Russland hat Großbritannien mit Konsequenzen gedroht, nachdem die Ukraine erstmals in Großbritannien gebaute Drohnen für Angriffe gegen russisches Territorium eingesetzt hat. Die russische Botschaft in London erklärte, das Vereinigte Königreich werde einen „höheren Preis“ zahlen, sollte es Kiew in seinem Abwehrkampf gegen Russlands Invasion weiter unterstützen.

„Meldungen, wonach das Kiewer Regime britische Drohnen für Angriffe tief im russischen Hoheitsgebiet verwendet, bestätigen, dass London bewusst auf eine Eskalation der Ukraine-Krise setzt, während es heuchlerisch vorgibt, sich um Frieden zu bemühen“, zitierten russische Staatsmedien aus der Erklärung.

„Damit macht sich das Vereinigte Königreich zum Komplizen und Gehilfen der blutigen Verbrechen und Terroranschläge ukrainischer Neonazis, die unser Land eindämmen und ihm mit fremden Händen den größtmöglichen Schaden zufügen wollen“, so die Botschaft weiter. Der Kreml beschimpft die Regierung in Kiew regelmäßig als Neonazis.

„Londons Handeln wird unweigerlich Folgen haben, für die es sich verantworten muss. Je tiefer seine Verstrickung in diesen Konflikt reicht und je größer seine Unterstützung für die Terrormaschine Kiews ausfällt, desto höher wird der Preis sein.“

Konkrete Vergeltungsmaßnahmen nannte Moskau nicht. Aber vergangene Woche hatte Wladimir Putin gedroht, europäische Schiffe zu kapern – als Antwort auf das westliche Vorgehen gegen seine Schattenflotte aus Tankern, mit der er unter Umgehung der Sanktionen Öl verschifft. Nach jüngsten Einschätzungen amerikanischer Geheimdienste könnte der russische Präsident binnen weniger Wochen einen Angriff auf Nato-Gebiet anordnen, um die Unterstützung des Bündnisses für Kiew zu untergraben.

Die Erklärung der Botschaft folgt auf Berichte, wonach Drohnen zweier britischer Hersteller in den immer häufiger von der Ukraine ausgeführten Angriffen auf russische Ölraffinerien zum Einsatz gekommen sind.

Die Kampagne, die sich auch gegen Ziele tief in Russland richtet (sogenannte deep strikes), hat nach Schätzungen von Experten bereits einen wirtschaftlichen Schaden von umgerechnet mehr als 41 Milliarden Euro verursacht.

Die Folgen: Treibstoffknappheit und wiederkehrende Stromabschaltungen in Teilen Russlands und auf der besetzten Halbinsel Krim. Der Krieg wird damit auch für viele Russen spürbar, die weit von der Front entfernt leben.

Firmenname aus Sicherheitsgründen nicht genannt

Die Londoner „Sunday Times“ nannte in ihrem Bericht namentlich die Nyan-Drohne des Herstellers Callen-Lenz, einer Tochter des Rüstungsriesen BAE Systems. Das Fluggerät aus Kohlefaser hat eine Spannweite von 2,9 Metern und eine Reichweite von rund 240 Kilometern – genug, um grenznahe Ziele in Russland zu treffen. Gestartet wird es per Druckluft-Katapult, die Nutzlast beträgt etwa 20 Kilogramm.

Startvorbereitungen für eine Nyan-Drohne mithilfe eines Druckluft-Katapults

Auch Drohnen eines zweiten Unternehmens seien für Fernangriffe eingesetzt worden, berichtete die Zeitung – den Namen nenne sie aber aus Sicherheitsgründen nicht. Unter Berufung auf Quellen in der ukrainischen Armee berichtete das Blatt, zu den mit den britischen Drohnen angegriffenen Zielen zählten Raffinerien in Wolgograd und Jaroslawl unweit Moskaus.

Es ist nicht das erste Mal, dass Waffen aus britischer Produktion Ziele auf russischem Staatsgebiet treffen. Die ukrainische Luftwaffe hat bereits Marschflugkörper des Typs Storm Shadow gegen Ziele jenseits der Grenze eingesetzt.

Unbestätigten Berichten zufolge kam die Waffe Ende 2024 gegen russische und nordkoreanische Soldaten in der südrussischen Region Kursk zum Einsatz, die zeitweise teilweise von ukrainischen Truppen kontrolliert war.

Offiziell bestätigte Kiew einen grenzüberschreitenden Storm-Shadow-Einsatz erst ein Jahr später: Der Marschflugkörper habe in zwei getrennten Angriffen eine Chemiefabrik und die Ölraffinerie Nowoschachtinsk in der russischen Region Rostow getroffen. Auch bei Angriffen mittlerer Reichweite auf Ziele in den besetzten Gebieten der Ukraine kamen britische Drohnen zum Einsatz.

Moskau hat nach britischen Waffenlieferungen immer wieder mit Vergeltung gedroht – auch Putin selbst. Der Kreml-Chef erklärte schon früher, er könne einen Atomschlag gegen Nato-Staaten in Betracht ziehen, die die Ukraine mit konventionellen Waffen für Angriffe auf russisches Gebiet ausrüsten.

Für ihre Schläge gegen russisches Territorium hat die Ukraine bislang überwiegend eigene, im Land gefertigte Drohnen genutzt – aus dem einfachen Grund, weil sie für vergleichbare Einsätze westlicher Marschflugkörper nur schwer die nötigen Freigaben erhält.

Großbritannien, die USA und Frankreich haben derlei Angriffe zwar phasenweise erlaubt, doch das geschieht immer seltener. Die Bestände schrumpfen, und US-Präsident Donald Trump fürchtet, solche Schläge könnten eine Eskalation auslösen.

In der vergangenen Woche verlegte Russland ein mit Marschflugkörpern und Hyperschallwaffen bestücktes Kriegsschiff in die Ostsee, eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten Europas. Die „Admiral Kasatonow“, eine Fregatte mit atomwaffenfähigen Hyperschallraketen des Typs Zirkon, wurde vor der Küste der deutschen Ferieninsel Fehmarn gesichtet, nachdem der Kreml gedroht hatte, britische und EU-Schiffe anzugreifen.

Das Auftauchen des Kriegsschiffes in der Ostsee, einer der wichtigsten Schifffahrtsrouten Europas, markiert die jüngste Eskalationsstufe zwischen Russland und der Nato.

Anfang August war am Flughafen Leipzig/Halle in der Nähe ukrainischer Transportflugzeuge eine mit Sprengstoff und Zünder bestückte Drohne entdeckt worden, die aber nicht explodierte. Die Bundesanwaltschaft ermittelt, sie spricht von einem „schwerwiegenden Angriff auf die Transport- und Logistikinfrastruktur in Deutschland“.

Der österreichische Militärexperte Markus Reisner sieht in Äußerungen des russischen Außenministers Sergej Lawrow ein indirektes Eingeständnis einer russischen Beteiligung an dem missglückten Anschlag auf dem Flughafen und warnt: „Leipzig war erst der Anfang.“

Am Sonntag hatte der „Telegraph“ enthüllt, dass Russland nahe der ukrainischen Grenze geheime Stützpunkte errichtet. Dort werden leistungsfähige Drohnen mit einer Reichweite stationiert, die Angriffe tief im Nato-Gebiet ermöglichen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der WELT-Partnerpublikation „The Telegraph“. Übersetzt und redaktionell bearbeitet von Jens Wiegmann.

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