Bevor der Iran Anfang März die Straße von Hormus sperrte, war die Meerenge hierzulande kaum bekannt. Da ihre Blockade jedoch die schwerste Energiekrise seit mehr als 50 Jahren auslöste, änderte sich das schnell. Und schon bald könnte eine weitere Meerenge in der Region auf ähnliche Weise Berühmtheit erlangen: das Tor der Tränen.
Die Wasserstraße, die auf Arabisch Bab al-Mandab heißt, zählt zu den weltweit wichtigsten Schifffahrtsrouten. Die mit dem Iran verbündete Huthis-Miliz hat jüngst mehrere Inseln am südlichen Ende der Meerenge und einen Küstenstreifen im Jemen eingenommen, von wo sie den Schiffsverkehr durch die Meerenge bedrohen.
Dabei hatte sich das Bab al-Mandab erst in den vergangenen Monaten zu einer wichtigen Ausweichroute entwickelt. Seit der Unterbrechung des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus pumpte Saudi-Arabien täglich vier bis fünf Millionen Barrel Öl von seiner Ostküste am Persischen Golf quer durch das Land nach Yanbu am Roten Meer. Durch diese Ost-West-Pipeline floss damit knapp ein Viertel der Ölmenge, die alle Golfstaaten vor Kriegsbeginn über die Straße von Hormus exportiert hatten.
Nun jedoch können weder Schiffe die Meerenge ungehindert passieren, noch kann Öl durch die Pipeline fließen. Ein Drohnenangriff beschädigte sie schwer. Saudi-Arabien bezichtigte proiranische Milizen aus dem Irak, dafür verantwortlich zu sein. Das Nachrichtenportal Bloomberg erwartet, dass sie erst in rund sechs Wochen wieder voll funktionsfähig sein wird.
Huthi-Anhänger Mitte September im JemenIn der Zwischenzeit können die verbleibenden Tanker auf den sicheren Weg nach Norden über den Suezkanal ausweichen. Aber der Umweg kostet Zeit und Geld. Für den längeren Weg benötigen Reedereien mehr Personal und Treibstoff. Zudem steigen die Versicherungsprämien. Für die lange Route nach Asien belaufen sich die Mehrkosten auf bis zu 1,5 Millionen Dollar pro Schiff.
Die Huthi verkündeten zwar, Handelsschiffe weiterhin passieren zu lassen. Doch Reedereien und Versicherer scheuen das Risiko und wählen die sichere Route. In Folge stieg der Ölpreis auf 108 Dollar pro Barrel – den höchsten Stand seit Sommer 2022.
Peking bereitet sich seit mehr als zwanzig Jahren auf eine mögliche Blockade vor
Bereits die Blockade der Straße von Hormus entzog dem Weltmarkt so viel Öl, dass etliche Analysten im Frühjahr Preise von 150 bis 200 Dollar je Barrel vorhersagten, sollte sie länger anhalten. Dass solche Preise bisher nicht eingetreten sind, geht auch auf China zurück. Die chinesische Führung drosselte die Rohölimporte massiv und zapfte dem Anschein nach auch die strategischen Reserven des Landes an.
Seit mehr als zwanzig Jahren baut Peking solche Ölreserven auf. Der damalige Präsident Hu Jintao warnte bereits 2003 davor, Chinas Feinde könnten eines Tages die Straße von Malakka blockieren, über die das Land den Großteil seines Öls importiert. Um für ein solches Szenario gewappnet zu sein, baute Peking schrittweise den größten Rohölvorrat der Welt auf. Schätzungen des Nachrichtenportals Reuters zufolge umfasst er zwischen 1,0 und 1,7 Milliarden Barrel.
Peking verrät weder, wie groß die Vorräte genau sind, noch ob es sich ihrer bedient hat. Laut Experten läge der Ölpreis aber deutlich höher, hätte China seine Wirtschaft nicht mit den eigenen Reserven versorgt.
Verglichen mit dem Vorjahr senkte China seine Ölimporte in den ersten sechs Monaten des Krieges um rund 20 Prozent, wie Zolldaten zeigen. Die geringere Nachfrage der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt half dabei, den globalen Ölengpass abzufedern und den Preisanstieg zu bremsen.
Dabei profitiert ein strategisch wichtiger Industriezweig Chinas eigentlich enorm von den hohen Ölpreisen. Das Land ist Marktführer für erneuerbare Energiesysteme und dominiert ihre globalen Wertschöpfungsketten. Auf China entfallen je nach Bereich rund 70 bis 85 Prozent der weltweiten Produktion von Solarpaneelen, Speicherbatterien und Elektroautos sowie zentralen Komponenten von Windturbinen.
