Ein dumpfer Knall durchbricht die Stille und verhallt dann langsam, wie ein unangekündigtes Gewitter. So klingt also eine nordkoreanische Artillerieübung. Es bleibt bei einem einzigen Schuss, den man an diesem Nachmittag auf der südkoreanischen Insel Yeonpyeong von Norden her hört. „Das passiert hier fast täglich“, sagt O Son-ja, eine kleine, ältere Frau.

Aber sie hat es auch anders erlebt: Im November 2010 wurde ihr Haus durch einen nordkoreanischen Artillerieangriff dem Erdboden gleichgemacht. 170 Granaten zerstörten 30 Gebäude, Bäume und Sträucher gingen in Flammen auf. Vier Menschen kamen ums Leben, zwei Soldaten und zwei Zivilisten.

Die heute 72-Jährige war zum Zeitpunkt des Bombenangriffs auf See, um Austern zu fischen. Von ihrem Boot aus sah sie die Granaten fliegen und dachte nur an ihre beiden Söhne und Töchter, wie sie erzählt. Ihr Haus stand in Flammen, ihre Kinder konnte sie nicht erreichen. „Aber Gott sei Dank hatte der Lehrer der Schule meine Kinder in einen Luftschutzbunker gebracht.“

Noch immer sind auf Yeonpyeong Spuren des nordkoreanischen Angriffs von 2010 zu sehen

Die Inselbewohner wurden in Hotels und Pensionen in zwei Vororten von Seoul untergebracht – in der Nähe des Hafens, von dem aus die Fähre nach Yeonpyeong abfährt. Erst Monate später, als die Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten weit fortgeschritten waren, konnten sie nach Hause zurückkehren.

Yeonpyeong liegt nur zehn Kilometer vom nordkoreanischen Festland entfernt, die Seegrenze liegt sogar noch näher. Aufgrund ihrer strategischen Bedeutung ist die südkoreanische Insel militärisch stark gesichert.

Der Korea-Krieg endete 1953 mit einem Waffenstillstand, aber ein Friedensvertrag wurde nie geschlossen. Juristisch gesehen befinden sich die beiden Landesteile noch immer im Krieg. Zwar gibt es in Südkorea ein Ministerium für Wiedervereinigung, aber es muss sich mit einem aggressiven Erzfeind auseinandersetzen, der droht, seinen südlichen Nachbarn „in ein Meer aus Feuer zu verwandeln“.

Am Dienstag bekräftigte Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un in einer Grundsatzrede, das Land werde seinen Status „als Atommacht weiterhin konsequent und unumkehrbar festigen und zugleich unseren Kampf gegen feindliche Kräfte aggressiv verstärken“.

Pjöngjang verfügt über schätzungsweise fünfzig Atombomben, seine Interkontinentalraketen können sogar das europäische und amerikanische Festland erreichen. Den südlichen Nachbarn stufte Kim in seiner Rede als „den feindlichsten Staat“ ein und drohte, er werde „gnadenlos, ohne die geringste Rücksicht oder Zögern“ auf jede Handlung reagieren, die sein Land verletzte.

Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un ist beim Kongress der regierenden Arbeiterpartei wie erwartet erneut in seinem Amt als Generalsekretär bestätigt worden.

Wie Südkorea mit dieser Bedrohung lebt, zeigt eine Reise an die 250 Kilometer lange Grenze. Die Länder sind durch die Demilitarisierte Zone (DMZ) getrennt, einen vier Kilometer breiten Streifen Niemandsland über die gesamte Breite der Halbinsel. Anders als die Bezeichnung „demilitarisiert“ vermuten lässt, ist die Grenze eine der am stärksten militarisierten der Welt.

Aber anders als auf dem Festland sind die für diese Reportage besuchten Inseln nur durch einen schmalen Fluss oder ein kurzes Stück Meer vom nordkoreanischen Festland getrennt, das an klaren Tagen mit bloßem Auge zu erkennen ist. Auf Yeonpyeong stehen deshalb an zahlreichen Stellen an der Nordküste Ferngläser bereit.

Die Insel macht auf den ersten Blick einen beschaulichen Eindruck. Fischer sind damit beschäftigt, Fisch und Meeresfrüchte einzuholen. Seezungen werden ausgenommen und in Stücke geschnitten. Ältere Menschen sitzen in ihren Vorgärten oder auf ihren Veranden in der Sonne.

Fischer in Yeonpyeong

Song Jong-ok (63) kann sich aber noch gut an den nordkoreanischen Angriff von 2010 erinnern. An diesem Tag arbeitete sie im Hafen als Fahrkartenkontrolleurin für die Fähren. „Ich hörte laute Knalle von der Insel und sah Feuer und schwarzen Rauch, mein Computer fiel aus“, erzählt sie. „Fast alle wurden evakuiert, aber ich musste bleiben, zuerst, um bei der Organisation aller Fähren zu helfen, und dann, um die Rettungskräfte und Reporter hierher zu begleiten.“

Auch ihr Haus wurde getroffen, woraufhin sie mit den Journalisten und Rettungskräften in dem von ihr geführten Hostel unterkam. „Es war so viel los, dass ich gar keine Zeit hatte, Angst oder Schock zu empfinden“, sagt Song. „Das ganze Dorf war schwarz vor Rauch.“

Laut Song gibt es ein Leben auf Yeonpyeong vor und nach dem Beschuss. „Früher wussten viele Südkoreaner nicht einmal, wo diese Insel liegt, und wir sammelten in aller Ruhe Austern und Herzmuscheln. Plötzlich waren wir auf der ganzen Welt bekannt.“

Die südkoreanische Regierung leistete Hilfe, um sicherzustellen, dass weiterhin auch Zivilisten auf der Insel wohnen. „Jetzt gibt es Menschen, die dank der Subventionen, die sie für das Leben hier erhalten, nicht mehr arbeiten müssen“, sagt Song. Ältere Menschen ziehen nach Yeonpyeong, um ihre Rente mit den Subventionen aufzubessern.

O Son-ja hat vom Staat ein neues Haus und Geld für die Einrichtung bekommen. Sie lebe immer noch in Angst, erzählt sie. „Wenn unsere Streitkräfte Artillerieübungen durchführen und die Fenster in den Rahmen zittern, habe ich genauso viel Angst wie 2010. Damit muss ich leben lernen.“

Kim Jin-hwa, die 1949 aus Nordkorea geflohen ist, sitzt im Fischrestaurant ihrer Tochter. „Man kann einfach nicht wissen, was die Nordkoreaner denken, das macht mich nervös“, erzählt die 88-Jährige. „Natürlich spürt man diese Angst nicht ständig, aber im Hintergrund ist sie immer präsent, das geht vielen Menschen hier so. Ich vertraue einfach auf unsere Armee, mehr kann ich nicht tun.“

Kim Jin-hwa (88) floh 1949 aus Nordkorea

Auf Yeonpyeong befürchten einige Einwohner einen erneuten Angriff Nordkoreas. „2010 haben Nord- und Südkorea nicht miteinander gesprochen, jetzt auch nicht, also könnte es gut sein“, sagt der Fischer Park Tae-won (58), der fast sein ganzes Leben auf der Insel verbracht hat. „Und durch die hochentwickelten Waffen wird der Schaden viel größer sein.“

Der Dorfvorsteher Park In-hwan (67) sieht seine Insel als Vorposten, was ihn mit Stolz erfüllt. „Wenn wir gehen, ist die koreanische Halbinsel nicht mehr sicher, und ein möglicher Konflikt wird sich nicht nur auf Korea beschränken. In gewisser Weise bewachen wir hier also den Weltfrieden!“

Dorfvorsteher Park In-hwan

Über die Autobahn südlich des Han-Flusses gelangt man von Gimpo nach Ganghwa (65.000 Einwohner), das seit 2014 durch eine Autobahnbrücke mit der Insel Gyodong-do verbunden ist. Der Han-Fluss ist hier nur etwas mehr als zwei Kilometer breit und das nordkoreanische Ufer ist deutlich zu sehen.

Hier wagen Nordkoreaner die Flucht

Kein Wunder, dass nordkoreanische Flüchtlinge an dieser Stelle manchmal den Sprung in ein Leben in Freiheit wagen. Bis zum vergangenen Sommer waren hier die Propagandalautsprecher zu hören, die Nord- und Südkorea mit hoher Lautstärke gegeneinander antreten ließen.

Keum Suk Gendry-Kim (53) wuchs in Seoul auf und arbeitete lange Zeit in Frankreich, lebt aber seit sechs Jahren auf Ganghwa. „Ich habe mich für diesen Ort entschieden, weil ich die Natur hier so schön finde, wie sie sich verändert. Außerdem habe ich einen ziemlich sensiblen Hund, der hier viel mehr Ruhe und Platz hat“, erzählt sie in ihrem Büro.

Grafikerin Keum Suk Gendry-Kim

Gendry-Kim hat mehrere Graphic Novels auf Koreanisch und Französisch veröffentlicht, beispielsweise über die Ausbeutung koreanischer Frauen und minderjähriger Mädchen als Sexsklavinnen für die japanische Armee während des Zweiten Weltkriegs. Auch Nordkorea ist ihr schon früher begegnet, als sie herausfand, dass ihre Mutter während des Korea-Krieges von ihrer Schwester getrennt wurde und sie nach dem Waffenstillstand auf unterschiedlichen Seiten der Grenze landeten.

