Die Sommerferien sind vorbei. Seit dem 7. September läuten wieder die Schulglocken, jeden Tag um acht Uhr in Wien. Routine ist das neue Schuljahr aber auch nach zwei Wochen noch nicht. Der Grund dafür ist eine neue Regelung, die vor allem in Österreichs Hauptstadt zum Tragen kommt: ein allgemeines Kopftuchverbot an Schulen für alle Mädchen unter 14 Jahren.
Es ist den Schülerinnen untersagt, heißt es laut Gesetzestext, „in der Schule ein Kopftuch zu tragen, das das Haupt nach islamischen Traditionen verhüllt“. In dem Beschluss steht zudem, dass die Maßnahme vorrangig darauf abziele, „den Schutz der kindergerechten Entwicklung und der Selbstbestimmung von Mädchen“ zu betonen. Auf politischer Ebene gab es darüber nahezu Einigkeit: Das Gesetz war mit Stimmen fast aller Parteien mit Ausnahme der Grünen beschlossen worden. Nun aber geht es um die Anwendung.
Benjamin Rosenauer ist Direktor des Ella-Lingens-Gymnasiums in Wien-Floridsdorf. Sein Fazit nach der ersten Schulwoche: „Ich war positiv überrascht.“ Eine gehörige Portion Erleichterung klingt durch. „Das ist ja doch eine Maßnahme, die in die Privatsphäre geht. Das geht nur über Kooperation“, sagt Rosenauer.
Das kürzlich in Kraft getretene Gesetz sieht vor, dass es bei Verstößen zunächst ein Gespräch mit der jeweiligen Schülerin gibt. Fruchtet das nicht, werden die Eltern in die Schule gebeten. Zeigt auch das keine Wirkung, wird die Bildungsdirektion, die zuständige Behörde auf Landesebene, eingeschaltet. In letzter Konsequenz drohen Strafen von 800 Euro.
Kritik an der im Dezember 2025 beschlossenen Maßnahme gibt es zuhauf. So sieht man seitens der islamischen Glaubensgemeinschaft das Risiko, dass die Maßnahme letztlich „Wasser auf die Mühlen extremistischer Ränder“ sein könnte. Besser als ein Verbot sei es, die Selbstbestimmung zu fördern, so die Schulamtsleiterin der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Carla Amina Baghajati, gegenüber österreichischen Medien.
Auch der Umstand, dass sich die Maßnahme in erster Linie an Mädchen und Eltern richtet, nicht aber an Jungen, die oft Teil des Druckszenarios sind, rief Einwände hervor. Eine Prüfung des Gesetzes durch den Verfassungsgerichtshof ist noch nicht abgeschlossen.
Erste Härtefälle liegen bei der Bildungsdirektion
Bisher sind die Schwierigkeiten bei der Umsetzung aber überschaubar. Laut der Wiener Bildungsdirektorin Elisabeth Fuchs könne man durchaus sagen, dass die Einführung der Maßnahme „an den meisten Standorten gut abgelaufen“ sei. Es habe „keine größeren Eskalationen“ gegeben.
Nach der Umsetzung zum Schulstart und den ersten Elterngesprächen an den Schulen liegen bereits die ersten Härtefälle bei der Bildungsdirektion. In Wien mit seinen rund 240.000 Schülern haben insgesamt 55 Elternpaare nicht eingelenkt und wurden vorgeladen. All diese Fälle betreffen die Sekundarstufe. In der Primarstufe, die bis zur vierten Klasse geht, gab es keine Probleme.
In Niederösterreich gab es zehn Verstöße gegen das Gesetz, in der Steiermark zwei, ebenso zwei im Burgenland. Aus den westlichen Bundesländern gibt es noch so gut wie keine Erfahrungswerte, weil die Schule erst eine Woche später gestartet ist.
De facto wirkt sich das Gesetz aber auch nur in Wien großflächig aus. Dort identifizieren sich 38 Prozent der Pflichtschüler (bis inklusive der neunten Klasse) mit dem muslimischen Glauben. An Wiener Mittelschulen – der Sekundarstufe mit etwas niedrigerem Leistungsniveau – sind 46 Prozent der Schüler muslimisch. In manchen Teilen der Stadt bestehen Klassen punktuell zu 100 Prozent aus Kindern mit Migrationshintergrund, viele davon muslimischen Glaubens.
Das Ella-Lingens-Gymnasium ist ein Großstandort mit etwas mehr als 1100 Schülern, davon etwa ein Fünftel Muslime. Laut Schulleiter Rosenauer gab es an der Schule drei Elterngespräche, in denen man sich problemlos habe einigen können. Es sei wichtig, emotionsfrei zu kommunizieren und das Kind in den Mittelpunkt zu stellen.
Die Eltern habe er nicht per Vorladung zum Gespräch zitiert, sondern angerufen. Auch wurden die Religionslehrer hinzugezogen und bereits im Sommer Vertrauenslehrerinnen identifiziert, die den Mädchen im Fall eines Problems als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Es sei jedenfalls ein „sehr emotionalisierter Schulstart“ gewesen, sagt Rosenauer. Die erste Anspannung ist nun verflogen.
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