Plötzlich wird es still im Saal. Dass jemand bei der Jungen Union den Kanzler auf offener Bühne zum Rücktritt auffordert, kommt nicht besonders häufig vor. Gut 50 Minuten hat Friedrich Merz gerade vor dem Parteinachwuchs in Bonn gesprochen – eine solide Rede war es, mitunter kämpferisch, bis zum ersten längeren Zwischenapplaus dauerte es aber eine Weile. Und jetzt sind die Delegierten dran mit ihren Fragen.

Der Kanzler sitzt währenddessen neben Johannes Winkel, dem Vorsitzenden der Jungen Union. Ein Delegierter holt etwas weiter aus. „Sie haben viele sehr, sehr wichtige Dinge gesagt – wie so häufig“, sagt der junge Mann. Die Ankündigungen seien „auch immer sehr gut“. Die Frage sei aber nur: „Was machen Sie dann am Ende?“ Kurz gibt es noch Applaus im Saal, dann redet der Delegierte weiter.

„Dann muss ich leider sagen, dass Sie faktisch bei der Rentenpolitik einen Raubzug gegen die junge Generation willentlich oder aus Versehen angeführt haben“, meint er. Als Beispiele nennt er die Staatsverschuldung und die Entscheidungen zur Rente im vergangenen Jahr. „Herr Bundeskanzler, dann muss ich sagen: Ich verstehe viele Menschen im Land, die sagen, sie haben kein Vertrauen mehr in Sie.“ Sehr viel Vertrauen sei verspielt worden.

„Ich glaube, es gab jetzt eine Umfrage, wo Sie noch zehn Prozent Zustimmung hatten. Das ist Liz-Truss-Level, in den letzten Tagen Ihrer Amtszeit“, schiebt der Mann hinterher, mit Verweis auf die britische Kurzzeit-Regierungschefin. „Wenn Ihnen Ihr Land, Ihre Partei, so am Herzen liegt, dann nehmen Sie Ihren Dienstwagen, fahren Sie zum Bundespräsidenten – und bitten Sie um Ihre Entlassung.“ Es ist der Moment, in dem Raunen durch den Saal geht. JU-Chef Winkel erteilt schnell dem nächsten Fragesteller das Wort.

Merz hat also einen Moment Zeit, sich zu sammeln. Hätte er direkt reagieren müssen, vielleicht wäre die Antwort dann anders ausgefallen. Der Kanzler kann in solchen Momenten durchaus ruppig reagieren. Er belässt es dann aber bei ein paar allgemeinen Anmerkungen zur Lage, geht auf die Rücktrittsforderung nicht direkt ein. Merz sagt, er könne viel Kritik verstehen. Viel – so die Botschaft des Kanzlers in Bonn – sei auf dem Weg.

Die Regie des Deutschlandtags der Jungen Union lässt ohnehin kaum Raum für Aufbegehren und Rebellion. Das Einlauflied für den Kanzler – „Storm II“ von GENER8ION – beginnt mit der Zeile „We stay united through the storm“. Geeint durch den Sturm? Den Eindruck hat die Union zuletzt nicht immer gemacht.

„Hart in der Sache, smart in der Sprache“ haben Winkel und sein Vize Pascal Reddig für den Deutschlandtag als Parole ausgegeben. Dazu gehört auch, den Zustand der Partei nicht zu beschönigen. „Wir sind in einer katastrophalen Lage“, sagt Reddig in Bonn. Viele in der Partei seien frustriert, auch ratlos.

Dass die Stimmung in der Jungen Union so ist, dürfte dem Kanzler vorher signalisiert worden sein. Anders als im vergangenen Jahr, als es beim Deutschlandtag in Rust zu einer harten Renten-Debatte, manche sagen: einem Zerwürfnis, zwischen Merz und den Delegierten kam, scheinen die Dinge dieses Mal vorbereitet zu sein. Und der Kanzler ist es auch.

„Deutschland braucht uns“

Die scharf vorgetragene Forderung an SPD und Grüne, die Koalitionsgespräche mit der Linken in Berlin abzubrechen („Hört auf damit!“) wärmt die Herzen der Delegierten. Auch dass der Kanzler den „ohne jeden erkennbaren Grund“ erhobenen Vorwurf, die Union sei unmenschlich mit Bärbel Bas umgegangen, energisch zurückweist.

Aber die Kanzlerrede hat auch eher nachdenkliche Teile. „Manch einer fragt: Braucht es diese CDU noch?“, sagt Merz. „Ja, Deutschland braucht uns. Aber wir müssen es neu begründen.“ 2040 sollten die Leute sagen: „Wir sind stolz auf Deutschland.“

Einmal mehr spricht Merz über Generationengerechtigkeit. Eine Gerechtigkeitslücke zwischen den Generationen habe er ausgemacht. „Ihr habt mich dabei an eurer Seite“, ruft er. „Ich möchte, dass wir die Reformvorschläge der Rentenkommission so umsetzen, wie sie auf dem Tisch liegen.“ Nur wenn der Sozialstaat erfolgreich reformiert werde und es wieder nachhaltiges Wachstum gebe, werde die CDU bei der nächsten Bundestagswahl eine Chance haben.

Und so nimmt der Kanzler-Besuch beim Deutschlandtag einen – Rücktrittsforderung hin oder her – doch irgendwie versöhnlichen Ausgang. „Wir haben eben jetzt die Chance, Verantwortung zu übernehmen als Union“, sagt Gastgeber Winkel. Es gelte jetzt, die Rentenreform umzusetzen: „Das Vertrauen, das verloren gegangen ist, kann man nicht wiederherstellen, indem man wegläuft, sondern indem man Entscheidungen trifft.“

Rasmus Buchsteiner ist Chief Correspondent Berlin „Politico“.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke