Es ist nicht so, dass dieser Wahlkampf ein Selbstgänger wäre für Mecklenburg-Vorpommerns Christdemokraten. Gerade einmal zehn Prozent der Wähler würden ihre Stimme nach jüngsten Umfragen der Union geben. Die Gefahr, dass sich der Wahlkampf in den kommenden knapp drei Wochen noch stärker auf das Duell Manuela Schwesig (SPD) gegen Leif-Erik Holm (AfD) zuspitzt, ist erheblich. Nicht ausgeschlossen, dass sich weitere CDU-Sympathisanten am Wahltag auf die eine oder andere Seite schlagen. Die Gefahr, dass die Union, die das Land von 1990 bis 1998 regierte, am 20. September in die Einstelligkeit rutscht, ist also real. Und jetzt kommt auch noch Friedrich Merz.

Der Bundeskanzler ist nicht gerade ein gern gesehener Gast in den laufenden Landtagswahlkämpfen. Bisher hat es weder in Sachsen-Anhalt noch in Berlin noch in Mecklenburg-Vorpommern einen Auftritt des wenig populären Regierungschefs gegeben. Auch im Endspurt wird er bestenfalls auf Stippvisite vorbeischauen, wie an diesem Montagnachmittag im Ostseebad Kühlungsborn. Eine Stunde ist dafür in dem Urlaubsort vorgesehen. Sie beginnt im Schutz des Wintergartens des Restaurants „Fisch-Hus“ direkt an der Strandpromenade, wo Merz zunächst einmal in ein Fischbrötchen beißen muss.

Merz genießt sein Fischbrötchen

Serviert wird Sherry-Bismarckhering mit Zwiebeln und Salat. Der Kanzler bescheinigt diesem Essen nach den ersten drei Bissen eine „exzellente“ Qualität: „Die Brötchen sind klasse, der Fisch ist toll, also eine tolle Kombination“, lobt der Kanzler und betont sogleich die wirtschaftliche Stärke des Landes Mecklenburg-Vorpommern, dessen große Chancen allerdings „besser genutzt werden könnten“. Er habe es schon vor fünf Jahren sehr bedauert, dass die SPD sich bei der Suche nach einem passenden Koalitionspartner für die Linkspartei und gegen die CDU entschieden habe. In diesem Fall wäre es dem Land sicher noch besser ergangen.

In seinem für ihn früher typischen Angriffsmodus präsentiert sich der Kanzler also nicht hier oben an der Ostseeküste, was mit den nicht sonderlich rosigen Aussichten seiner Partei zu tun haben dürfte. Eine Regierungsbeteiligung ist für die Union jedenfalls auch für die Zeit nach dem 20. September nicht in Sicht. Es sei denn, sie würde sich doch noch entschließen, mit der AfD oder der Linkspartei zusammenzuarbeiten, was aber sowohl der Spitzenkandidat Daniel Peters als auch weite Teile der Landes-CDU ablehnen. Ohnehin verbietet das der Unvereinbarkeitsbeschluss der Bundespartei. Also wird dieses Thema erst gar nicht erwähnt in Kühlungsborn.

Stattdessen hofft der Kanzler vage auf „ein gutes Ergebnis“ und betont dann noch schnell, dass sowohl in Mecklenburg-Vorpommern als auch in Sachsen-Anhalt und Berlin „zuerst Landtagswahlen“ anstünden. Subtext: Mit ihm, dem Chef der Bundesregierung, werden die absehbar bestenfalls mittelmäßigen Ergebnisse nichts zu tun haben. Doch diese stille Hoffnung konterkarieren schon im nächsten Moment die Inhaber des Fischrestaurants, Robert und Paul Keppler.

„Dann haben wir bald keine Fischer mehr!“

Vater und Sohn Keppler haben sich offenkundig vorgenommen, dem Kanzler ihren Unmut über den Bürokratismus in Deutschland, vor allem aber über die – von der EU vorgegebenen – Fangquoten in der Ostsee spüren zu lassen. Man sei zwar insgesamt optimistisch, beginnt Vater Keppler noch recht freundlich seine Analyse der allgemeinen Lage an der Ostsee. Der Tourismus laufe zwar gut – „aber wir haben doch Schwierigkeiten“. So bräuchten die Behörden zuweilen viel zu lange, um einen für das Personal des Restaurants wichtigen Stempel anzubringen. „Das funktioniert so nicht“, schimpft Keppler, wird dann aber schnell unterbrochen.

Bürokratieabbau sei gerade das zentrale Thema des hiesigen CDU-Wahlkampfes, beschwichtigt Spitzenkandidat Peters. Und Kanzler Merz verspricht, dass die Bundesregierung noch „im Laufe des Jahres eine Reihe von Dokumentationspflichten für den Mittelstand abschaffen“ werde. Doch damit ist der Ärger der Fischerfamilie noch nicht erledigt.

Ob Merz denn wisse, wie viel Fisch die Kepplers noch aus der Ostsee ziehen dürften, fragt Sohn Paul Keppler den Kanzler und rechnet dann gleich mal vor: Vor ein paar Jahren habe Kepplers Kutter noch 250 Tonnen Hering anlanden dürfen. In diesem Jahr seien es noch sieben Tonnen. „Davon kann keiner leben“, unterstützt Robert Keppler seinen Sohn. Der Kanzler versucht es mit dem Verweis darauf, dass die Politik aber auch die Verantwortung dafür habe, dass die Fischbestände erhalten blieben und die Ostsee nicht leergefischt werden dürfe. Aber dieses Argument lässt Paul Keppler nicht gelten.

Er verweist auf die geschützten Kegelrobben, von denen es mittlerweile 50.000 bis 60.000 in der Ostsee gebe. Jede dieser Robben futtere pro Tag fünf Kilo Fisch. „Was die wegfressen!“, ruft Fischer Keppler. „Wenn das so weitergeht, dann haben wir bald keine Fischer mehr!“ Die Politik müsse sich jetzt entscheiden, entweder sie unterstütze die Ostseefischer, oder diese machten endgültig „Feierabend“.

Ein recht warmer Empfang für den Kanzler in Kühlungsborn

So geht es zu in den aktuellen Wahlkämpfen. Selbst in vergleichsweise freundlicher Gesellschaft ist der Unmut der Menschen über die Politik des Kanzlers und seiner Bundesregierung zu spüren. Das ist auch auf der Strandpromenade von Kühlungsborn nicht anders, über die Merz nach seinem Besuch bei den Kepplers noch ein paar Meter spaziert. Ein Termin, für den die Union nicht geworben hat, der aber dennoch den Eindruck widerlegen soll, dass die Partei ihren Kanzler in diesem Wahlkampf verstecke.

Merz grüßt freundlich, wünscht diesem und jenem Schaulustigen „gute Erholung“, lässt sich, soweit es sein Begleittross erlaubt, hier und da auf ein kurzes Gespräch ein und gewährt auch dem kleinen Kai, der sich mit seinem Handy durchgewuselt hat, ein Selfie.

Die „Kriegstreiber“- und „Pinocchio“-Rufe vereinzelter AfD-Anhänger ignoriert der Kanzler. Die sind zwar laut, aber doch längst nicht in der Mehrheit auf der Strandpromenade. Es bleibt friedlich in Kühlungsborn. Und das ist für den Kanzler angesichts der aufgewühlten Lage in Ostdeutschland fast schon eine gute Nachricht.

Ulrich Exner ist politischer WELT-Korrespondent und berichtet vor allem aus den norddeutschen Bundesländern.

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