Radoslaw Sikorski ist nie um klare Worte verlegen: Würde Deutschland aus dem Schengen-Raum austreten, dann hätte das „ernste Konsequenzen“ auch für Polen. Der polnische Außenminister bezog sich damit auf Aussagen der AfD-Vorsitzenden Alice Weidel. Sie hatte zuvor in einem Interview mit dem ZDF gesagt, sie würde einen Austritt Deutschlands aus der Gruppe von Staaten in Europa, die unter sich in der Regel keine Personenkontrollen an den Grenzen durchführen, unterstützen.
Dass der polnische Außenminister Stellung zu den Aussagen einer deutschen Oppositionspolitikerin bezieht, hat einen Grund: die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September. Es ist zu erwarten, dass die AfD aus der Wahl als die mit Abstand stärkste politische Kraft in dem Bundesland hervorgeht. Möglich ist gar, dass sie mehr als die Hälfte der Sitze im Landtag holt und die Regierung in Magdeburg stellen kann.
In Polen blicken Beobachter daher mit erhöhter Aufmerksamkeit auf die AfD im Allgemeinen, auf Sachsen-Anhalt im Speziellen. Mehrere polnische Medien haben Korrespondenten ins ostdeutsche Bundesland geschickt, obwohl polnische Verlage ihr Korrespondentennetz stark verkleinert haben – eigentlich werden Berichterstatter lediglich zu Großereignissen wie Wahlen in den USA entsandt.
Viele polnische Politiker und Experten äußern sich zur AfD und mutmaßen darüber, was der Aufstieg der Partei für Polen bedeutet. Und der Ausblick ist durchweg negativ. Polen schwankt zwischen historischen Ängsten, der Sorge vor wirtschaftlichen Folgen im Fall einer AfD-Regierung und der Befürchtung, ein Opfer der Russlandnähe der Partei zu werden.
Letzteres steht in der polnischen Wahrnehmung klar im Vordergrund. Viel eindeutiger als in Deutschland werden in Polen Verbindungen der AfD nach Moskau und Forderungen der Partei, die Ukraine-Hilfen zurückzufahren, eingeordnet. Das Bild, das die AfD in Polen abgibt, fügt sich in das in der polnischen Gesellschaft immer noch latent vorhandene Misstrauen gegenüber Deutschland ein.
Der Grund dafür ist Deutschlands gescheiterte Russlandpolitik, insbesondere der Bau der Gaspipelines Nord Stream 1 und 2. Die AfD steht aus polnischer Sicht für all das, was Deutschland eigentlich hinter sich lassen sollte. „Wenn in Deutschland Radikale zulegen und diese Leute auch noch Russland nahe stehen, dann muss das Polen interessieren“, sagt Patrycja Tepper im Gespräch mit WELT. Die Expertin für Parteien in Deutschland koordiniert das Projekt „Populismus und radikale Gruppierungen in Deutschland“ bei der Denkfabrik Institut für Weststudien in Posen.
„Wird nicht als Regionalwahl betrachtet“
Tepper ist Autorin eines Arbeitspapiers, in dem sie drei wesentliche Risiken für Polen nach einem AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt definiert: eine eingeschränkte Handlungsfähigkeit der Nato, eine Zunahme von russischem Einfluss in Deutschland und eine Destabilisierung der Bundesregierung.
„Die Frage ist, wie es mit der ‚Brandmauer‘ weitergeht, wie andere Parteien und speziell die CDU sich nach einem Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt verhalten werden“, erklärt Tepper. Es sei unklar, ob die AfD künftig, so wie jetzt, weiterhin isoliert werden könne. Unklar sei auch, wie sich das Ergebnis auf die Stellung von Kanzler Friedrich Merz auswirken werde und wie sehr es ihn schwäche.
Wie entschlossen die Bundesregierung die Ukraine unterstütze und ob sie bereit sei, Russlands hybridem Krieg gegen Europa entgegenzutreten, hängt also auch vom Einfluss der AfD auf die Bundespolitik ab. „In Polen wird die Wahl in Sachsen-Anhalt nicht nur als Regionalwahl betrachtet, sondern als Signal dafür, in welche Richtung sich Deutschland entwickelt“, sagt Tepper. Hinzu komme, dass die AfD im Kontext der deutschen Geschichte betrachtet werden müsse.
