Wähler mit Migrationshintergrund gehen noch stärker auf Distanz zu den Parteien als andere Wahlberechtigte. Das legen die Ergebnisse einer Untersuchung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) zur Wahlneigung verschiedener Bevölkerungsgruppen nahe.
Das DeZIM verglich dafür Befragungen aus den Wintern 2023/2024 und 2024/2025. Die Teilnehmer wurden in vier Gruppen eingeteilt: Menschen ohne Migrationshintergrund, Menschen mit Wurzeln in anderen EU-Staaten, Menschen mit familiären Bezügen zur Türkei, zum Nahen Osten oder zu Nordafrika sowie Menschen mit Wurzeln in der früheren Sowjetunion.
Die Forscher fragten für ihre Untersuchung nicht, wen die Teilnehmer der Umfrage wählen würden, wenn schon am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, sondern, wie wahrscheinlich es ist, dass sie eine bestimmte Partei jemals wählen würden.
Besonders deutlich sank das Wählerpotenzial der Parteien unter Menschen mit Wurzeln in der Türkei, im Nahen Osten oder in Nordafrika. Die SPD hielten in dieser Gruppe zuletzt noch 60 Prozent grundsätzlich für wählbar, ein Jahr zuvor waren es 71 Prozent gewesen. Bei CDU und CSU sank der Wert von 67 auf 50 Prozent, bei der Linken von 59 auf 45 Prozent und bei der FDP von 56 auf 32 Prozent. Die Grünen legten dagegen leicht von 43 auf 45 Prozent zu. Die AfD fiel von 20 auf 16 Prozent.
Die SPD verfügte damit unter Menschen mit Migrationsgeschichte weiterhin über ein vergleichsweise großes Wählerpotenzial. Eine Ausnahme bildete die Gruppe mit Wurzeln in der früheren Sowjetunion: Dort lagen CDU und CSU mit 62 Prozent vorn. Zugleich war die AfD in dieser Gruppe mit 45 Prozent deutlich häufiger grundsätzlich vorstellbar als unter den anderen Befragten mit Migrationsgeschichte. Auch dieser Wert sank jedoch gegenüber dem Vorjahr um drei Prozentpunkte.
Auffällig ist außerdem, dass sich der Rückgang nicht auf Menschen mit Migrationshintergrund beschränkte. Auch unter Befragten ohne Migrationsgeschichte verloren fast alle Parteien an potenziellem Zuspruch.
Die Unterschiede zwischen den Gruppen sollten allerdings vorsichtig interpretiert werden. Nach den Angaben in der Grafik umfassten die Befragungen jeweils rund 2000 Menschen ohne Migrationshintergrund, aber nur 202 Menschen mit Wurzeln in anderen EU-Staaten, 185 aus der Gruppe Türkei, Naher Osten und Nordafrika sowie 80 mit Wurzeln in der früheren Sowjetunion. Gerade bei der letztgenannten Gruppe kann deshalb bereits die Haltung weniger Befragter den Prozentwert sichtbar verändern.
Die Untersuchung erklärt zudem nicht, weshalb sich das Wählerpotenzial einzelner Parteien innerhalb eines Jahres so stark verändert hat. Die DeZIM-Co-Autorin Friederike Römer verwies auf eine mögliche grundsätzliche Entfremdung der SPD von ihrer klassischen Wählerschaft. Ob bei Menschen mit Wurzeln in der Türkei, im Nahen Osten oder in Nordafrika auch der Nahost-Konflikt eine Rolle spielte, lasse sich aus der Befragung nicht ableiten und müsse gesondert untersucht werden.
Als Mensch mit Migrationshintergrund im Sinne der Studie gelten Menschen, die einen Elternteil haben, der ohne deutsche Staatsangehörigkeit geboren wurde, beziehungsweise die selbst eingebürgert wurden. Seit 2021 sind Menschen aus Syrien unter den Ausländern, die deutsche Staatsbürger werden, die größte Gruppe.
In dem Zeitraum, in dem die Befragungen stattfanden, lag der Anteil der Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund zwischen 12 und 14 Prozent.
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