Die Vertriebenen beginnen zu erzählen. Die Nacht, die sich über das Zeltlager von El Obeid im Süden des Sudans gesenkt hat, gibt ihnen den Mut, den sie vor der Dämmerung nicht aufbringen konnten.
Jetzt ist es nicht mehr das kollektive Klagen eines hungernden, vertriebenen Volkes, das man vergessen hat und das Teil der schwersten humanitären Krise der Welt geworden ist. Jetzt sind es Berichte über das, was in den Dörfern in der Provinz Kordofan passiert, an dieser neuesten Front des seit drei Jahren tobenden Bürgerkrieges im Sudan.
Das Gebiet liegt zwischen der Region Darfur, die von den Paramilitärs der Rapid Support Forces (RSF) kontrolliert wird, und dem Osten des Landes, in dem die sudanesische Regierungsarmee herrscht. Es ist nicht nur strategisch wichtig, sondern auch reich an Öl. Zuletzt hatten die Kämpfe zwischen der RSF und der Armee, die im April 2023 ausgebrochen waren, hier besonders heftig getobt.
Fatia Taher Abakar bahnt sich ihren Weg durch den Kreis der Schatten. „Ich stamme aus Birka und habe acht Kinder. Als die RSF zu mir nach Hause kamen, habe ich sie alle versteckt. Die Jüngste im Küchenschrank, in den sie kaum hineinpasste. Die anderen im Kleiderschrank, eines in der Kommode. Aisha, die Älteste, ist 14 Jahre alt – sie habe ich im Wassertank versteckt.“
Fatia wusste nur zu gut, was die bewaffneten Männer wollten. „Sie nehmen Kinder mit und fordern dann Lösegeld. Oder sie drücken ihnen ein Gewehr in die Hand und zwingen sie, in ihren Reihen mitzukämpfen. Sie haben mich geschlagen, doch meine Kinder haben sie Gott sei Dank nicht gefunden.“
Ihre große Tochter Aisha ist seitdem schwer verängstigt, schläft kaum noch. „Sobald sie einen Erwachsenen sieht, läuft sie davon.“ Das Licht eines Handys beleuchtet Fatias Gesicht und hebt es aus der Dunkelheit hervor.
Fatia Taher Abakar schildert ihren LeidenswegFatia ist 29 Jahre alt, ihre Fingerspitzen sind mit Henna bemalt, eine Zierde, die traditionell verheirateten Frauen vorbehalten ist. „Mein Mann ist im Norden, wo er in der Wüste nach Gold sucht.“ Wie Tausende andere Sudanesen, die ihre Gemüsegärten für die Minen verlassen haben, in der Hoffnung, dort zwischen den Steinen eine Goldader zu finden.
Fatia erinnert sich noch genau, wann die Milizionäre in ihr Haus eindrangen – „am 6. Juni 2023, um zwei Uhr nachmittags“. Damals tobte der Krieg im Sudan seit zwei Monaten.
Auf der einen Seite die Armee unter General Abdel Fattah al-Burhan; auf der anderen die paramilitärischen Kräfte der RSF unter dem Kommando von Mohamed Hamdan Dagalo, genannt Hemedti – „kleiner Mohammed“ –, dem ehemaligen Anführer der Dschandschawid, jener arabischen Milizen, denen in der Nachbarprovinz Darfur ethnische Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen werden.
Die beiden Männer hatten sich einst zusammengetan, um den demokratischen Aufstand zu kontrollieren, der 2019 den Diktator Omar al-Baschir gestürzt hatte. Doch gerieten sie aneinander, als es darum ging, zu entscheiden, wer der neue Herrscher über das an Gold und natürlichen Ressourcen reichen Landes werden sollte.
Die Paramilitärs, unterstützt von den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie vom libyschen Haftar-Regime, wurden zunächst in Khartum eingesetzt, rückten dann jedoch von Darfur in die Bundesstaaten West- und Nord-Kordofan vor. Sie zwangen Hunderttausende Menschen zur Flucht aus Dörfern und Städten wie Wad Banda, En Nahud, Kadugli und Dilling in Richtung El Obeid, auch bekannt als „Braut der Wüste“: ein strategisch wichtiger Knotenpunkt von Handelsrouten und weiterhin unter Kontrolle der sudanesischen Armee.
„Ich lebe schon seit drei Jahren hier. In Birka wurden 18 Mitglieder meiner Familie ermordet. Es war ein vollkommen sinnloses Massaker. Ich mache auch unsere Regierungstruppen für unser Elend verantwortlich. Sie waren nicht in der Lage, uns zu beschützen“, berichtet Fatia.
Frauen und Kinder im Lager Al-Mina Al-MuwahadHandys sind im Lager Al-Mina Al-Muwahad die einzige Lichtquelle für 35.000 Geflüchtete, und das Telefon, das Fatias Gesicht beleuchtet hat, ist ausgegangen. Das leise Raunen, das ihren Worten folgt, zeigt aber, dass die meisten hier mit ihrer Einschätzung einverstanden sind.
„Genau, es war die Aufgabe der Truppen von Präsident Al-Burhan, uns zu verteidigen“, sagt Hafsa Mohammed Isen Ali. Sie hat zehn Kinder und wenig Zuversicht. „Wie alt ich bin? Ich glaube 40, vielleicht 45, wartet mal…“
Schnell schlüpft sie in ihr staubiges Zelt und kehrt mit einem Blatt Papier in einer Plastikhülle zurück. „Ich bin 40“, erklärt sie und zeigt auf die Zahlen auf der vom Innenministerium der Republik Sudan ausgestellten Urkunde. Doch keiner weiß, ob diese Angaben wirklich stimmen.
