Die CDU hat nach Ansicht des renommierten Parteienforschers Franz Walter den Kontakt zu breiten Wählerschichten verloren. „Was mich an der CDU derzeit wirklich verwundert: Sie kennt die Gesellschaft nicht mehr“, antwortete Walter auf die Frage, welche Zukunft er für die Christdemokraten überhaupt noch sieht. Die Union „war flexibel, sie konnte auf Stimmungen reagieren, verschmolz mit der Gefühlswelt einer Mehrheit im Volk. Das war das Erfolgsrezept von Adenauer, Kohl und auch Merkel“, sagte Walter der Wochenzeitung „Die Zeit“. Dies sei ihre große Stärke gewesen.
Nun aber gehe der CDU die Wählerbasis verloren. „Wer wählt heute die Union? Früher waren das neben den kleinen Leuten im ländlichen Bereich durchaus die Hochgebildeten, die hat sie aber schon lange verloren, vor allem an die Grünen, insbesondere die jungen hochgebildeten Frauen“, führte der studierte Historiker und Sozialwissenschaftler aus.
Politikwissenschaftler Franz Walter im Jahr 2013Deshalb sei die CDU heute wenig mehr als eine „Partei der Transferleistungsempfänger“, jedenfalls wenn man Renten als Transferleistung verstehe, so Walter in dem Gespräch. Gerade diese Wähler würden empfindlich auf die aktuelle Reformdebatte reagieren.
„Dieses Geschick sehe ich bei der Union gerade nicht mehr“
Die besondere Leistung der CDU/CSU sei es immer gewesen, unterschiedliche Interessen auszugleichen und so die demokratische Stabilität zu garantieren. „Dieses Geschick sehe ich bei der Union gerade nicht mehr“, sagt Walter.
Walter war bis zu seiner Emeritierung 2017 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Göttingen und Direktor des dortigen Instituts für Demokratieforschung. Seine Aufsätze und Bücher, insbesondere zur Sozialdemokratie, gelten als Standardwerke. Der gebürtige Ostwestfale ist seit den Siebzigern auch Parteimitglied der SPD. 2015 erkrankte der heute 70-Jährige schwer an Krebs und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Mit der „Zeit“ sprach er erstmals seit seiner Erkrankung über den Zustand des deutschen Parteiensystems.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke