Raimundas Vaiksnoras ist seit 2024 der Oberbefehlshaber der litauischen Armee. Als Gegenüber von Generalinspekteur Carsten Breuer ist der 1970 geborene Viersternegeneral besonders wichtig für Deutschland – schließlich verlegt die Bundeswehr bis 2027 eine beinahe 5000 Männer und Frauen zählende Panzerbrigade nach Litauen, an die Ostflanke der Nato.
Das Interview mit Vaiksnoras entstand während des WELT-Sicherheitsgipfels in Berlin. Anfang des Monats kamen dafür in den Räumen des Axel-Springer-Verlags, zu dem auch WELT gehört, zahlreiche Entscheider aus Politik, Militär, Nachrichtendiensten und Wirtschaft zusammen.
General Raimundas VaiksnorasWELT: Herr Vaiksnoras, der Aufbau einer deutschen Brigade in Litauen läuft offenbar planmäßig und soll im kommenden Jahr abgeschlossen werden. Welche Bedeutung hat die Panzerbrigade 45 für die Abschreckung an der Nato-Ostflanke?
Raimundas Vaiksnoras: Erst einmal sind wir froh darüber, dass Deutschland in diesen herausfordernden Zeiten in eine Führungsrolle gerückt ist. Seit 2017 war Deutschland bereits die Führungsnation einer Nato-Battlegroup in unserem Land, dieses Engagement wird jetzt massiv ausgebaut. Ich weiß, Deutschland hat sich etwa mit der Beteiligung an der Mission in Afghanistan militärisch für Stabilität in der Welt eingebracht; aber auch bei uns gab es ein Bild von einem Deutschland, das vor allem nach innen geneigt war und sich selbst nicht als sicherheitspolitischen oder militärischen Akteur verstanden hat. Es gab also Skeptiker hinsichtlich der dauerhaften Stationierung der Bundeswehr bei uns. Aber diese Skeptiker sind verstummt, wir sehen die Fortschritte und den Willen der Deutschen, Führung zu zeigen. Die Bedeutung der deutschen Entscheidung, eine Brigade aufzubauen, besteht auch darin, dass andere Nationen versuchen müssen, nachzuziehen – Großbritannien zum Beispiel. Und auch wir fragen uns, was wir für die Verteidigung an der Nato-Ostflanke tun können. Die Brigade befindet sich in der Nähe der Hauptstadt Vilnius, wenige Kilometer von der Grenze zu Belarus entfernt. Das bedeutet viel für uns.
WELT: Sie können bestätigen, dass die Brigade 2027 vollständig einsatzfähig sein wird?
Vaiksnoras: Ja, auf jeden Fall. Ich habe gerade erst die Baustelle in Rudninkai besucht, wo Kasernen für die Bundeswehrangehörigen entstehen. Wir sind vor dem Zeitplan. Das Gleiche gilt für das Trainingsgelände. Die zurückliegende Übung „Freedom Shield“ zeigt, wie weit die Deutschen und wir sind. Zwar sind auch Einheiten aus Deutschland für die Übung zu uns gekommen, es hat sich also nicht um dauerhaft stationierte Einheiten gehandelt. Aber es waren doch 2900 Soldaten beteiligt, darunter auch eine litauische Kompanie. Wir integrieren uns, das ist wichtig, zumal wir unsere gepanzerten Kräfte ausbauen. Wir schaffen Kampfpanzer an, für uns ist das eine neue Waffengattung, bei der wir uns stark an die Bundeswehr anlehnen.
Bundeswehrsoldaten im Dezember 2025 bei einer Baustellenbesichtigung der zukünftigen Kasernen für die deutsche BrigadeWELT: Vor Ort befindet sich mittlerweile viel schweres Gerät. Kann man diese Stationierung in Litauen tatsächlich noch als „Stolperdraht“ der Nato im Fall eines russischen Angriffs bezeichnen?
