Mehr als vier Jahre ist es her, dass Russland die Ukraine überfiel. Wladimir Putin nahm an, dass er das Land innerhalb weniger Wochen besetzen könne. Doch die Ukraine hält durch. Und mit ihr Präsident Wolodymyr Selenskyj. Im Interview erklärt er, warum sein Land auch für uns kämpft und was Frieden bedeutet.
WELT AM SONNTAG: Herr Präsident, der Krieg in der Ukraine dauert seit fast 1500 Tagen an. Doch nun richtet sich der Blick der Welt auf den Iran. Haben Sie den Eindruck, dass sich der Fokus verschiebt?
Wolodymyr Selenskyj: Es ist sehr wichtig, dass Sie gekommen sind. Journalisten aus anderen Ländern sollen sagen, was sie in der Ukraine sehen. Wir haben keine Botschaft, nichts Spezielles. Es geht darum, zu zeigen, was hier geschieht, damit die Menschen und die Welt nicht vergessen, was russische Aggression bedeutet. Natürlich brauchen wir den Fokus auf die Ukraine. Doch, selbstverständlich: Wenn es im Nahen Osten einen neuen Krieg gibt, dann sehen wir eine gewisse Verschiebung der Aufmerksamkeit weg von der Ukraine.
WAMS: Sie haben angeboten, Ihre Expertise bei der Drohnenabwehr mit den Verbündeten der USA in Nahost zu teilen. Kann das ein Weg sein, um sich als Partner zu positionieren?
Selenskyj: Ich hoffe es. Darüber spreche ich bereits seit anderthalb Jahren, zuletzt auf der Münchner Sicherheitskonferenz und beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Ich habe die Idee gemeinsamer europäischer Verteidigungskräfte eingebracht – nicht offensiv, nicht mit einer Einbindung ausländischer Soldaten in den Krieg. Es geht um Verteidigung, darum, den Himmel über Europa zu schützen. Wir verfügen über das entsprechende Wissen, die Technologien und die Erfahrung. Genau das haben wir auch den USA im Rahmen eines Drohnenabkommens angeboten, hatten bisher aber keine Möglichkeit, ein Dokument zu unterzeichnen. Ich hoffe, dass unsere amerikanischen Freunde angesichts der Lage in Nahost auf uns zukommen. Länder aus der Region haben auf Präsidentenebene bereits um unsere Expertise gebeten. Drei unserer Teams sind auf dem Weg dorthin.
WAMS: Sie brauchen auch finanzielle Unterstützung. Im Moment warten Sie auf einen 90-Milliarden-Kredit der EU, der bislang nicht freigegeben wurde – wegen eines Konflikts innerhalb Europas, aber auch zwischen Ihnen und dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Was passiert, wenn das Geld nicht ausgezahlt wird?
Selenskyj: Wir brauchen Geld für unsere Rüstungsproduktion. Das ist wichtig – für uns und für Europa. Es ist im Übrigen kein Konflikt zwischen Ungarn und der Ukraine, sondern zwischen Europa und Ungarn, genauer gesagt zwischen Europa und dem ungarischen Ministerpräsidenten. Orbán hat wiederholt Sanktionspakete blockiert, den Waffentransport durch Ungarn verhindert, uns keine militärische Unterstützung geleistet. Ungarn hat offen gesagt, man wolle die Ukraine nicht unterstützen, da man enge strategische Partner in Russland habe. Moskau hat diesen Krieg ohne nachvollziehbaren Grund begonnen. Es hat Verbündete: Nordkorea, das Regime in Belarus und China, das bei der Umgehung von Sanktionen hilft.
WAMS: Ist der ungarische Ministerpräsident auch ein Verbündeter?
Selenskyj: Ja, natürlich. Er steht an der Seite des russischen Präsidenten. Er greift uns nicht militärisch an, schickt keine Soldaten – das ist der Unterschied. Aber er blockiert Geld, Waffen und unseren Weg in die EU, unseren Lebensstil. Er verbreitet russische Narrative.
WAMS: Er verfügt über ein Vetorecht in Brüssel. Sie brauchen einen Plan B.
Selenskyj: Wir brauchen teilweise einen Plan B. Aber nicht nur wir, sondern Europa insgesamt. Wenn unsere europäischen Partner verstehen, dass wir nicht nur ukrainische Werte verteidigen, sondern die Freiheit ganz Europas, ist das eine gemeinsame Herausforderung.
WAMS: Es werden große diplomatische Anstrengungen nötig sein, um Ungarn zu überzeugen. Haben Sie zuletzt die richtigen Worte gegenüber Orbán gefunden?
Selenskyj: Das ist schwer zu sagen, denn wir sprechen derzeit nicht miteinander. Ich habe ihn eingeladen, genauso wie den slowakischen Ministerpräsidenten. Mit ihm habe ich telefoniert, wir wollten einen Termin festlegen – dann brach der Kontakt ab. Nach meinem Verständnis – so hat es mir die EU-Kommission mitgeteilt – geht es Ungarn um russisches Öl. Sollte die Ukraine den Transit einstellen, droht Ungarn mit Blockade von Finanzmitteln. Das ist Erpressung.
WAMS: Der Streit dreht sich um die Druschba-Pipeline.
