Der Feuerstoß eines Sturmgewehrs durchbricht die trügerische Ruhe, die gerade noch über dem israelischen Außenposten im Gaza-Streifen lag. Doch das Feuer wird nicht erwidert. „Das ist kein Gefecht. Das sind Warnschüsse“, sagt der israelische Soldat.
„Wenn sich einer von denen unserem Posten nähert, schießen wir neben ihn auf den Boden, damit er die Botschaft versteht und geht. Manchmal schicken sie Kinder oder geistig Behinderte, um zu prüfen, wie schnell wir reagieren. So können sie herausfinden, wo wir gut aufgestellt sind und wo nicht. Denen bringen wir eine Flasche Wasser und schicken sie nach Hause“, erklärt der Soldat.
Er spricht unaufgeregt, in sachlichem Ton. Trotz der angespannten Lage im Gaza-Streifen. „Manchmal gerät man auch in ein Feuergefecht und weiß überhaupt nicht, wer zum Teufel auf einen schießt. Man weiß nur, dass man unter Beschuss steht.“
In vielen Fällen seien es Selbstmordattentäter, die ihre Stellungen angriffen, sagt der Soldat. „Manchmal wird einer von ihnen dabei erwischt, dass er schwul ist, oder er hat Streit mit seinem Vater. Dann nimmt er eine Waffe und geht zum nächsten Posten. Wenn er dazu in der Lage ist, tötet er ein paar von uns. Aber letztlich geht es ihm darum, sich selbst zu opfern. Das Streben danach, ein Shahid, ein Märtyrer, zu werden, hat in ihrer Kultur einen hohen Stellenwert“, sagt der Soldat weiter.
„Die Lage ist unübersichtlich“, sagt der KommandantDer Mann hat kurze, braune Haare und einen sorgfältig gestutzten Bart. Er trägt Sonnenbrille, Sturmgewehr und eine Schutzweste mit drei Magazinen in der Brusttasche, auf dem Rücken einen Rucksack mit Funkausrüstung. Der Soldat trägt einen hohen Dienstgrad und Verantwortung für viele andere Männer und Frauen. Er trägt einen Ehering und sorgt für drei kleine Kinder.
Wir dürfen ihn hier nur den „Kommandanten“ nennen, denn es könnte ihn und seine Familie in Gefahr bringen, wenn sein Name öffentlich würde. Der Kommandant begleitet uns durch den Gaza-Streifen. Das israelische Militär gestattet es Journalisten nicht, sich frei in dem Kriegsgebiet zu bewegen – offiziell aus Sicherheitsgründen.
„Die Lage ist unübersichtlich“, sagt der Kommandant und deutet in Richtung der Stadt Chan Junis, einer Hochburg der Hamas. Dort unterhielt die Terrororganisation ein Netz aus Tunneln, Kommandozentren und Waffenlagern. Wesentliche Teile der Hamas-Führung stammten aus Chan Junis. Von hier aus stürmten Kommandeure und Mitglieder der sogenannten Chan-Junis-Brigade am 7. Oktober 2023 nach Israel, um den größten Massenmord an Juden seit dem Holocaust zu begehen.
In Chan Junis ist die Hamas weiter präsent. Dort leben auch viele Zivilisten in ZeltenDie Terroristen verbrannten Menschen bei lebendigem Leibe, töteten Babys, vergewaltigten und verstümmelten Frauen, verschleppten 251 Geiseln in den Gaza-Streifen, darunter alte Menschen und kleine Kinder. Seitdem verteidigt sich Israel. Der Krieg gegen den Terror der Hamas ist inzwischen einer der längsten militärischen Konflikte, die der jüdische Staat seit seiner Gründung geführt hat.
Was aber haben die israelischen Streitkräfte in den drei Kriegsjahren erreicht?
„Wir haben die Führung der Hamas und ihre militärischen Strukturen weitgehend zerschlagen. Wir haben die Kontrolle über einen Großteil des Gaza-Streifens. Damit konnten wir die Gefahr für die israelischen Orte am Rande des Streifens stark reduzieren. Der Raketenbeschuss ist gegenüber 2023 massiv zurückgegangen. Und wir konnten alle Geiseln zurückholen. Die Lebenden und die Toten“, sagt der Kommandant.