Sie selbst wohnt zu weit südlich, um die Lautsprecher zu hören, aber das gilt nicht für Artillerieübungen einer nahe gelegenen Marinebasis. „Ich spüre dann, wie der Boden und die Fenster vibrieren, und auch der Hund ist verstört.“

Als sie sich die Schutzbunker auf Ganghwa ansah, war sie erschrocken über das, was sie dort vorfand: zu klein und mit zu wenig Vorräten. Sie ist sich über die Gefahr bewusst: „Sollte ein Krieg ausbrechen, wird Nordkorea sofort diese beiden Brücken sprengen und wir wären vom Rest Südkoreas abgeschnitten.“

Schilder weisen auf die nächste Bunkeranlage hin

Ihr neuestes Buch heißt „Mein Freund Kim Jong-un“, im Herbst vergangenen Jahres erschien es in deutscher Übersetzung. Darin versucht sie zu verstehen, was im Kopf des nordkoreanischen Diktators vorgeht. „Das ist zum Teil von Ganghwa inspiriert“, erzählt Gendry-Kim.

„Als ich hierherkam, hatte die Annäherung zwischen Nord- und Südkorea gerade begonnen, dann kamen die Spannungen. Jetzt, da die Generation, die den Korea-Krieg erlebt hat, ausstirbt, möchte ich jungen Menschen etwas beibringen.“

Nicht nur die Nähe zu Nordkorea macht ihr Angst. „Überall auf der Welt sind die Beziehungen angespannt, drohen Konflikte und ist der Frieden in Gefahr“, sagt sie. „Korea ist nur ein kleines Land. Wir sind eingeklemmt zwischen drei Supermächten, die über unser Schicksal entscheiden. In dieser Hinsicht hat sich seit dem Kalten Krieg wenig geändert.“

Auf Gyodong, eine Insel weiter, tut Kim Yeong-ae (68) die Bedrohung als „nicht existent“ ab. Sie ist von einer Mission getrieben: die Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea so schnell wie möglich zu verbessern. Die Wände ihres Büros sind mit Lageplänen der Grenzregion, Kunstwerken über die zukünftige Wiedervereinigung und Jesus-Bildern bedeckt.

Kim Yeong-ae sieht keine Bedrohung

„Als ich aufwuchs, war unser Land auch eine Diktatur“, sagt sie. „Jetzt ist die Wirtschaft enorm entwickelt, die Menschenrechte sind gut und es gibt weniger Kontrolle. So etwas könnte auch in Nordkorea passieren.“ Wie es zu einer solchen Reform kommen könnte, weiß sie nicht so genau, sagt aber: „Wir haben dieselbe Sprache, Geschichte und Herkunft, wir müssen Vertrauen haben.“ Gyodong beherbergt eine große Gemeinschaft nordkoreanischer Flüchtlinge.

Einige Jahre vor ihrer Geburt flohen Kims Eltern in den Süden. „Das war nicht wegen der Kommunisten, sondern wegen der Kriegsgewalt. Es schmerzt mich besonders, dass ich jetzt nicht das Dorf besuchen kann, aus dem meine Familie stammt.“ Ein Schwarm Gänse kann sie sehr bewegen. „Wenn sie über uns hinwegfliegen, denke ich immer: Macht ihr auch einen Zwischenstopp in meinem alten Dorf?“

Wenn es um das nordkoreanische Regime geht, ist Kim fast apologetisch. „Es war nicht Kim Il-sung, der sich ausgedacht hat, dass Nord- und Südkorea entlang des 38. Breitengrades geteilt werden, sondern die Amerikaner“, sagt sie über den Staatsgründer und Diktator von 1948 bis 1994. Der Großvater des heutigen Machthabers Kim Jong-un löste 1950 mit seinem Befehl zum Angriff auf den Süden den Korea-Krieg aus.

„Nordkorea ist viel weniger entwickelt als Südkorea und wird immer versuchen, einen Krieg zu vermeiden. Die Raketenstarts sind nur strategisch gedacht. Südkorea traut sich immer wieder, Öl ins Feuer zu gießen, weil es weiß, dass Nordkorea doch nicht zurückschlagen wird.“

An einem Samstag geht Kim Yeong-ae zum belebten Daeryong-Markt, dem einzigen auf der kleinen Insel. Der Geruch von Gewürzen, Waffeln, Reiskuchen und getrocknetem Tintenfisch liegt in der Luft. Die Einrichtung ist dem Yeonbaek-Markt im Dorf Yonan nachempfunden, aus dem die geflohenen Nordkoreaner stammen.