Für die Herstellung dieser Systeme kann Peking häufig auf eigene Bodenschätze zurückgreifen. So stammen rund 40 Prozent der weltweiten Vorkommen seltener Erden aus chinesischen Böden. Die Verarbeitungsschritte dieser Stoffe kontrolliert Peking sogar zu 90 Prozent. Weil erneuerbare Energien kaum von Ölpreisschocks betroffen sind, dürfte die Krise am Roten Meer die Nachfrage nach günstigen chinesischen Energiesystemen weiter steigern.
Das stützen auch die Zahlen der Internationalen Energieagentur. Weltweit wächst die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien rasant. Die Agentur erwartet, dass sie noch in diesem Jahr erstmals mehr Strom liefern als jede andere Energiequelle. Zwar zeichnete sich diese Entwicklung schon vor Beginn des Iran-Krieges ab. Doch seine Folgen beschleunigten den Ausbau. Auch in China selbst überholte die Solarenergie kürzlich erstmals die Kohle bei der gesamten Stromerzeugungskapazität des Landes.
Drohende technologische Unterwerfung
Die chinesische Führung betrachtet Energie als zentrales Machtinstrument – neben industrieller, technologischer und militärischer Stärke. Die wachsende Energiekrise bietet Peking die seltene Gelegenheit, andere Länder energiepolitisch stärker an China zu binden.
Für andere Staaten hätte das nicht nur Vorteile. Sie verringerten zwar ihre Verwundbarkeit gegenüber Ölpreisschocks, drohten aber, in eine technologische Unterwerfung zu geraten. Denn wenn intelligente Stromnetze auf chinesischer Hard- und Software basieren, entsteht externe Kontrolle über kritische Infrastruktur. Wer per Software-Update in die Energieversorgung eingreifen kann, gewinnt enorme Macht.
Zunächst wirkt es daher widersprüchlich, dass Peking sich darum bemüht, den Ölpreis zu senken. Dafür gibt es aber mehrere Gründe. Trotz des Ausbaus erneuerbarer Energien leben drei Viertel der Weltbevölkerung weiterhin in Ländern, die Nettoimporteure fossiler Brennstoffe sind.
Etliche Länder setzten sogar verstärkt auf Kohlekraft, um den Ölpreisschock abzufedern. „Der Ausbau erneuerbarer Energien kann den Bedarf an Öl nicht unmittelbar ersetzen. Der Umbau der Infrastruktur ist eine langfristige und kostspielige Aufgabe“, sagt Claus Soong, ehemaliger Analyst des Mercator Institute for China Studies (MERICS). Das gilt besonders für Regionen, denen sichere und stabile Stromnetze fehlen. Die aktuell hohen Zinsen erschweren es diesen Ländern zusätzlich, den Ausbau zu finanzieren.
Ein weiterer Grund liegt in der Zusammensetzung chinesischer Exporte. Das Land exportierte 2025 Solarpaneele, Elektroautos, Batterien und Windturbinen im Wert von 220 Milliarden US‑Dollar. Was nach viel klingt, entspricht insgesamt aber nur sechs Prozent der chinesischen Exporte.
China ist für 120 Länder der größte Handelspartner. Jeden zusätzlichen Dollar, den diese Länder für Öl ausgeben, können sie nicht für chinesische Metalle, Textilien oder Elektrogeräte ausgeben. Insgesamt verdient China mit diesen Exporten deutlich mehr als mit Systemen für erneuerbare Energien.
Bisher fürchtete China offenbar, dass der Ölpreisschock das globale Wirtschaftswachstum bremsen oder gar eine schwere Weltwirtschaftskrise auslösen könnte. Denn auch die chinesische Wirtschaft schwächelte zuletzt. Ökonomen führen das vor allem auf die geringe Nachfrage im eigenen Land zurück. Das Land hat daher großes Interesse daran, zumindest seine Abnehmer im Ausland zu halten.
Pekings Marktmacht bei den erneuerbaren Energien zeichnete sich bereits vor der Energiekrise ab. Dass China seine Ölimporte jedoch so stark drosseln und damit den Weltmarktpreis beeinflussen kann, hat viele überrascht.
Lange war Peking als großer Ölimporteur anfällig für Preisschocks. Ölproduzenten wie die Opec-Staaten oder die USA konnten die Preise über ihre Fördermengen beeinflussen. Dass nun auch ein einzelner Abnehmer den Ölpreis in einem solchen Ausmaß beeinflussen kann, indem er mehr oder weniger am Weltmarkt kauft, gilt hingegen als ein neues Phänomen.
Nun mehren sich Berichte, dass China seine Ölimporte wieder hochfährt – ausgerechnet vor dem Treffen von Xi Jinping und Donald Trump am Mittwoch. Soong hält einen Zusammenhang für möglich. „Für Xi könnte ein höherer Ölpreis vor dem Treffen mit Trump zur Verhandlungsmasse werden. Steigende Energiepreise würden Trump innenpolitisch unter Druck setzen – gerade mit Blick auf die Midterms.“
Jan H. Rosenkranz ist Volontär an der Axel Springer Academy of Journalism and Technology.
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