Kriegsminister Pete Hegseth war sauer. CNN solle sich „schämen“, schrieb er auf X, nachdem der Sender berichtet hatte, dass das US-Militär mit einem gefährlichen Raketenmangel kämpfe. „Wir hassen die Fake-News-Medien nicht genug“, schrieb er am Dienstag. „Gefährlich niedrig“ soll der Bestand an Munition sein, berichtete CNN.
Für US-Präsident Donald Trump sind das keine guten Nachrichten. Derzeit soll es Gespräche zwischen Teheran und Washington geben, die Trump als „letzte Chance“ für das Mullah-Regime beschrieb, einen Deal zu schließen. Andernfalls werde er die massiven Angriffe durchführen, die er eigentlich schon am Wochenende starten wollte, aber wegen der diplomatischen Ouvertüre abgesagt hatte. Trump sprach von einer „Enthauptung“, die er im Sinn habe, und beschrieb die Angriffe als die „größten seit dem Zweiten Weltkrieg“.
Trumps Drohungen erscheinen im Licht der aktuellen Meldungen über akuten Mangel an Raketen allerdings schwach. Laut der Nachrichtenagentur Reuters haben die USA in den vergangenen fünf Monaten einen Großteil ihrer Präzisionsraketen verbraucht. Wie anonyme Quellen dem Medium berichten, soll das US-Militär nur noch über die Hälfte aller seiner Tomahawk-Raketen verfügen.
Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) veröffentlichte vergangene Woche einen Bericht, in dem es feststellte, dass die USA zwischen Februar und Juli etwa 65 Prozent ihrer Patriot-Abfangraketen und 38 Prozent ihrer THAAD-Raketen verbraucht haben. CNN berichtete, dass der Bestand der THAAD-Raketen um vier Fünftel reduziert sei. Das Weiße Haus widerspricht in seinen Stellungnahmen dieser Darstellung.
Grund dafür ist die Art und Weise der iranischen Kriegsführung. Anders als bei den letzten großen Kriegen, die die USA gegen den Irak und in Afghanistan geführt haben, feuert der Iran seinerseits viele Raketen gegen US-Basen in der Region und regionale Verbündete.
Seit dem Ende des Kalten Krieges haben sich die USA nicht mehr auf solch einen Krieg vorbereitet. „Als hypothetische Gegner wurden der Irak und Nordkorea angenommen. Man ging davon aus, dass diese Kriege relativ kurz sein und daher weitaus weniger Munition erfordern würden als ein Krieg gegen die Sowjetunion“, schreibt das CSIS in einer aktuellen Analyse. Das hatte einen negativen Effekt auf die Produktionskapazitäten.
Wie mehrere Medien übereinstimmend berichten, hat diese Lage dazu geführt, dass Trump seine Strategie ändern muss. Gegen Ende vergangener Woche stand der US-Präsident kurz davor, eine weitere Angriffswelle gegen Teheran zu befehlen. Das Pentagon hatte bereits begonnen, weitere Ressourcen und Personal in den Nahen Osten zu verlagern.
Erst wenige Tage zuvor hatte er eine 13-tägige Angriffsserie beendet, um Verhandlungen eine Chance zu geben. Teheran bombardierte jedoch wenig später ein Frachtschiff in der Straße von Hormus, was Trump unter Druck setzte.
Centcom-Chef soll vor zu wenig Ressourcen bei iranischem Gegenangriff gewarnt haben
Am Sonntag sagte er die Wiederaufnahme der Angriffe jedoch ab. Reuters und die „New York Times“ berichteten, dass der Mangel an Raketen den Präsidenten dazu veranlasst hat. Zudem warnte der Chef des Centcom, das für die Operation im Nahen Osten zuständig ist, General Alex Grynkewich, dass die Navy nicht genügend Ressourcen vor Ort habe, um die zu erwartenden iranischen Gegenangriffe abzuwehren. In einem Brief, über den die „Washington Post“ berichtete, schrieb er, dass er gezwungen sein könnte, zwischen der Verteidigung der USA und Israels zu wählen.
Für Trump stellt das ein Dilemma dar. Die diplomatischen Bemühungen verlaufen zäh. Der US-Präsident gab an, mit dem Iran derzeit zu verhandeln – eine Aussage, die Teheran dementiert. Man spreche nicht direkt mit den Washington, sondern nur mit dem Oman, hieß es. „Wir führen derzeit keine Verhandlungen mit den USA“, und der Iran hat in den kommenden Tagen keine Pläne, ausländische Delegationen zu empfangen oder Verhandlungsführer ins Ausland zu entsenden“, erklärte der Sprecher des Außenministeriums gegenüber Reportern.
Am Montag nannte Trump Teheran „doppelzüngig“. Später drohte er dem Regime erneut. Es handele sich nun um die letzte Gelegenheit, einen guten Deal zu schließen, sagte er und drohte erneut: „Ich möchte ihnen eine Chance vor ihrer Enthauptung geben“, so Trump.
Die Wirkung von Trumps Drohungen auf Teheran dürfte allerdings mittlerweile nachgelassen haben. Denn auch das iranische Regime weiß um die Mängel im amerikanischen Raketenarsenal. Sollte sich der US-Präsident dennoch zu einer neuerlichen Angriffswelle hinreißen lassen, wäre diese weitaus gefährlicher für amerikanische Soldaten. Der Raketenmangel würde das Militär dazu zwingen, weniger bodengestützte Raketen einzusetzen, sondern mehr Bombardements aus der Luft mit Kampfflugzeugen durchzuführen, was US-Soldaten näher an das Kampfgeschehen bringen würde.
Außerdem wären amerikanische Basen in der Region wieder verstärkten iranischen Gegenangriffen ausgesetzt. Bereits im Juli starben drei US-Soldaten in Jordanien, weil eine ballistische Rakete des Iran nicht abgewehrt werden konnte.
Der Raketenmangel reduziert nicht nur die Optionen der USA für den Iran-Krieg. „Der wichtigste Beobachter dieses Krieges ist China und die Situation gibt Peking eine Menge Aufschluss darüber, wo die Grenzen der militärischen Macht der USA liegen“, sagte Tom Karako, der Direktor des Missile Defense Projects am CSIS, im Gespräch mit WELT. „Es zeigt ihnen, wie man die USA besiegen kann“, sagte er.
Hinzu käme die Verlagerung von Ressourcen aus dem Indo-Pazifik in den Nahen Osten, die China einen Vorteil verschaffe. Das trifft zum einen die US-Verbündeten in der Region. „Japan und Taiwan müssen damit rechnen, dass sie weniger von den USA kaufen können“, so Karako. Schließlich müsse Washington sein eigenes Arsenal zunächst auffüllen, was bis zu drei Jahre dauern könne. Zum anderen trifft das die Ausstattung von US-Kräften in der Region. „Wir haben jetzt weniger Fähigkeiten dort, was bedeutet, dass das Machtgleichgewicht gegenüber China heute dramatisch anders ist“, sagte Karako.
Selbiges gelte auch für Europa. „Deutschland, Polen und andere nehmen ihre Aufrüstung sehr ernst“, so der CSIS-Experte. Das sei beeindruckend – und richtig, angesichts der Probleme, die die USA nun hätten. „Die USA haben eine Menge Feinde. Sie alle passen ihre Kalkulationen nun an.“
Gregor Schwung berichtet für WELT seit Juli 2026 als US-Korrespondent aus Washington, D.C. Zuvor war er außenpolitischer Korrespondent in Berlin.
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