Inhalt des Artikels:
- Bundesregierung wollte Apotheken eigentlich wirtschaftlich entlasten
- Mehr als 300 Apotheken haben 2025 geschlossen
- Online-Handel und Marktketten sind starke Konkurrenz
- Apotheker-Honorar seit 13 Jahren nicht erhöht
- Apotheken sollen noch weitere Leistungen anbieten
Bundesregierung wollte Apotheken eigentlich wirtschaftlich entlasten
Die Zahl der Apotheken in Deutschland geht seit Jahren dramatisch zurück. Aktuell sind es nur noch rund 16.700 Apotheken bundesweit. 2005 waren es laut Bundesverband Deutscher Apothekerverbände (ABDA) noch rund 21.500. Um die klassische Vor-Ort-Apotheke zu stärken, hatte sich die Bundesregierung im aktuellen Koalitionsvertrag eigentlich auf konkrete Ziele geeinigt. So sollte die Pauschale pro abgegebenem verschreibungspflichtigen Medikament, auch Honorar genannt, von 8,35 Euro auf 9,50 angehoben werden. Mit den Einnahmen über das Honorar werden alle Betriebskosten einer Apotheke bezahlt, von Personalkosten über Miete und Betriebskosten des Objekts.
Im Gesetzentwurf der Bundesregierung für eine Apothekenreform, der im Dezember vorgelegt wurde, ist von dieser Honorarerhöhung nicht mehr die Rede. Dafür sei kein Geld derzeit da, erklärte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken: "Gleichzeitig gehört es zur Wahrheit dazu, dass die Erhöhung mit Mehrausgaben von rund einer Milliarde Euro verbunden wäre und der Spielraum ist zum jetzigen Zeitpunkt schlichtweg nicht vorhanden."
Mehr als 300 Apotheken haben 2025 geschlossen
Mitte Dezember letzten Jahres hat die Bären-Apotheke im sächsischen Vogtland ihre Pforten geschlossen. 32 Jahre lang hat das Ehepaar Herzog die Apotheke gemeinsam geführt und ist nun in den Ruhestand gegangen. Einen Nachfolger sei nicht gefunden worden, weil sich die Apotheke schon längere Zeit nicht mehr wirtschaftlich gerechnet habe. "Mieten steigen, Strom, Energiekosten ganz extrem in den letzten Jahren, Personalkosten. Es steigt eigentlich alles. Was nicht steigt, ist die Apothekenentlohnung. Dramatisch ist das", sagt Andreas Herzog dem MDR-Magazin Umschau.
Verschärfend hinzukommen würde auch die immer geringer werdende Zahl der Mediziner in kleineren Städten und auf dem Land. "Wir haben bestimmt vier Allgemeinmediziner im näheren Umfeld verloren in den letzten zehn, 15 Jahren. Das trägt natürlich auch nicht gerade zum Wachstum einer Apotheke bei", so der 71-Jährige. Die Bären-Apotheke ist bereits die zweite Apotheke in Auerbach, die in nur einem Jahr dicht macht. Deutschlandweit waren es alleine 2025 mehr als 300 Schließungen.
Online-Handel und Marktketten sind starke Konkurrenz
Auch die wachsende Zahl der Online-Apotheken und dass Supermärkte rezeptfreie Medikamente anbieten, verschärft die Lage der Vor-Ort-Apotheken. Ganz neu dabei ist seit Dezember die Drogeriekette DM mit ihrem Online-Shop. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage sind Apotheken vor Ort für 96 Prozent der deutschen Bevölkerung wichtig. Einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung zufolge kaufen aber bereits auch 44 Prozent der Deutschen ihre Medikamente im Onlinehandel. "Zum Schluss entscheidet die Gesellschaft, wie viel ihr die Apotheke vor Ort wert ist, wie viel sie bereit ist zu investieren. Danach werden sich Apotheken ausrichten müssen", sagt Andreas Uhlig, der eine Apotheke im sächsischen Zwönitz betreibt.
