse der Amerikaner“, bemerkt er trocken.
Auch über das brutale Vorgehen der Einwanderungsbehörde ICE kann er sich nicht echauffieren. „Trump macht, was er angekündigt hat. Remigration ohne Waffen, ohne Zwang, das gibt es nicht. Wer das Gegenteil behauptet, ist ein Heuchler.“
„Essayist“, Banker, Kolumnist
Bislang hat sich der Sohn des Ex-Präsidenten vor allem ausprobiert. In Frankreich wird er als „Essayist“ vorgestellt, weil er letztes Jahr einen 320-Seiten-Wälzer über Napoleon veröffentlicht hat. Aber auch als Banker in Kolumbien hat er sich versucht und mit Luxus-Loafers. Die Modelle der Herrenschuhe waren nach historischen Persönlichkeiten benannt, nach William Shakespeare und Sigmund Freud.
Seit seiner Rückkehr nach Frankreich ist er in den französischen Medien allgegenwärtig. Beim Nachrichtenkanal LCI tritt er als mutiger Meinungsmacher auf, der Sender gehört dem Milliardär Martin Bouygues, Trauzeuge der Eltern und Patenonkel von Louis. Er bezeichnet sich als „Mann von rechts, der dazu steht“. Auch das rechtsnationale Wochenmagazin „Valeurs Actuelles“ bereichert er mit einer regelmäßigen Kolumne.
Manchmal schlägt er einfach nur die Abschaffung der Ampeln vor. Oder er fordert die Französinnen und Franzosen angesichts der sinkenden Geburtenrate feierlich dazu auf, „Liebe zu machen“. Zu seinen Scoops gehört ein einstündiges Interview mit dem Kettensägenpräsidenten Milei für seinen Blog „In aller Freiheit“.
Louis Sarkozy ist wie aus dem Nichts aufgetaucht. Die Franzosen erinnerten sich noch gut an die Fotos des kleinen Jungen, der unter dem massiven Empire-Schreibtisch seines Vaters im Innenministerium spielte. Die Homestory hatte damals etwas von den Kennedys.
In Erinnerung sind auch die Bilder von Vaters Amtseinführung 2007 im Élysée-Palast. Der Zehnjährige beugte sich fasziniert über das große Kreuz der Ehrenlegion. Mutter Cécilia Sarkozy trug Prada, goldener Satin, ihr Mann wischte ihr eine Träne von der Wange, die allerdings nicht aus Rührung floss, sondern nur ein Vorzeichen der anstehenden Trennung war. Wenig später verließ Cécilia den Präsidenten. Carla Bruni trat auf den Plan. Die „Sarkozy-Show“ beschäftige die Hochglanzmagazine über Monate.
Der kleine Louis folgte nach der Scheidung seiner Mutter. Nach Stationen in London und Doha besuchte er das französische Gymnasium in New York. Mit 14 begann er eine harte, vier Jahre dauernde Militärausbildung an der Valley Forge Academy in Pennsylvania. Dort hat er seinen Körper und auch seinen Charakter gestählt. Aus dem übergewichtigen Teenager wurde ein Sportfanatiker und amerikanischer Patriot und Staatsbürger, der die USA letztes Jahr nur verließ, weil er begriff, dass er als französischer Präsidentensohn bei den Marines keine Karrierechance hätte.
Konservative sind geschwächt
Seinen Vater hat man zu dessen Glanzzeiten gern als Duracell-Hasen beschrieben. Wenn man im Bild bleiben will, ist sein Sohn Louis eher Captain America, eine Avengers-Figur, kraftstrotzend und unbesiegbar. Unbesiegbar? Menton ist kein einfaches Pflaster. Jahrzehnte der Korruption im Rathaus haben die Konservativen geschwächt, wenn nicht vernichtet.
Der RN tritt mit einer Kandidatin an, die die allerbesten Chancen hat. Alexandra Masson, eine 54 Jahre alte Anwältin, mit stahlblauen Augen und pechschwarzem Haar, ist bei den jüngsten Parlamentswahlen gleich im ersten Wahlgang ins Parlament gewählt worden. „Ich bin keine Folklore-Kandidatin“, sagt sie spitz.
Auf nationaler Ebene spielt der Ausgang der Wahlen in Menton keine große Rolle. Dennoch wird das Ergebnis für Frankreich symptomatisch sein. Es wird zeigen, ob Namen noch ein Trumpf sind. „Soziale Reproduktion“ nannte das der Soziologe Pierre Bourdieu, wenn gesellschaftliche Positionen von Generation zu Generation vererbt werden. Der Autor der „Feinen Unterschiede“ hätte sicher seine Freude an dem facettenreichen Kandidaten gehabt.
Martina Meister berichtet im Auftrag von WELT seit 2015 als freie Korrespondentin in Paris über die französische Politik.
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