Er klingt nicht zufrieden oder gar stolz. Er spricht mit einer Nüchternheit, wie es ein erfahrener Arzt tun würde, dem bewusst ist, dass sein Kampf gegen eine Krankheit gerade erst begonnen hat – und die Erfolgsaussichten ungewiss sind. „Wir haben das Problem noch nicht an der Wurzel gepackt. Und direkt hinter unseren Linien wächst es wieder heran. Wir wissen, dass sie sich wieder bewaffnen, neu formieren und Leute rekrutieren.“
„Der Krieg ist komplizierter geworden“
Mehr als 22.000 Terroristen und andere Kombattanten wurden laut Angaben einzelner israelischer Militärvertreter bisher im Gaza-Streifen getötet. Die nachrückenden Terroristen seien zwar weniger gut ausgebildet, aber nicht weniger gefährlich. „Der Krieg ist komplizierter geworden. Vorher hatten wir es mit einer Art Armee zu tun, jetzt eher mit einer Guerilla“, erklärt der Kommandant, während eine israelische Überwachungsdrohne über uns kreist.
„Es ist wie der Unterschied zwischen einem Kampf gegen einen Bären und einem Kampf gegen Hornissen. Ein Bär kann dir mit einem einzigen mächtigen Hieb den Kopf abreißen. Hornissen dagegen werden dich nicht sofort töten. Aber es ist sehr schwer, jede einzelne von ihnen zu finden.“
Gemeinsam mit israelischen Soldaten reist WELT-Reporter Jan Philipp Burgard in den Gazastreifen und erlebt eine Waffenruhe, die jederzeit zu kippen droht. Vor Ort berichten Soldaten, die Hamas bereite sich bereits auf die nächste Phase des Krieges vor.Israel muss sich nicht nur gegen die Bedrohung durch die Hamas verteidigen, sondern auch gegen beißende Kritik aus aller Welt. Die Welle der internationalen Solidarität nach dem Massaker des 7. Oktobers ebbte schnell ab, als Israel seine Militäroperation im Gaza-Streifen begann. Das Vorgehen sei unverhältnismäßig hart, so der weitverbreitete Vorwurf, die Zahl der zivilen Opfer zu hoch.
Nach Angaben des von der Hamas geführten Gesundheitsministeriums in Gaza wurden mehr als 73.000 Palästinenser getötet, wobei nicht zwischen Zivilisten und Terroristen unterschieden wird. Die Zahl lässt sich nicht unabhängig überprüfen, doch die Nachrichtenagentur Associated Press und diverse UN-Organisationen halten sie für realistisch.
Israelische Stellung im Gaza-StreifenWie geht der Kommandant mit der internationalen Kritik um? „Für die Hamas ist es viel wichtiger, dass ich hier nicht mehr atme, als dass ihre Kinder dort drüben glücklich leben können. Das ist die Wahrheit. Wir haben bei vielen Gelegenheiten gehört, wie sie untereinander gesagt haben, dass es gut ist, wenn Kinder sterben, und dass die Bilder so schrecklich wie möglich aussehen sollen. Damit hat man es zu tun. Unter solchen Umständen einen Krieg gegen den Terror zu führen, während die ganze Welt auf einen schaut, ist für uns Israelis sehr schwer.“
Das israelische Militär betont, dass es die Zivilbevölkerung vor Angriffen mit Flugblättern, automatisierten Anrufen und SMS warnt. Doch die Hamas habe immer wieder auf die eigene Bevölkerung geschossen, um ihre Evakuierung zu verhindern. Außerdem wirft Israel der Terrororganisation vor, sich bewusst in Schulen, Krankenhäusern und Moscheen zu verstecken, um Zivilisten als Schutzschilde zu missbrauchen.
Beim Blick auf die Hamas-Hochburg Chan Junis überrascht, wie viele mehrgeschossige Gebäude unversehrt geblieben sind. Hohe Minarette prägen das Bild der Stadt, es sind auch viele intakte Gewächshäuser erkennbar. Wir laufen an einem Wachposten vorbei, in dem ein israelischer Soldat mit einem schweren Gewehr Position bezogen hat. Im Sand neben ihm liegen Patronenhülsen.
Unter einem Sonnensegel stehen Fitnessgeräte für die Soldaten, doch bei der Hitze will sich hier gerade niemand die Zeit vertreiben. In einem begehbaren Kühlcontainer stehen kaltes Wasser und Joghurt bereit. In der Sonne wartet ein halbes Dutzend Kampfpanzer vom Typ Merkava auf den nächsten Einsatz.
Offiziell gilt in dem Gebiet seit Oktober 2025 eine Waffenruhe, die von US-Präsident Trump vermittelt wurde. Doch immer wieder kommt es zu Gefechten. Der Friedensprozess ist ins Stocken geraten.
Trumps Plan sieht einen Rückzug des israelischen Militärs aus dem Gaza-Streifen vor, im Gegenzug soll die Hamas ihre Waffen abgeben. Doch die Regierung von Israels Ministerpräsident Netanjahu will erst abziehen, wenn die Terrororganisation vollständig und nachweislich entwaffnet ist.