Die Außenminister von Deutschland, Frankreich und Polen beraten über gemeinsame Ansätze bei aktuellen internationalen Herausforderungen: „Im Unterschied zu Deutschland drücken sich polnische Politiker klarer und deutlicher aus“, meint Osteuropa-Korrespondent Philipp Fritz.Ein polnischer Diplomat, der anonym bleiben möchte, erzählt, in Warschau herrsche große Sorge, dass das Geschichtsbild in Deutschland durch die AfD verzerrt werde. Begriffe wie „Schuldkult“, wie er von mehreren AfD-Politikern gebraucht wurde, und die Aussagen des Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke über das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas als „Denkmal der Schande“ deuten nach Ansicht des Diplomaten darauf hin, dass die Partei versucht, die Geschichte Nazi-Deutschlands zu relativieren.
In Sachsen-Anhalt könnte sich das nach einem AfD-Sieg in der Bildungspolitik niederschlagen und sich zum Beispiel im Lehrmaterial an Schulen zeigen. „Wie sieht man in der AfD den Überfall auf Polen, Auschwitz und die Niederschlagung des Warschauer Aufstands?“, fragt der Diplomat.
Beim Einmarsch deutscher Truppen in Polen am 1. September 1939 reißen Soldaten der Wehrmacht einen rot-weißen Schlagbaum an der deutsch-polnischen Grenze niederAuch schließt er nicht aus, dass die AfD eine Diskussion über die deutsch-polnische Grenze anstrebt. Von „Ostgebieten“, also Territorium, das nach dem Zweiten Weltkrieg Polen zugeschlagen wurde, ist zwar im politischen Mainstream in Deutschland schon lange nicht mehr die Rede. Aber die Rhetorik der AfD und der wachsende Erfolg der Partei haben in Polen offenbar alte Ängste geweckt. Es ist ein Thema, das das deutsch-polnische Verhältnis vergiften würde.
Wahrgenommen wurden in Polen auch Aussagen des kulturpolitischen Sprechers der AfD-Landtagsfraktion in Magdeburg, Hans-Thomas Tillschneider. Er schrieb 2025 auf X: „Habe ich schon mal gesagt, dass mir Polen seit geraumer Zeit richtig auf die Nerven gehen? Kaum noch ein Unterschied zur Ukraine.“
Zudem setzte sich Tillschneider dafür ein, dass die Stadt Querfurt in seinem Wahlkreis die Städtepartnerschaft mit dem polnischen Gizycko aufhebt – wohl weil ihm polnische Wiedergutmachungsforderungen für deutsche Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs ein Ärgernis sind. Stattdessen unterstützt der Abgeordnete eine Städtepartnerschaft mit dem russischen Rostow am Don.
Angst vor Russlandnähe der AfD
In Polen haben auch Bilder von einer Tasse mit einem Emblem der russischen Armee in Tillschneiders Wahlkreisbüro die Runde gemacht. Entdeckt wurde sie dort bei einem Besuch von Paul Ronzheimer, Journalist beim Axel Springer Global Reporters Network. Tillschneider wird für den Fall eines AfD-Siegs als Bildungs- oder Kultusminister in Sachsen-Anhalt gehandelt.
Dennoch wird Polen einen Umgang mit der AfD finden müssen – und die AfD mit Polen. Denn das boomende Land ist der größte Abnehmer von Exporten aus Sachsen-Anhalt und damit der wichtigste Handelspartner. Allein deswegen gibt es einen regen Austausch. „Ich weiß, dass einige polnische Politiker jetzt schon Kontakte in die AfD suchen“, sagt Expertin Tepper. „Diese Leute denken, die AfD sei eine Partei wie noch vor einigen Jahren. Das ist sie nicht mehr, sie ist viel radikaler.“
Aber auch das Verhältnis der AfD zu Polen ist keineswegs eindeutig. Vielen in der Partei gilt Polen wegen einer als restriktiv empfundenen Migrationspolitik als Vorbild. Jemand, der für eine Öffnung in Richtung Warschau steht, ist der AfD-Europaabgeordnete Tomasz Froelich. Er spricht Polnisch und tritt regelmäßig in polnischen Medien auf. Dabei wählt er eine Sprache, die bei Nationalisten oder im rechten Lager ankommt.
Expertin Tepper geht davon aus, dass Froelich die Nähe zur Konfederacja suche. Die rechtsextreme Partei gilt als antiukrainisch – ein Anknüpfungspunkt zur AfD. Tepper fasst es so zusammen: „Aus meiner Sicht stellt die AfD aufgrund ihrer Russlandnähe eine direkte Gefahr für Polens Sicherheit dar.“
Philipp Fritz berichtet im Auftrag von WELT seit 2018 als freier Korrespondent in Warschau über Ost- und Mitteleuropa.
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