Kameltreiber in der Nähe von El ObeidGeburtsdatum und -ort sind ohnehin überflüssige Informationen mitten in der Steppe des Südens. Hier warten die Menschen eigentlich nur auf den Juni und die Regenzeit, wenn Akazien, Sesam und Affenbrotbäume wachsen. Das Wichtigste ist, eine Unterkunft zu haben, etwas zu essen und eine Toilette, von denen es viel zu wenige gibt.
„Die Milizen haben meine Schwester, meinen Bruder und meinen Onkel entführt“, erzählt Hafsa, die Frau mit dem unbestimmten Alter. Sie ist kaum zu sehen, während sie erzählt. Die Handys sind inzwischen alle abgeschaltet, weil man keine Malariamücken anlocken will. „Meine Schwester war in der Schule, wo sie als Lehrerin unterrichtete. Wir mussten viel Geld bezahlen, um die Verwandten freizubekommen.“
Die Stimmung ist düster, grimmige Gesichter verschwimmen in den Schatten. Eine Frau fasst die Lage so zusammen: „Die Männer werden getötet, die Frauen verschleppt und die Kinder rekrutiert.“ Dann verschwinden die Menschen in der Nacht.
Hinter Kosti beginnt das Kriegsgebiet
El Obeid ist nur über eine einzige Straße zu erreichen, die immer geradeaus verläuft, parallel zu einer alten Eisenbahnlinie. Von Khartum aus sind es etwas mehr als 600 Kilometer, doch gleich hinter Kosti beginnt das Kriegsgebiet.
Der Wind peitscht über die Straße, am Rand sind Dörfer mit Häusern aus Lehm und Stroh zu sehen, Autos ohne Nummernschilder, Lastwagen mit Munition. Auf den Dächern der Busse klammern sich 30 bis 40 Personen fest, Kinder reiten auf Eseln, Krankenwagen bahnen sich ihren Weg.
Je näher man El Obeid kommt, desto nervöser werden die Soldaten. Sie bewachen das Lager und verfügen über chinesische Drohnen, die laut Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, die Ursache für 80 Prozent der Verletzungen und Todesfälle bei Minderjährigen in diesem Krieg sind, sowie über kanadische Gewehre und Munition aus Bulgarien.
Auf der Straße zwischen Kosti und El ObeidDerzeit kontrollieren die RSF die Region Darfur, West-Kordofan sowie Teile von Süd- und Nord-Kordofan. Rund um die beiden Städte Kadugli und Dilling finden die heftigsten Kämpfe statt. In den vergangenen Wochen haben sowohl die sudanesische Armee als auch die RSF ihre besten Einheiten auf diesem Abschnitt der zersplitterten Front im Sudan konzentriert.
Im Lehrkrankenhaus im Zentrum von El Obeid liegt ein elfjähriges Mädchen namens Bakhita Mohammad Zen. Vor fünf Tagen ist sie beim Spielen im Hof auf einen Blindgänger getreten, bei der Explosion verlor sie drei Finger ihrer rechten Hand und die Hälfte ihres rechten Fußes. Schweigend beobachtet sie die Menschen in ihrer Nähe. „Sie lebt, das ist genug“, sagt ihre Mutter Fatima und streichelt sie.
Im Lager Al-Mina Al-Muwahad leben knapp eine Million Menschen. Das Rote Kreuz, Unicef und einige weitere Nichtregierungsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen sind vor Ort. Doch das, was sie tun können, reicht nicht aus.
Die Vereinten Nationen gehen im gesamten Sudan von rund neun Millionen Binnenflüchtlingen aus sowie von weiteren 4,5 Millionen Menschen, die in die Nachbarländer geflohen sind. Viele Menschen zieht es in den Norden: 500 Dollar zahlen sie für die Durchquerung der Sahara, 1000 Dollar für einen Platz in einem Schlauchboot, das sie über das Mittelmeer nach Europa bringen soll.
Maryam Mohamed Omar mit ihrer Tochter Aisha„Sie geben uns nichts zu essen, noch nicht einmal Salz“, sagt Maryam Mohamed Omar. Kurz vor Sonnenuntergang sitzt sie auf einem schmutzigen Feldbett, das auf vier Eimern steht, unter dem Dach eines ehemaligen Busdepots, in dem jetzt Familien untergebracht werden, die noch auf die Zuteilung eines Zeltes warten.
Nur wenige Männer sind zu sehen, meistens nur Frauen und Kinder. „Ich habe drei, das ist Aisha“, sagt die Mutter. Das zweijährige Mädchen ist sichtlich unterernährt. Es liegt apathisch und regungslos auf dem Feldbett, das Gesicht von Fliegen umschwirrt. „Ich gebe ihr morgens einen Keks und einen weiteren am Abend. Mehr habe ich nicht.“
Dieser Artikel erschien zuerst in der italienischen Zeitung „La Repubblica“, mit der WELT im Rahmen der LENA-Kooperation („Leading European Newspaper Alliance“) zusammenarbeitet. Aus dem Italienischen übersetzt von Bettina Schneider.
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