In Frankreich eskalieren die Schülerproteste. Nicht nur Schulleiter, sondern auch Polizisten geraten zunehmend ins Visier. Bei einer Protestaktion in Paris wurde am Donnerstag eine Polizeianwärterin von einer Gruppe von etwa zehn Jugendlichen verfolgt und angegriffen, berichten der Fernsehsender BFM-TV und weitere französische Medien. Die Beamtin wurde zu Boden gerissen, gegen den Rücken getreten und anschließend geschlagen.

Nach Angaben des Pariser Polizeipräsidiums ereignete sich der Angriff, als die Polizistin anhielt, um ein heruntergefallenes Funkgerät aufzuheben. Mehrere Angreifer hätten sie festgehalten und dabei „Tötet sie!“ gerufen.

Das Polizeipräsidium verurteilte den Vorfall als „unsägliche Tat“. Der Pariser Polizeipräfekt Laurent Nuñez schrieb auf X: „Eine Vertreterin von Recht und Ordnung auf diese Weise anzugreifen, ist unerträglich.“ Er sicherte der verletzten Polizistin sowie den weiteren 305 Polizisten und Gendarmen, die am Donnerstag bei Einsätzen verletzt wurden, seine volle Unterstützung zu.

Videos des Angriffs verbreiteten sich rasch in sozialen Netzwerken. Sie zeigen, wie mehrere junge Männer der Polizistin hinterherlaufen, ihr ein Bein stellen und anschließend auf sie einschlagen. Auch die „Rassemblement National“-Politikerin Marine Le Pen teilte Aufnahmen auf X und sprach von „unerträglicher Gewalt“. Zugleich forderte sie harte Strafen für die Täter.

An vielen Orten wurden zudem Schulleiter verbal oder körperlich angegriffen, berichten die Nachrichtenagentur AFP und die Zeitung „Le Figaro“. Einige erlitten leichte Verletzungen, etwa durch gezündete Feuerwerkskörper. In Marseille wurden ein Schulleiter und sein Stellvertreter mit Benzin bespritzt. Feuerwehrleute wurden bei einem Einsatz attackiert; ein Feuerwehrmann erlitt einen Nasenbeinbruch. Auch ein Journalist des Fernsehsenders M6 wurde verletzt, seine Kamera zerstört.

„Wir dulden diese Gewalt nicht. Schulleiter anzugreifen, verfehlt den Kern der Sache“, sagte Christelle Kauffmann, stellvertretende Generalsekretärin der Schulleitergewerkschaft SNPDEN-Unsa, dem „Figaro“. Über kleinere Klassen entschieden nicht die Schulleiter, sondern die Politik. „Wir wissen derzeit nicht, wie sich die Situation lösen lässt. Wir brauchen Unterstützung vom Ministerium“, sagte sie.

In Rouen wurde nach Angaben des „Figaro“ der Leiter des Gymnasiums Blaise Pascal angegriffen und leicht verletzt. Ebenfalls verletzt wurde der Schulleiter des Gymnasiums Elisa Lemonnier im benachbarten Petit-Quevilly. Die Bildungsbehörde der Normandie verurteilte die Angriffe als „inakzeptabel“.

In Frankreich weiten sich die anhaltenden Schulproteste und Krawalle immer weiter aus. Während Gewalt und Sachbeschädigungen zunehmen, nutzen politische Akteure die Lage, um die Stimmung weiter anzuheizen: „Es rumort und kracht“, meint WELT-Frankreich-Korrespondentin Martina Meister.

In Ingré bei Orléans wurde die Leiterin des Gymnasiums Maurice Genevoix attackiert und leicht verletzt. Die Staatsanwaltschaft sprach laut „Figaro“ von einem „gewalttätigen Angriff“, nannte jedoch keine weiteren Einzelheiten. Nach Angaben der regionalen Schulbehörde erlitt die Schulleiterin mindestens einen Schlag. Ob der Angreifer Schüler der Schule war, ist bislang unklar.

Auch der Leiter einer Berufsschule im nordfranzösischen Auchel wurde verletzt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Béthune traf ihn ein Feuerwerkskörper, der von seinem Körper abprallte und wenige Meter entfernt explodierte. Der Mann wurde mit einem Schock ins Krankenhaus eingeliefert, musste jedoch nicht krankgeschrieben werden.

Darum geht es bei den Protesten in Frankreich

In Straßburg und Marseille setzten die Behörden den Straßenbahnverkehr zeitweise aus. Zudem untersagten sie den Transport von Benzinkanistern und den Verkauf bestimmter Feuerwerkskörper. In Paris erlitt ein Polizist nach Angaben des Bürgermeisters bei einem Angriff Schnittverletzungen im Gesicht.

Auslöser der vor einer Woche begonnenen Proteste sind marode Schulgebäude, Lehrermangel, fehlendes Unterrichtsmaterial und lange Schultage. Hinzu kommen tieferliegende gesellschaftliche Spannungen, Frustration über politische Entscheidungen und ein verbreitetes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, insbesondere in sozial benachteiligten Vororten. Am Donnerstag schlossen sich auch Studenten den Protesten an. Nach Behördenangaben wurden rund 30 Hochschulstandorte blockiert.

Französische Polizisten sichern brennende Mülltonnen in Lille

Die Unruhen entwickelten sich rasch zu einem politischen Streitfall. Mehrere Politiker der linksgerichteten Partei La France insoumise (LFI) zeigten sich bei blockierten Schulen. Der Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko, verteidigte seine Anwesenheit bei Ausschreitungen als Teil seiner Amtspflichten.

Verteidigungsminister Sébastien Lecornu hatte Vertretern der LFI bereits Anfang der Woche eine „unverantwortliche Eskalation“ vorgeworfen. Ex-Premierminister Gabriel Attal beschuldigte die Partei, Jugendliche für politische Zwecke zu instrumentalisieren.

Bereits am Mittwoch waren 625 Menschen festgenommen worden, zudem wurden 83 Polizisten und Gendarmen verletzt. Seit Beginn der Proteste verzeichnete das Bildungsministerium nach eigenen Angaben außerdem 119 verletzte Schüler sowie Lehr- und Aufsichtskräfte. In drei Fällen, in denen Schüler bei Polizeieinsätzen verletzt wurden, leitete die Polizei interne Untersuchungen ein. Innenminister Nuñez betonte, beim Einsatz von Mitteln wie Tränengas werde „sehr verhältnismäßig“ vorgegangen.

Zusätzliche Brisanz erhält die Lage durch den am Donnerstag vorgestellten Haushaltsentwurf der Regierung. Dieser sieht unter anderem neue Gebühren für bestimmte Bildungsabschlüsse und Ausbildungswege vor. CGT-Gewerkschaftschefin Sophie Binet sprach von einer „Provokation“ und warf der Regierung vor, die Proteste mit ihrem Sparkurs weiter anzuheizen.

Auch im französischsprachigen Teil Belgiens kam es zu gewaltsamen Schülerprotesten. In Lüttich wurden mindestens fünf Schulen blockiert, zudem wurden Sachbeschädigungen gemeldet.

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