Vaiksnoras: Als wir der Nato beigetreten sind, dachten viele, nun müssen wir nicht mehr sonderlich viel in Verteidigung investieren. Denn wenn uns jemand angreift, dann kommt schon jemand, um uns zu verteidigen. Warum aber sollten Polen, Dänen oder Deutsche in Litauen sterben, wenn wir selbst nicht in unsere Verteidigung investieren? Die Jahre 2008, Russlands Angriff auf Georgien, und 2014, Russlands Annexion der Krim, haben vieles in unserer Wahrnehmung geändert. Wir haben stetig angefangen, wieder mehr in Verteidigung zu investieren. 2022 haben wir zwei Prozent unserer Wirtschaftsleistung für Verteidigung aufgebracht, später 3,5 Prozent, heute sind wir bei 5,38 Prozent. Die politische Führung versteht, in was für einer Lage wir sind und dass wir die Dinge selbst in die Hand nehmen müssen. Die deutsche Brigade ist dabei nur ein Element, sie ist ein Teil einer Division, die im Konfliktfall schnell verlegt werden kann. Das ist essenziell, denn Russland hat seine Wirtschaft auf eine Kriegswirtschaft umgestellt; sie produzieren und rüsten so, als bereiteten sie sich auf einen weiteren Krieg vor.
WELT: Es heißt immer wieder, Russland sei in der Ukraine gebunden. Gleichzeitig warnen einige Experten, Russland könnte eher früher als später gegen die Nato eskalieren, gerade weil die Europäer aufrüsten. Der Kreml könnte kalkulieren, dass es töricht wäre, zu warten. Wie bewerten Sie die Gefahr, die für Europa von Russland ausgeht?
Vaiksnoras: In zwei Jahren werden wir in Europa sehr viel besser aufgestellt sein als jetzt, selbst ohne eine amerikanische Präsenz. Wir werden doppelt so viel können. Das wissen auch die Russen. Wenn wir davon ausgehen, dass Wladimir Putin uns herausfordern will, dann müssen wir auch davon ausgehen, dass er es früher tut. Denn wir werden besser, und ab einem bestimmten Moment sind wir so gut aufgestellt, dass die Russen einen Angriff als nutzlos empfinden müssen. Kurzum: Ich denke, wir haben noch zwei, drei Jahre, um uns auf eine Eskalation vorzubereiten. Das ist der Zeithorizont. Wir müssen also noch schneller werden, um weiter erfolgreich den Feind abzuschrecken. Das kostet.
WELT: Wir sprechen über einen potenziellen konventionellen Krieg. Doch Russland wendet bereits Maßnahmen hybrider Kriegsführung gegen Europa an. Ihr Land ist davon durch das Eindringen von Drohnen oder Wetterballons besonders betroffen.
Vaiksnoras: Ich denke nicht, dass Russland tatsächlich bald in eine konventionelle Auseinandersetzung mit der Nato eintritt. Das wäre selbstmörderisch. 40 Millionen Ukrainer schaffen es bereits jetzt, einem dreimal größeren Land standzuhalten. Aber Sie haben recht, wir sind von hybriden Maßnahmen betroffen. Die sind eine Konstante, diese Taktik war nie weg. In Mittel- oder Westeuropa wurde das vielleicht nicht wahrgenommen, aber wir waren damit schon zu Boris Jelzins Zeiten beschäftigt. Unsere Gesellschaften im Osten der EU sind wahrscheinlich deswegen grundsätzlich kritischer gegenüber Russland und somit resilienter. Wir müssen auch bei den hybriden Maßnahmen entschlossen antworten, dann lassen sie nach. Das sehen wir. Wenn wir handeln, müssen die Russen mehr Ressourcen aufwenden, wenn sie ihre aggressive Politik gegen Europa fortführen wollen. Das aber bereitet ihnen Probleme, da sie ebenfalls enorme Ressourcen aufbringen, um ihren Krieg in der Ukraine fortzusetzen.
Schwer beschädigtes Wohnhaus in Kiew nach russischem LuftangriffWELT: Eine konsequente Unterstützung der Ukraine und eine deutliche Aufrüstung sind in der litauischen Gesellschaft unumstritten. Was können die übrigen Europäer von Ihnen lernen?
