J.D. Vance wusste, dass es nun „jetzt oder nie“ hieß. Je länger der US-Vizepräsident im Lager von Donald Trump blieb, desto stärker würde auch ihm vorgeworfen werden, seine „America First“-Überzeugungen für einen weiteren Krieg im Ausland aufgegeben zu haben.

Und so entschied sich Vance – während die Republikaner nach ihrer demütigenden Niederlage bei den Midterm-Wahlen noch das Ausmaß des Schadens zu ermitteln versuchten –, eine vernichtende Kritik zur Entscheidung des Präsidenten abzugeben, gegen den Iran in den Krieg zu ziehen. „Dieser Krieg ist der Grund, warum wir verloren haben“, schrieb Vance am Mittwoch auf der Plattform X. „Der Präsident selbst hat das gestern Abend gesagt.“

Und weiter: „Wenn Sie argumentieren wollen, dass es das wert war – dass es den Verlust des Senats für die nächsten sechs Jahre wert war, dann tun Sie das. Argumentieren Sie, dass dies ein Preis war, den zu zahlen sich gelohnt hat. Dem kann man dann zustimmen oder auch nicht – aber zumindest ist es ehrlich.“

Bei dem X-Post, der laut zwei mit der Angelegenheit vertrauten Quellen ohne Zustimmung des US-Präsidenten verfasst worden war, handelte es sich um mehr als bloße Schadensbegrenzung: Für Vances enges Umfeld und die breitere MAGA-Bewegung war es sein Versuch, sich die Krone als neuer Anführer der amerikanischen Rechten zu sichern.

Eine mit dem Vizepräsidenten vertraute Quelle sagte der britischen WELT-Partnerpublikation „Telegraph“, Vances Wortmeldung sei eine subtile Erinnerung an Trumps Berater gewesen, dass seine Entscheidung, den Krieg nicht zu unterstützen, die richtige gewesen sei. Schon zu Beginn des Iran-Krieges am 28. Februar hatte sich Vance hinter den Kulissen gegen die Entscheidung des Präsidenten gestellt, die Vereinigten Staaten in einen weiteren Konflikt im Ausland zu führen.

Jetzt, da die Republikaner bei den Zwischenwahlen am Dienstag sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat auf verheerende Weise ihre Mehrheiten verloren haben, sieht er sich bestätigt. „Das war J.D., der im Alleingang vorpreschte und sagte: (Die Ablehnung des Krieges) war meine Position, und ich hatte recht damit“, fügte die Quelle hinzu. „Und niemand hat sich dagegen gestellt. J.D. ist als Sieger (aus dieser inhaltlichen Auseinandersetzung) hervorgegangen und ist jetzt der Anführer der amerikanischen Rechten.“

Laut Quellen aus Trumps Umfeld haben die Wahlergebnisse den Präsidenten frustriert. Einige seiner engsten Berater arbeiten demnach nun daran, ihn während der verbleibenden zwei Jahre seiner Amtszeit zu beschützen. Hintergrund sollen Befürchtungen sein, das Weiße Haus könnte sich in einen politisch isolierten Bunker verwandeln, belagert von den siegreichen Demokraten. Diese könnten Gesetze nach Belieben verabschieden und den Präsidenten zwingen, ihre Vorhaben entweder mit seinem Veto zu blockieren oder ihnen zuzustimmen. Auch eine Kabinettsumbildung, bei der alle als illoyal geltenden Personen aussortiert werden könnten, steht demnach im Raum.

Gefährdet ist Berichten zufolge etwa Pete Hegseth, Verteidigungsminister und Architekt des Krieges im Iran. Sergio Gor hingegen, derzeit US-Botschafter in Indien, soll zu den Kandidaten gehören, die für einen hochrangigen Posten in der Regierung in Betracht gezogen werden, darunter den des Stabschefs im Weißen Haus.

„J.D. und sein Team sind in Panik geraten“

Eine mit der Situation vertraute Quelle deutete aber auch an, dass Vances öffentliche Einschätzung zu den Midterms Fragen hinsichtlich seiner Loyalität und seiner Absicht aufwerfe, selbst für das Präsidentenamt zu kandidieren. „Er hat den Tweet nicht vorher mit dem Präsidenten abgestimmt“, sagte die Quelle. „J.D. und sein Team sind in Panik geraten, weil sie verstanden haben, dass es vorbei ist. Das Ganze ist eine Farce. So etwas muss (mit Trump) abgestimmt werden.“

Der sich abzeichnende Bruch zwischen dem Präsidenten und seinem wichtigsten Stellvertreter wirft ein Schlaglicht auf das politische Ringen, das nun um die Kontrolle über die Republikanische Partei begonnen hat. Das Wahlergebnis war eine vernichtende Zurückweisung von Trumps politischer Agenda, die maßgeblich vom Konflikt im Nahen Osten und den daraus resultierenden steigenden Lebenshaltungskosten geprägt worden war.

Und diese Dynamik schafft nun Probleme für jene beiden Männer, die bislang als die wahrscheinlichsten Kandidaten galten, um Trump 2028 als republikanischer Präsidentschaftskandidat nachzufolgen: Vance und Außenminister Marco Rubio. Während Vance seinen Tweet absetzte, hielt sich Rubio am Mittwoch zurück.

Mit seiner Entscheidung, bereits so kurz nach Bekanntwerden der Ergebnisse mit dem Präsidenten zu brechen, machte Vance derweil besonders eine Sache deutlich: dass er es für eine mögliche eigene Präsidentschaftskandidatur als existenziell wichtig ansah, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und Trump zu bringen, solange die Deutung der verlorenen Wahl noch nicht feststand.

Die Risiken dieser Strategie liegen auf der Hand: Zwar schoss der Präsident am Mittwoch nicht gleich gegen Vance zurück, aber bekanntlich stellt er Loyalität über alles andere. Nun ist sein eigener Vizepräsident aus diesem System ausgebrochen, um sich politisch über Wasser zu halten. Im Weißen Haus dürften unruhige Zeiten anbrechen.

Dieser Text erschien zuerst beim britischen „Telegraph“. Übersetzt und redaktionell bearbeitet von Florian Sädler.

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