„Das Wichtigste, was wir aus den Ereignissen des 7. Oktober gelernt haben, ist, dass wir als Land nicht mit geladenen Waffen leben sollten, die auf unsere Köpfe gerichtet sind. Denn man wird nicht immer sehen, wenn sich der Finger am Abzug bewegt“, sagt der Kommandant.
Ein zerstörtes Auto in Chan Junis – mutmaßlich nach einem israelischen LuftschlagAber was ist nach drei Jahren das übergeordnete Ziel dieses festgefahrenen Krieges? „Was wir zu gestalten versuchen, ist ein Naher Osten, in dem wir weiterhin existieren können und keine bis an die Zähne bewaffnete fanatische Miliz direkt vor unserer Haustür haben.“
In einem Militärjeep fahren wir von der „Yellow Line“, der gelben Linie, die den von Israel kontrollierten Teil vom übrigen Gaza-Streifen trennt, zurück Richtung Israel. Am Rückspiegel des Jeeps baumelt eine Hamsa, eine stilisierte Hand mit fünf Fingern und einem Auge in der Mitte. Sie gilt als Schutzsymbol vor dem „bösen Blick“ – dem Aberglauben, verhext zu werden.
Wir halten an dem etwa sechs Meter hohen Grenzzaun, der den Gaza-Streifen von Israel trennt. Obwohl der Zaun mit Kameras, Radar und Sensoren ausgestattet ist, durchbrach die Hamas ihn am 7. Oktober an mehr als 100 Stellen.
Wie konnte das passieren?
„Sie sprengten ihn und hatten Werkzeuge zum Durchtrennen von Stahl“, sagt der Kommandant und hält einen Moment inne. „Ich glaube, wir haben den 7. Oktober nicht kommen sehen, weil es uns an Vorstellungskraft fehlte. Wegen der tiefen kulturellen Unterschiede zwischen uns und ihnen. Wenn man mit einer westlichen Denkweise einen militärischen Angriff plant, würde man die Militärstützpunkte angreifen, die wichtigsten Verkehrsknotenpunkte und Hauptstraßen und dann versuchen, so tief wie möglich in das gegnerische Gebiet vorzudringen. Aber der Hamas ging es um das Abschlachten. Es ging darum, uns zutiefst zu schockieren und mit unserer Gegenreaktion die Welt für die palästinensische Sache zu mobilisieren. Es ging auch darum, die iranischen Proxys wie Hisbollah im Libanon und Huthis im Jemen für den Krieg gegen uns zu mobilisieren. Es ist ihnen gelungen.“
Die Fragen, warum der Terror des 7. Oktober nicht verhindert werden konnte und warum die Sicherheitskräfte erst spät zur Hilfe kamen, lassen die israelische Gesellschaft auch drei Jahre nach dem Massaker nicht los. Der 7. Oktober ist zu einem zentralen Wahlkampfthema vor der Parlamentswahl Ende Oktober geworden.
Die Opposition fordert von Premierminister Netanjahu eine unabhängige, staatliche Untersuchungskommission, um das Versagen von Militär, Geheimdiensten und Politik aufzuklären. Damit will man auch Netanjahu persönlich zur Rechenschaft ziehen. Dessen Regierung wehrt sich bisher gegen eine solche Kommission. Er selbst weist jede Verantwortung von sich.
Hamas-Mitglieder versammeln sich im Februar vergangenen Jahres in Chan JunisAls es in der Nacht kurz vor dem Angriff die ersten Hinweise auf eine Mobilmachung der Terroristen gab, habe man ihn nicht geweckt, verteidigt sich Netanjahu. Geheimdienste und hohe Militärs hätten ihn zu spät über das Ausmaß des Angriffs informiert, so seine Verteidigungslinie.
Den in einem Enthüllungsbuch zweier Journalisten erhobenen Vorwurf, der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate habe ihn bereits zehn Tage vor dem 7. Oktober telefonisch vor einem bevorstehenden Terrorangriff der Hamas gewarnt, weist Israels Premier zurück. Er bestreitet, dass dieses Telefonat überhaupt stattgefunden habe.
Über die Frage nach der politischen Verantwortung für den 7. Oktober will der Kommandant sich nicht äußern. Als wir uns verabschieden, sagt er: „Ich bin nur froh, dass mein Opa, ein Holocaustüberlebender, diesen Tag nicht miterleben musste.“
Jan Philipp Burgard ist Axel Springer Global Reporter für den Nahen Osten.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke