„Der König ist nackt“ – ist der Satz, der J.D. Vance wohl kaum über die Lippen gehen wird. Dabei hätte der US-Vizepräsident gerade erst die Gelegenheit gehabt, der Welt zu zeigen, wer Viktor Orbán ist und wo er sein Land in den vergangenen sechzehn Jahren hingeführt hat: Ungarn ist in Europa aufgrund der Kreml-Nähe seiner Regierung isoliert, es ist heruntergewirtschaftet, eine Kleptokratie in der EU.
Vance ficht das nicht an, er hat Orbán noch am 7. April in Budapest Wahlkampfhilfe gegeben und zusammen mit dem ungarischen Premierminister gegen die EU ausgeteilt. Orbán hingegen wurde von ihm hochgelobt.
Vance ist ein typischer Vertreter des Maga-Lagers, das sich seit Jahren schon ein Bild von Ungarn zusammenfabuliert, das nicht dem der Realität des zehn Millionen Einwohner zählenden Landes in Mitteleuropa entspricht. Neukatholische Intellektuelle in den USA und auch in Europa beschwören ein christliches oder wahlweise weißes Ungarn, in dem die Straßen sicher und sauber sind, das ethnisch homogen und ein Paradies für kinderreiche Familien sei. All das ist grober Unfug – „der König ist nackt“.
Die Wähler in Ungarn kennen ihre Realität besser, als die Orban-Sympathisanten zwischen Berlin und dem Mittleren Westen der USA. Sie sehen bröckelnde Fassaden, die vielen Obdachlosen, auf die man schon trifft, wenn man das Budapester Stadtzentrum verlässt, sie wissen um die demografisch heikle Lage ihres Landes.
Dass unter dem migrationskritischen Orbán eine Rekordzahl an Arbeitsvisa für Menschen außerhalb Europas ausgestellt wurde und asiatische Essenauslieferer auch in Ungarn zum Stadtbild gehören, ist eine Fußnote. Zynisch hat Orbán schon 2015 durch seine rücksichtslose Migrationspolitik, die von seiner Regierung hingenommenen Zustände am Bahnhof Keleti, die europäische Flüchtlingskrise mitverursacht.
Orbán stellte sich gegen die EU – und gegen die Stimmung im eigenen Land
Seine Kritik an einer gescheiterten deutschen Migrationspolitik mag gerechtfertigt sein. Orbán aber ist nicht einfach derjenige, der vor allen anderen vor den Problemen von Masseneinwanderung gewarnt hat, er hat durch Angstkampagnen von ihr profitiert, von Beginn an. Seine Politik ist seit Jahren antieuropäisch, sie ist nicht „illiberal“, wie er sagen würde, sondern antiliberal und damit antidemokratisch. Mit seiner Unterstützung für Russland, das einen verbrecherischen Krieg gegen die Ukraine und einen hybriden Krieg gegen Europa führt, hat Orbán sich abermals gegen Europa gestellt – und gegen die Stimmung in seinem eigenen Land.
Zwar hat er über vier Jahre eine antiukrainische Stimmung in Ungarn geschaffen, aber er hat unterschätzt, dass viele Menschen sein Heranwanzen an Moskau keineswegs goutieren. Orbán ist sein Gespür für die Themen der Leute abhanden gekommen. Er ist zu weit gegangen mit seinen jüngsten Frontalangriffen auf die EU und die Ukraine.
Die wirtschaftliche Lage kam hinzu. Das Gesundheits- und Sozialsystem in Ungarn sind in einem katastrophalen Zustand. Dass Orbán in den vergangenen Monaten umso inniger gegen Westeuropa ausgeteilt hat, muss auf die Menschen wie Hohn gewirkt haben. Das „System Orbán“, seine „elektorale Autokratie“ haben sie abgewählt. Die Oppositionspartei Tisza könnte gar auf zwei Drittel der Sitze im Parlament kommen. Es ist ein Erdrutschsieg.
Er betrifft die Ungarn selbst, aber eben auch die EU, die in sicherheits- und verteidigungspolitischen Fragen handlungsfähig werden muss und in der Ungarn sich in den vergangenen Jahren zu oft als Agent Moskaus geriert hat. Den antiliberalen Kräften weltweit aber kommt ein Vorbild abhanden – eines, das eigentlich nie eines hätte sein dürfen, weil Orbán nie erfolgreich war. Polen und Tschechien, Länder, die wie Ungarn 2004 der EU beigetreten sind, sind Budapest längst enteilt, wirtschaftlich allemal.
Kleptokratie, eine angebliche antiliberale Revolution und eine Nähe zu Russland zahlen sich nun mal nicht aus.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet Orbán, dem Moskau den Sieg gewünscht und der Unterstützung von Donald Trump und J.D. Vance erhalten hat, seinen Maga-Freunden jetzt zeigt, wie ein geordneter Machtwechsel gehen kann. Zumindest hat der Amtsinhaber noch in der Wahlnacht seinem Widersacher Péter Magyar gratuliert und die eigene Niederlage anerkannt. Orbán, so hieß es lange, sei ein Vorbild für Trump oder wenigstens den intellektuellen Unterbau von Maga gewesen. Ob er es bleiben wird?
Philipp Fritz berichtet im Auftrag von WELT seit 2018 als freier Korrespondent in Warschau über Ost- und Mitteleuropa.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke