Da steht er nun, der vermeintliche Hoffnungsträger. Der Mann, den sie schon im Kanzleramt sahen. Hendrik Wüst hätte nach den CDU-Wahldebakeln im September nur zugreifen müssen. Er hat es aber nicht getan. Und doch jubeln sie ihm jetzt im World Conference Center zu, das mitten im früheren Bonner Regierungsviertel liegt – unweit des damaligen Kanzleramts.
Aus den Boxen dröhnen jetzt fette Bässe. „More Than You Know“ vom schwedischen DJ-Duo Axwell Λ Ingrosso haben sie für Wüst ausgewählt. Der NRW-Ministerpräsident winkt und lächelt. Siegerposen sind das. Dabei entstehen Bilder, die für die Deutschlandtage der Jungen Union typisch sind, aber dann doch wenig Aussagekraft über den Moment hinaus haben. Ein Ritual.
Doch das Ganze ist nur eine Facette. Der Kontrast zwischen der Stimmung, die transportiert werden soll, und der Lage könnte kaum größer sein. An Rhein und Ruhr – dort, wo Wüst regiert und im nächsten Jahr Landtagswahlen anstehen – ist die Partei laut einer Umfrage gerade um acht Prozentpunkte auf 26 Prozent abgesackt. Der Vorsprung auf die AfD ist auf fünf Prozentpunkte geschrumpft.
Jubel für Wüst, Zweifel an der CDU
Was noch hinzukommt: In der Partei kursiert gerade eine Giftliste, ein Papier mit Prognosen darüber, wer aus der CDU bei einer Bundestagswahl zum jetzigen Zeitpunkt sein Mandat verlieren würde. In Bonn trifft sich also eine Junge Union, die in den Abgrund blickt und nicht mehr so recht an eine Trendwende mit Friedrich Merz glauben kann. „Parteien, die sich nicht ändern, sterben“, hat JU-Chef Johannes Winkel vor einer Weile in einem Podcast gesagt.
Wenn Wüst mit einer Botschaft nach Bonn gekommen ist, dann mit der, dass es vielleicht doch besser ist, nicht über einen möglichen Tod der CDU zu sprechen.
„Wir können die Dinge zum Besseren wenden“, ruft er. Wüst rechnet mit der AfD ab und bezeichnet sie als „Verbündete der Feinde Deutschlands“. Die rot-grün-rote Regierungsbildung sei „eine Schande“. Wüst schmeichelt dem Parteinachwuchs. „Wir werden das Erbe von Adenauer, Erhard, Strauß und Kohl erfolgreich verteidigen“, sagt er. „Ich weiß, dass die Junge Union dafür bereit ist. Das macht mir Mut.“
Und den einen oder anderen Hinweis an die Regierung in Berlin hat Wüst auch noch im Gepäck. „Wenn sie gelingen soll, die gemeinsame Arbeit der Bundesregierung, dann braucht es einen anderen Umgang miteinander.“
Die Debatten der letzten Tage hätten „wieder einmal niemandem geholfen, ganz im Gegenteil“. Das bereits Geeinte umzusetzen, sei „der erste Schritt“, um wieder mehr Vertrauen zu gewinnen: „Reißt euch zusammen. Setzt euch zusammen.“
Winkels Warnung an die eigene Partei
Der eigentliche Star des Abends ist allerdings nicht Wüst, sondern Johannes Winkel, den die JU mit noch längeren Standing Ovations feiert – und damit für einen Moment die doch eher gedämpfte Stimmung vertreibt. Wenn die CDU Papiere beschließe, „in denen wenig Neues steht, dann müsse die Junge Union mutig sein“, sagt Winkel.
Was sich hinter diesen Sätzen verbirgt, ist Kritik an der CDU-Spitze in Berlin und am aus Sicht der JU dürftigen Ergebnis der Präsidiumsklausur vom vergangenen Wochenende. „Liebe CDU“, fährt Winkel fort, „eins muss uns klar werden: Man kann die Vergangenheit nicht wiederholen.“ Und er legt noch nach: „Die CDU macht Politik genau so, als wenn wir noch im Jahr 2010 wären.“
Der Kanzler und die neue Arbeitswelt hätten bei der Rentenreform jetzt eine Chance, die sich einer politischen Generation nur einmal biete. Die Regierung müsse „jetzt ihre Verantwortung wahrnehmen und dieses Gesamtpaket wahrnehmen“. Auffällig: Winkel spricht in Bonn auch von einer Neuausrichtung der Familienpolitik – mit einem Steuersplitting, das die Zahl der Kinder berücksichtigt.
Und immer wieder taucht in der Rede die Sorge um den Fortbestand der CDU auf. Die Partei stecke „in einer schweren Krise“, so Winkel. Wenn man die Geschichte der Union weiterschreiben wolle, gehe das nicht mit dem Blick zurück: „Es gibt keine Ewigkeitsgarantie für Volksparteien im Grundgesetz.“ Winkel warnt ausdrücklich vor einer Anbiederung an die AfD. Es sei ein Fehler, „in Panik zu geraten, den Ausverkauf der eigenen Werte zu beginnen und sich den Extremisten an den Hals zu werfen“.
Keine Annäherung aus Angst vor dem Absturz
Unter dem Applaus der Delegierten hält Winkel an der Brandmauer fest, ohne von der Brandmauer zu sprechen: „Solange die AfD völkische Positionen bezieht und Extremisten in ihren Reihen duldet, solange werden wir nicht mit dieser Partei zusammenarbeiten.“ Das sei „eine Frage des Charakters und nicht der Umfragewerte“.
Am Abend wird Winkel mit 94,31 Prozent im Amt bestätigt – und das wenige Tage, bevor er 35 wird und damit, formal betrachtet, zu alt für die Junge Union wäre. Mit Friedrich Merz kommt am Samstag jemand nach Bonn, der doppelt so alt ist wie Winkel und im vergangenen Jahr beim Renten-Showdown auf dem Deutschlandtag auf Ablehnung stieß.
Diese Woche sprach der Kanzler im Bundestag viel über Generationengerechtigkeit. Zwischen den Generationen habe sich eine „Gerechtigkeitslücke“ aufgetan. Begeisterungsstürme in Bonn wird er allein dafür kaum bekommen. Den Ankündigungen müssten jetzt unbedingt Taten folgen, heißt es am Freitagabend bei der Jungen Union.
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