Der Europäische Forschungsrat (European Research Council, ERC) ist ein Grund, auf Europa stolz zu sein. Unter der Ägide der Europäischen Kommission vergibt der ERC jedes Jahr Stipendien für wissenschaftliche Projekte an Forscher aus aller Welt. Einzige Bedingung ist, dass die Forschung in einem Land der Europäischen Union oder einem assoziierten Land – wie etwa Norwegen, der Schweiz oder Israel – stattfindet.
Das Budget des ERC für den Zeitraum 2021 bis 2027 beträgt mehr als 16 Milliarden Euro, also mehr als zwei Milliarden pro Jahr. Diese werden aufgeteilt auf „Starting Grants“ für junge und „Consolidator Grants“ für bereits etablierte Forscher sowie „Advance Grants“ für anerkannte Autoritäten; hinzu kommen einige zusätzliche Programme.
Es ist gut angelegtes Geld. Ehemalige Stipendiaten des ERC haben nach eigenen Angaben der Organisation 15 Nobelpreise und viele andere Preise gewonnen, darunter sieben Mal die „Fields Medal“, die nach dem Nobelpreis wichtigste Auszeichnung in der Mathematik. Außerdem haben sie 2200 Patente angemeldet und 400 Start-ups gegründet. Stand jetzt beschäftigen ERC-Stipendiaten an die 75.000 Doktoranden, Postdoktoranden und andere Mitarbeiter in ihren Teams.
Eine Vorstellung von der Attraktivität des Programms geben die Zahlen für 2026. Allein um ein „Starting Grant“ bewerben sich 4807 Projekte, ein Zuwachs um 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 67 Prozent der Anträge kommen aus den Natur- und Ingenieurwissenschaften, 33 Prozent aus den Sozial- und Geisteswissenschaften. Nur etwa jeder zehnte Antrag wird bewilligt.
Bei den für junge Wissenschaftler besonders wichtigen „Starting Grants“ schneidet das kleine Israel seit Jahren überdurchschnittlich gut ab: Seit 2019 belegt Israel mit einer Bewilligungsquote von durchschnittlich 26 Prozent vor den Niederlanden und Frankreich den ersten Platz. Doch jetzt ist etwas im Gange, das einem als Europäer die Schamröte ins Gesicht treiben sollte.
Am 28. Januar schrieb der in Wien lehrende Philosoph Hanoch Ben-Yami einen Brief an die Präsidentin des ERC, die deutsche Biologin Maria Leptin. Ihm war aufgefallen, dass die israelische Bewilligungsquote 2025 plötzlich abfiel, auf nur noch 9,3 Prozent. Wie, fragte Ben-Yami, sei dieser Einbruch zu erklären?
Hanoch Ben-YamiDazu muss man etwas über den Auswahlprozess wissen. Jedes Jahr kommen Ende Januar Hunderte Wissenschaftler auf Einladung des 18-köpfigen Wissenschaftlichen Rats des ERC nach Brüssel und werden in Panels aufgeteilt, die in einem ersten Durchgang die eingereichten Projekte begutachten. In einem zweiten Durchgang werden im Juni die verbliebenen Projekte noch einmal gesiebt. Jedes Projekt wird von einem Dreierteam begutachtet, wobei sorgsam darauf geachtet wird, eventuelle Vorurteile auszuschalten. So sind die Gutachter dazu gehalten, bei den Projekten und Themen auf „Gender Equality“ zu achten, die angemessene Vertretung von Frauen in den Forschungsteams, und bei entsprechenden Forschungsfeldern – man denke etwa an Medizin oder Soziologie – Projekte zu fördern, die für Frauen relevant sind.