Das Arzneimittelgesetz regelt aber, dass eine Online-Apotheke nur neben einer auch bestehenden Präsenz-Apotheke betrieben werden darf, die vor Ort auch Patienten berät. In Deutschland zumindest dürfen das wiederum nur approbierte Apotheker.
Festgelegt ist im Arzneimittelgesetz auch, was freiverkäufliche Arzneimittel sind, die in Supermarkt oder Drogerie angeboten werden dürfen. Der Händler muss dafür aber eine abgelegte Sachkundeprüfung vorweisen können. Wichtig: Freiverkäufliche Arzneimittel, wie Erkältungstees, Halslutschtabletten oder Bademoore, werden nur zur Vorbeugung und nicht zur Behandlung schwerer Krankheiten eingesetzt.
Apotheker-Honorar seit 13 Jahren nicht erhöht
In einer bundesweiten Protestaktion machten Apotheker bereits Mitte Dezember auf ihre wirtschaftliche Situation aufmerksam. "Alle Dienstleistungen, die Bürgerinnen und Bürger in ihrer Apotheke erfahren, werden durch dieses Honorar gedeckt. Dieses Honorar ist seit 13 Jahren nicht mehr erhöht worden. Das geht einfach betriebswirtschaftlich für die Apotheken nicht. Deshalb haben wir ein so extremes Absinken der Apothekenzahlen" sagt Thomas Preis, Präsident vom Bundesverband Deutscher Apothekerverbände, gegenüber dem MDR-Magazin Umschau.
Er sieht die Bundesregierung in der Pflicht, das Apotheker-Netz zu stärken, um die Medikamenten-Versorgung zu gewährleisten. "Apotheken gehören zur Daseinsvorsorge wie Gas, Wasser, Strom. Und da erwarten wir ganz klar, dass das funktioniert. Das System der Apotheken funktioniert noch, aber es muss auch dicht genug bleiben", fordert er. Die Bundesregierung müsse die Apotheken wirtschaftlich stärken, damit das Netz sich nicht noch weiter ausdünne.
Apotheken sollen noch weitere Leistungen anbieten
Laut neuem Gesetzentwurf sollen für Apotheken bald viele sogenannte pharmazeutische Dienstleistungen noch dazu kommen, wie weitere Schutzimpfungen, mehr Beratung oder Telemedizin – also medizinische Beratung über Computer oder Telefon. Claudia Sehmisch führt eine Apotheke in Leipzig. Für sie sind Leistungen wie Medikationsberatung und Zucker- und Blutdruckmessung bereits Alltag. "Es ist sehr wichtig, dass die Honorarerhöhung kommt. Aber es ist auch wichtig, dass wir versuchen, alles auszuschöpfen, was ansonsten bis jetzt möglich ist, was wir machen können als Apotheke und als Dienstleistung anbieten können, die auch abrechnungsfähig sind, wie die Medikationsberatung, wie das Impfen in der Apotheke", sagt sie dem MDR-Magazin Umschau.
Genau hier sieht Handelsexperte Carsten Kortum auch Potential, die Ärzte und damit das Gesundheitssystem noch weiter zu entlasten. In den größeren Städten in den USA seien Apotheken auch kleine Gesundheitszentren, "wo man seine Impfung, vielleicht auch schon eine erste Medikation bekommt", sagt der Studiengangsleiter für den Bereich BWL-Handel an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Heilbronn dem MDR-Magazin Umschau. Dort seien dann bereits Ärzte, Krankenpfleger und Krankenschwestern mit eingebunden. "Das wäre vielleicht auch eine Idee für Deutschland", so Kortum, "dass man da auch Impfungen zum Beispiel zulässt, die über eine reine Grippeimpfung vielleicht hinausgehen und vielleicht eine kleine Gesundheitsbehandlung auch schon ermöglicht". Wenn das Ärztesystem hierzulande damit Unterstützung erhalte, würden vielleicht auch viele Wartezeiten für kleinere Behandlungen der Geschichte angehören können.
MDR (cbr)
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