Ihr gemeinsames Selfie hatte für Aufsehen gesorgt. Als Ricarda Lang (Grüne), Rasha Nasr (SPD) und Heidi Reichinnek (Linke) im vergangenen Sommer zusammen ein Foto gemacht haben, fragte der „Spiegel“ umgehend: „Loten hier SPD, Grüne und Linke eine gemeinsame Zukunft aus?“ Im Podcast „Heidi trifft …“ traten die drei Politikerinnen nun einigermaßen geschlossen auf. „30 Minuten Rot-Rot-Grün – quick and dirty“, wie Gastgeberin Reichinnek einleitend erklärte.
Das Foto sei an jenem Tag entstanden, als die Wahl der Rechtswissenschaftlerin Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin angestanden hätte. „Erst einmal waren wir alle wahnsinnig frustriert, weil das ein ziemlicher Scheißtag war – auch fürs Parlament“, erinnerte sich Lang. Dann sei bei ihnen der Wunsch aufgekommen, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass abseits von Friedrich Merz und Alice Weidel eine andere Politik möglich sei. „In den Reaktionen darauf haben viele Leute sehr nach diesem Hoffnungssignal gelechzt.“
Das rot-rot-grüne Lager müsse zusammenhalten, bestätigte Nasr. „Die freuen sich doch ein zweites Loch in den Popo, wenn wir uns gegenseitig bekämpfen.“ Vom Umgang mit Brosius-Gersdorf zeigte auch sie sich frustriert. „Ich bin ja nochmal angepisster rausgekommen aus diesem ganzen Ding. Die Koalition hat nicht so geliefert an dem Tag, wie sie es vorhatte. Und es hat mich so wütend gemacht“, schilderte die Bundestagsabgeordnete. „Deswegen war das für mich eine kleine Insel der Glückseligkeit, mit den Ladys dazusitzen.“
„Mega häufig“ werde sie als junge Frau gefragt, wie sie mit „diesem ganzen Hass, dieser Hetze“ umgehe, berichtete Reichinnek. Lang konnte von ähnlichen Unterhaltungen berichten. Es nerve sie aber, da es das Problem individualisiere. Stattdessen müssten die Staatsanwaltschaften bei Mord- und Vergewaltigungsdrohungen aktiv und die Tech-Konzerne in die Verantwortung genommen werden, forderte die frühere Bundesvorsitzende der Grünen.
Rasha Nasr, die seit 2021 für die SPD im Bundestag sitzt, stimmte darin ein, dass besagte Unternehmen stärker kontrolliert werden müssten. „Das Internet ist kein rechtsfreier Raum“, klagte sie. „Was man sich da teilweise anhören muss, diese Gewaltfantasien, diese Mordfantasien, teilweise gegen meine Tochter.“ Statt es zum Problem des Einzelnen zu erklären, müsse über das strukturelle Problem dahinter gesprochen werden.
Die Strafzahlung in Höhe von 120 Millionen Euro, die im Dezember durch die EU-Kommission gegen Musks Onlinedienst X verhängt worden war, sei „lächerlich“ gewesen, urteilte Reichinnek. „Da hat er trotzdem übelst Drama draus gemacht“, ergänzte sie, so „wie sich nur ein trotziger alter weißer Mann aufführen“ könne. Sie sei eine Anhängerin der gemeinnützigen Organisation HateAid, die bislang den Job der Politik übernehme.
„Wenn ich endlich nicht mehr Fraktionsvorsitzende bin, dann mache ich Ricarda Lang auf Crack und werde die Leute von vorn bis hinten fertig machen“, kündigte die Linken-Politikerin an. „Das ist die seriöse Version von mir.“
Im Hinblick auf den laut Umfragen erwarteten AfD-Erfolg bei der kommenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wehrte sich Nasr gegen die Vorstellung, die Partei inhaltlich stellen zu können. „Wie willst du jemanden inhaltlich stellen, der keine ernst zu nehmenden Inhalte hat?“, fragte sie. In Ostdeutschland fehle es etwa an Räumen für junge Menschen wie Sportvereinen und Jugendklubs. „Und wenn junge Menschen nicht mehr zusammenkommen können, dann werden sie eben von den Rattenfängern eingesammelt.“
Lang warnte hinsichtlich der Partei davor, die Bevölkerung belehren zu wollen. Es reiche nicht aus, zu sagen: „Wir sind ein bisschen weniger scheiße als die AfD.“ Selbst ihre Mutter habe ihr nahegelegt, sich vorzugshalber auf die eigenen Themen zu konzentrieren. „Ich will von euch nicht den lieben langen Tag hören, wen ich nicht zu wählen habe“, zitierte die Grünen-Politikerin das familiäre Gespräch. „Ich will hören, wie ihr mein Leben besser macht.“
Um gegenzusteuern, brauche es einen „armutsfesten Mindestlohn“, schlug indes Reichinnek vor. Zudem sei die AfD insbesondere in Ostdeutschland über das Thema körperliche Selbstbestimmung angreifbar. Jene Frauen, die noch die DDR miterlebt hätten, seien es gewohnt, dass Abtreibungen legal und kostenfrei seien. Mitte der 1990er-Jahre hätten diese Rechte eingebüßt. Die AfD wolle die Regelung noch weiter verschärfen.
Sie werde immer wieder gefragt, ob sie mit der Union koalieren würde, schilderte die Linken-Politikerin. „Niemand von uns hat da Bock drauf.“ Vielmehr sei es notwendig, dass sich die Union die Gretchenfrage stelle, wie sie es mit der Demokratie halte. „Ich muss nicht mit einer Union zusammenarbeiten, wenn sie AfD-Politik macht“, insistierte Reichinnek. „Irgendwann ist keine Basis mehr da.“
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