Selenskyj: Nein. Orbán will das Thema in den Vordergrund spielen. Es geht darum, dass in der Vergangenheit Entscheidungen getroffen wurden, weshalb jetzt russisches Öl gekauft werden muss, während wir gleichzeitig gegen die russische Aggression kämpfen. Das sind doppelte Standards. Russland hat die Pipeline zerstört, und wir sollen sie jetzt reparieren? Das ist indes nur meine persönliche Meinung, rechtlich kann ich nicht dagegen sein. Unser Team hat erklärt, dass wir etwa anderthalb Monate benötigen, um eine Leitung zu reparieren. Die vollständige Reparatur des zerstörten Reservoirs würde mindestens sechs Monate dauern. Als die Pipeline erstmals angegriffen wurde, haben wir im Übrigen nicht gehört, dass Ungarn oder die Slowakei Moskau öffentlich aufgefordert hätten, das zu unterlassen. Es geht nicht um die Pipeline. Ungarn hat wiederholt Sanktionen blockiert, Waffentransporte verhindert, spricht in Moskau von Freunden und Partnern. Darum geht es.
WAMS: Der Winter in der Ukraine war hart. Und doch scheint die Bevölkerung nicht aufgeben zu wollen.
Selenskyj: Die Menschen sind müde. Aber sie haben ihre Würde nicht verloren. Sie wollen Frieden. Aber sie sind nicht bereit, russische Ultimaten zu akzeptieren. Trotz der schwierigen Umstände ist die Moral hoch.
WAMS: Was können Sie militärisch noch erreichen? Wir sehen nur noch graduelle Veränderungen.
Selenskyj: Wir wollen diesen Krieg auf diplomatischem Weg beenden. Deshalb müssen wir die Front halten. Es geht nicht um große Offensiven. Wir haben Ende vergangenen und Anfang dieses Jahres etwa 430 Quadratkilometer zurückgewonnen. Doch im Kern geht es darum, die Front bestmöglich zu sichern, während wir uns auf diplomatische Lösungen vorbereiten.
WAMS: Präsident Trump sagte, Sie wollten keinen Deal. Stimmt das? Sind Sie bereit, Kompromisse einzugehen?
Selenskyj: Die Ukraine hat bereits viele Kompromisse gemacht. Russland begann diesen Krieg, tötete viele Menschen. Fragen der Verantwortung werden außerhalb der Ukraine kaum noch gestellt. Wir haben einen amerikanischen Waffenstillstandsvorschlag unterstützt, der bereits vor einem Jahr in Saudi-Arabien auf den Tisch kam. Als Präsident Trump zu Beginn seiner Amtszeit sagte, man müsse den Konflikt einfrieren und dann verhandeln – andernfalls gäbe es keine Hilfe –, war das ein enormer Kompromiss, zu dem unser Volk bereit war und weiterhin ist. Doch Russland reicht das nicht. Es will uns schrittweise besetzen. Das ist kein Kompromiss.
WAMS: Glauben Sie, dass die aktuellen Verhandlungen zu etwas führen?
Selenskyj: Wir verteidigen unser Land, stärken unsere Armee, stabilisieren die Wirtschaft. Wir sind bereit zu verhandeln. Wir vertrauen Putin nicht. Aber ich vertraue darauf, dass die Amerikaner diesen Krieg beenden wollen. Dafür braucht es mehr Druck auf Russland – nicht auf mich.
WAMS: Um Frieden zu erreichen, müssen Sie vielleicht darüber nachdenken, Teile der Ostukraine aufzugeben. Was ist für Sie persönlich undenkbar?
Selenskyj: Ich bin Präsident. Ich habe die Verfassung zu verteidigen, die Unabhängigkeit meines Landes und meiner Bevölkerung. Meine Entscheidungen orientieren sich ausschließlich daran.
Wolodymyr Selenskyj im Interview mit Gordon RepinskiWAMS: Glauben Sie an ein baldiges Ende des Krieges – dieses oder nächstes Jahr?
Selenskyj: Wir tun alles dafür. Aber viel mehr hängt von Russland ab. Es zeigt bislang keinen echten Willen dazu. Wir sollen für Putins Fehler bezahlen. Das ist nicht fair. Ein Ende auf Basis russischer Bedingungen wäre gefährlich – möglicherweise ein historischer Fehler. Ein Rückzug unserer Truppen würde Russland starke Befestigungen und Verteidigungslinien verschaffen und seine Moral stärken. Wenn wir unsere Soldaten von unserem Territorium zurückziehen, würden sie ihre Heimat verlieren, Freunde, Angehörige, Erinnerungen. Die Moral würde sofort sinken.
WAMS: Selbst wenn sie dafür Frieden bekommen?
Selenskyj: Wir wissen nicht, was wir bekommen. Es sind nur Worte. Wer kann Putin vertrauen?
WAMS: Was wäre mit starken Sicherheitsgarantien? Der Nato?
Selenskyj: Die Nato ist eine Garantie. Aber nicht die einzige. Nicht jedes Nato-Land ist stark, aber keines ist im Krieg. Das ist eine Tatsache. Wenn die USA starke Garantien geben, wäre das wichtig. Aber was ist nach einem neuen Präsidenten? Deshalb brauchen wir verbindliche Garantien, parlamentarisch abgesichert. Wir wollen niemanden in einen Krieg hineinziehen. Die Ukraine verteidigt sich selbst. Aber wir brauchen Klarheit.
WAMS: Ich frage jetzt den Menschen Wolodymr Selenskyj: Hassen Sie Putin?
Selenskyj: Ja, ich denke, wir hassen einander.
WAMS: Wie kann es Frieden geben zwischen zwei Menschen, die sich hassen?
Selenskyj: Hass ist ein Gefühl. Frieden nicht, es ist ein Dokument. Er schafft die Grundlage dafür, dass Menschen leben können und dass der Krieg aufhört.
Bei diesem Interview handelt es sich um eine übersetzte, gekürzte und aus Gründen der Lesbarkeit redaktionell überarbeitete Fassung eines Gesprächs, das für den Berlin Playbook Podcast von „Politico“ und WELT TV geführt wurde.
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