Nach nordkoreanischem Vorbild: Stand auf dem Daeryong-Markt

Ein unter Touristen bekanntes Restaurant ist „Daepung“, das auf Gukbap (wörtlich „Reissuppe“) und kalte Nudeln nach nordkoreanischem Rezept – speziell aus der Region Hwanghae nördlich des Flusses – spezialisiert ist. Der Besitzer Jang Sang-gwon (68) hat wenig Angst vor den Nordkoreanern, wie er sagt.

„Meine Kinder, die in der Hauptstadt leben, haben mir schon angeboten, dass ich zu ihnen kommen kann, aber warum sollte ich? Was sollten die Nordkoreaner schon mit Gyodong wollen?“, sagt er. „Ich habe hier schon alles erlebt, auch die Lautsprecher.“ Den Wohnort seiner Kinder hält er für gefährlicher: „Seoul ist ein Ziel.“

Bedrohlich findet Jang die ideologische Gehirnwäsche im Norden. „Wir können unsere Denkweise an das anpassen, was wir wissen, aber sie können das nicht und müssen dem System folgen. Deshalb könnte es irgendwann schiefgehen.“

Wer mit dem Fernglas auf die nordkoreanische Seite schaut, sieht ein normales Dorf mit altmodischen, niedrigen Häusern. An der Küste gehen Menschen an einer Weide mit Schafen entlang. Der Zugang zum Fluss ist mit Stacheldraht und Zäunen versperrt. Details fallen erst auf den zweiten Blick auf: Im Dorf steht ein Obelisk, der an das „ewige Leben“ Kim Il-sungs erinnert. Es sind Schilder mit politischen Slogans zu sehen, eines ist nach Süden ausgerichtet: „Hurra für den Sozialismus!“

Die Bewohner der drei Inseln leben an der Frontlinie, empfinden dies aber meist nicht so. Trotz des Angriffs von 2010 können sie sich nicht vorstellen, erneut zum Ziel zu werden, einen Beschuss Seouls halten sie für wahrscheinlicher. Die Hauptstadt liegt nur sechzig Kilometer von der Grenze zu Nordkorea entfernt. Die Hälfte aller Südkoreaner lebt in der Metropolregion, etwa 25 Millionen Menschen. Selbst ein kleiner Angriff auf dieses dicht besiedelte Gebiet könnte zu einer humanitären Katastrophe führen.

In Seoul sind alle sehr entspannt

Dennoch erntet man in Seoul meist ein Achselzucken, wenn man den aggressiven Nachbarn im Norden anspricht. In dieser Großstadt kann man leben, als ob Nordkorea, das die viertgrößte Armee der Welt hat und kürzlich den erfolgreichen Test eines neuen atomwaffenfähigen Mehrfachraketenwerfers meldete, überhaupt nicht existiert.

Dass vor allem junge Menschen die Bedrohung unterschätzen, überrascht Lee Sang-sin nicht. Als Forscher am Korean Institute for National Unification beschäftigt er sich mit Fragen zu Nordkorea und einer Wiedervereinigung Koreas.

In den vergangenen Jahren konzentrierte er sich auf große Umfragen zu diesen Themen. „Junge Menschen stehen der Idee der Wiedervereinigung oft negativ gegenüber, weil sie glauben, dass die Kriminalitätsrate steigen und die Wirtschaft darunter leiden wird, während sie nichts Positives bringt“, erklärt er in einem kleinen Café in Seoul in der Nähe der Universität.

Ältere Südkoreaner sehnen sich oft noch nach einer Wiedervereinigung, weil Korea mehr als tausend Jahre lang ein Land war, die Teilung durch externe Mächte beschlossen wurde und sie die Koreaner als ein Volk betrachten. Junge Menschen haben dieses romantische Bild längst aufgegeben und betrachten Nordkorea als ein anderes Land mit einer anderen Bevölkerung.

Sie sehen in einer Wiedervereinigung keine Lösung für ein bestehendes Problem. „In unseren letzten Umfragen gaben sie überwiegend an, dass sie diese Bedrohung nicht spüren und eine Wiedervereinigung daher auch nicht notwendig sei“, sagt Lee Sang. Nordkorea bellt in ihren Augen viel, beißt aber nicht.

Mitarbeit: Hae Ju Kang. Diese Veröffentlichung wurde mit Unterstützung des Fonds Bijzondere Journalistieke Projecten (Fonds für besondere journalistische Projekte) realisiert.

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