Vaiksnoras: Für uns alle war es schwierig zu begreifen, dass ein solcher Krieg wie der in der Ukraine heute in Europa möglich ist. Auch für uns Litauer. Aber wir haben sicher früher begriffen, was Russland im Schilde führt und welchen Charakter die Russen haben. Wir waren schließlich Jahrzehnte unter sowjetischer Besatzung. Wir sind seit 35 Jahren unabhängig. Wir kennen die imperialistischen Ambitionen der Russen und wir, unsere Eltern und Großeltern erinnern uns an die Opfer, an die Deportationen nach Sibirien und vieles mehr. Es gibt fast keine litauische Familie, die nicht unter Moskau gelitten hat. Kurz gesagt: Wir wissen, der Krieg ist nah und wir müssen Vorkehrungen treffen. Das betrifft das Militär und die Zivilgesellschaft.
WELT: Die politische Führung Litauens strebt aktuell eine Verfassungsänderung an, sodass künftig Atomwaffen bei Ihnen stationiert werden können. Was hat es damit auf sich?
Vaiksnoras: Ich gehe nicht davon aus, dass in Litauen Nato-Atomwaffen stationiert werden. Als wir unsere Verfassung geschrieben haben, hatten wir noch die Rote Armee in unserem Land stationiert. Vor diesem Hintergrund haben wir damals festgeschrieben, dass wir keine Nuklearwaffen auf litauischem Territorium haben werden. Der Kontext war also ein anderer. Heute sind in Belarus russische Nuklearwaffen stationiert, Kaliningrad ist hochgerüstet und in der Region legen nur wir uns verfassungsmäßig fest, nie Nuklearwaffen zur Abschreckung bei uns zu dulden. Die Polen, Letten oder Esten tun das nicht. Ich denke, auch wir sollten uns nicht derart festlegen. Wir dürfen uns, aber auch der Nato, nicht selbst Fesseln anlegen. Wenn Nato-Jets durch litauischen Luftraum fliegen, wissen die Russen, dass diese Jets nicht nuklear bestückt sind. Warum sollen wir den Russen diese Gewissheit geben? Es geht nicht um tägliche Provokationen unsererseits. Aber natürlich müssen russische Stellen im Unklaren gehalten werden. Was ich gerade erkläre, ist durchaus zu vergleichen mit unserem Austritt aus der Ottawa-Konvention, der Ächtung von Antipersonenminen.
WELT: Auch dieser Schritt Litauens wird kontrovers diskutiert.
Vaiksnoras: Das bedeutet nicht, dass wir sofort anfangen, entsprechende Minen zu produzieren. Es geht darum, dass ich im Fall der Fälle die Möglichkeit haben möchte, alles zu tun und einzusetzen, um mein Vaterland zu verteidigen.
WELT: Geht es nach Ihnen, sollte Litauen zum Beispiel im Rahmen der nuklearen Teilhabe US-Atomwaffen bei sich beherbergen?
Vaiksnoras: Wir sind ein Teil der nuklearen Abschreckung der Nato. Über eine konkrete Stationierung in Litauen möchte ich nicht reden. Das sind politische Entscheidungen. Als oberster Militär meines Landes folge ich politischen Handlungsanweisungen.
WELT: Donald Trump hat angekündigt, Truppen aus Europa abzuziehen. Die Europäer sind verunsichert, auch weil das Weiße Haus regelmäßig verbal gegen die Verbündeten austeilt. US-Truppen sind auch in Litauen stationiert. Wie verunsichert sind Sie?
Vaiksnoras: Ich will kein Öl ins Feuer gießen. Die Amerikaner haben einen 360-Grad-Blick auf die Welt. China spielt dabei eine große Rolle. Die Ukrainer schwächen die Russen, sie machen Fortschritte. Vielleicht sehen die Amerikaner daher nicht die Gefahr einer Eskalation des Krieges durch Russland. Natürlich, als kleines Land wünschen wir uns, dass so viele Partnerländer wie möglich dauerhaft Truppen bei uns stationieren. Aber Truppenstationierungen sind nicht das einzige Element der Abschreckung. Die USA tun nach wie vor sehr viel. Auch die Russen wissen das. Das kann ich Ihnen sagen.
Philipp Fritz berichtet im Auftrag von WELT seit 2018 als freier Korrespondent in Warschau über Ost- und Mitteleuropa.
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