Wenn es aber um politische Vorurteile geht, sind die Richtlinien schwammig. Antisemitismus etwa wird nirgends erwähnt. So konnte es etwa kommen, dass der irische Geograf und Soziologe Rob Kitchin dieses Jahr den Vorsitz in einem Panel führt, obwohl er im November 2025 Co-Autor eines pseudowissenschaftlichen Papiers war, in dem es heißt: „Sowohl beim Krieg in der Ukraine als auch beim Genozid in Gaza sehen wir schon, wie autoritäre Staaten Überwachungssysteme in bewaffneten, semiautomatischen Drohnen anwenden, um in der Verfolgung ihrer autoritären Agenden Menschen gezielt zu töten.“
Die Bezeichnung des demokratischen jüdischen Staates als „autoritär“, die Gleichsetzung eines mit der Europäischen Union assoziierten Staates mit dem systemischen Gegner Russland, die Behauptung, Israel verfolge mit der gezielten Liquidierung von Terroristen ähnliche Ziele wie Russland mit seinem Terror gegen ukrainische Zivilisten: Selbstverständlich sind solche Äußerungen, so dumm sie sind, erlaubt. Sie müssten aber den Autor ebenso selbstverständlich als Gutachter disqualifizieren, als habe er sich abfällig über Frauen, Schwule, Schwarze oder Muslime geäußert. Aber nichts da.
Verbreitete Anti-Israel-Stimmung an Europas Hochschulen
Von WELT mit diesen Äußerungen konfrontiert, betonte Kommissionssprecher Maciej Berestecki ohne Beleg, das einzige Kriterium für den Erhalt eines Stipendiums sei „wissenschaftliche Exzellenz“, was ja – siehe „Gender Equality“ – nachweislich nicht stimmt; und dass die „unabhängigen Gutachter“ die israelischen Beiträge 2025 als „nicht so stark wie in den vorangegangenen Jahren“ eingeschätzt hätten.
Ben-Yami ist nicht überzeugt. Er war selbst als Gutachter tätig und begegnete nach eigenen Angaben seit dem Überfall der Hamas auf den jüdischen Staat unter vielen Kollegen einer antiisraelischen Stimmung. Auf seinen Brief habe zwar ERC-Präsidentin Leptin angekündigt, beim ersten Gesamttreffen der Gutachter das Problem anzusprechen. Sie habe dann jedoch einen Stellvertreter geschickt, der Anwesenden zufolge allgemein vor politischen Vorurteilen gewarnt, das Problem des israelbezogenen Antisemitismus jedoch nicht erwähnt habe.
Was empört, aber nicht überrascht: Mehr als 40 europäische Universitäten haben Boykottbeschlüsse gegen israelische Forschungseinrichtungen beschlossen, mit denen sie früher zusammengearbeitet haben. Nicht wenige Gutachter gehören solchen Universitäten an, wie auch eine Vizepräsidentin des ERC und vier Mitglieder seines Wissenschaftlichen Rats, der die Gutachter beruft. Das soll nicht heißen, dass diese Individuen persönlich einen akademischen Boykott Israels gutheißen. Aber sie könnten eine gewisse Verpflichtung empfinden, die Beschlüsse ihrer Einrichtungen zu respektieren.
Hinzu kommt: Die EU-Kommission selbst hat kurz nach Beendigung der letztjährigen Gutachterrunde ein fatales Zeichen gesetzt, indem sie beschlossen hat, Israel wegen des Kriegs in Gaza aus dem „Accelerator“-Förderprogramm des European Innovation Council auszuschließen, das vor allem disruptive und innovative Start-ups fördert. Eine Maßnahme, die sie nicht auf jene Mitgliedsländer angewendet hat, die etwa in Serbien, Irak, Afghanistan, Syrien oder Libyen Kriege geführt haben, bei denen Zehntausende Zivilisten umkamen.
Mit einer Bevölkerung von nur 9,5 Millionen Menschen steht Israel bei den „Accelerator“-Förderprogrammen an dritter Stelle, nach den um ein Vielfaches größeren Ländern Frankreich und Deutschland. Bislang hat Deutschland im Europäischen Rat den Kommissionsbeschluss blockiert; aber dass er überhaupt gefasst wurde, zeigt die Stärke der antiisraelischen Stimmung selbst innerhalb der Kommission. Dass EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) ebenso wie ERC-Präsidentin Leptin Deutsche sind, macht dabei besonders betroffen.
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