Plötzlich, gegen 21 Uhr am Sonntagabend, tauchte er in Stuttgart auf der Wahlparty der Grünen auf: Boris Palmer, seit rund 20 Jahren Oberbürgermeister von Tübingen, Ex-Parteimitglied.

Lange galt der 53-Jährige in Baden-Württemberg als Top-Kandidat für die Nachfolge von Ministerpräsident Winfried Kretschmann, bis er sich durch kontroverse Äußerungen – vor allem zur Migrationspolitik – parteiintern für weitere Ämter disqualifizierte. Einem Ausschluss kam er 2023 zuvor, indem er das grüne Parteibuch selbst abgab.

Seitdem ist das Verhältnis des einstigen Shootingstars zu den Grünen zerrüttet. Und es deutete wenig darauf hin, dass sich das nochmal ändern würde. Bis Cem Özdemir zurück nach Baden-Württemberg kam. Der Ex-Parteichef und Ex-Bundeslandwirtschaftsminister machte als Spitzenkandidat im Landtagswahlkampf das, was Kretschmann 15 Jahre lang vorgemacht hatte: sein eigenes Ding. Auch, wenn das die Führungsspitzen in Berlin verärgert.

Özdemir wusste, dass er – wenn er eine Chance haben will – möglichst viele Wählerschichten ansprechen muss und dafür verschiedene Gesichter braucht. Deshalb spannte er die Parteilinke Ricarda Lang für den Wahlkampf in den Uni-Städten mit ein, bat aber auch um Unterstützung von Palmer. Und der machte mit. Schon der gemeinsame Wahlkampf befeuerte Spekulationen, ob Özdemir Palmer im Fall eines Wahlsiegs als Minister in sein Kabinett holen würde. Fragen danach wich der Spitzenkandidat aus.

Am Sonntagabend brachte Palmer sich dann selbst ins Spiel. „Wenn mich der Ministerpräsident des Landes anruft, habe ich die letzten 15 Jahre immer gesagt: Komm vorbei, lass uns drüber reden“, sagte er im „Berlin Playbook Podcast“ von „Politico“. „Ich bin gerne mit Rat und Tat da, wenn das gewünscht wird.“

Palmer betonte, dass er mit Özdemir befreundet sei. Und er verwies auf die Landesverfassung: „Den Minister ernennt der Ministerpräsident, nicht mal der Landtag.“ Viel offensiver kann man sich nicht fürs Kabinett bewerben.

In der grünen Partei löst das vielerorts Panik aus. Mit der Berufung ins Kabinett würde Özdemir den Oberquerulanten resozialisieren und seiner Partei eine Unruhe-Garantie ins Haus holen. Aber macht er es wirklich?

Unter gut vernetzten Grünen-Mitgliedern wagt derzeit zumindest niemand, das auszuschließen. „Man weiß nie, welcher Deal ausgemacht wurde, als die Wahlkampfauftritte vereinbart wurden. Meistens werden da im Gegenzug irgendwelche Versprechungen gemacht“, sagt ein Partei-Stratege.

Allerdings ist allen bewusst, welches Risiko Özdemir selbst auch mit einer solchen Personalie eingehen würde. „Mit Palmer würde er sich jemanden ins Kabinett holen, den niemand unter Kontrolle hat“, sagt ein einflussreicher Grüner aus Baden-Württemberg.

„Wiederholt mit rassistischen Aussagen aufgefallen“

Zudem mangelt es Özdemir nicht an Minister-Kandidaten: Die Mitglieder von Kretschmanns Kabinett wollen größtenteils weitermachen. Darüber hinaus steht die prozentual gewachsene CDU in einer starken Verhandlungsposition und dürfte mehr Ministerposten beanspruchen als bisher.

Und was eine Berufung von Özdemir im linken Parteilager auslösen würde, macht vorsorglich schon mal die Grüne Jugend deutlich. „Boris Palmer darf keine Rolle in einer grünen Landesregierung spielen“, sagte der Bundessprecher des Parteinachwuchses, Luis Bobga, „Politico“. „Er ist wiederholt mit rassistischen Aussagen aufgefallen, die mit den Grundwerten unserer Partei unvereinbar sind.“

Möglich erscheint, dass es einen Mittelweg geben wird: dass Özdemir einen Posten erfindet, mit dem er Palmer Sichtbarkeit verschafft, ohne ihn direkt ins Kabinett zu hieven. Als Anti-Bürokratie-Beauftragter zum Beispiel, der sich um den Abbau von Verwaltungsvorschriften in den Kommunalbehörden kümmert. Dieses Thema bewegt Palmer jedenfalls. „Politico“ sagte er: „Wir müssen dringend den Staat effizienter machen. Die Bürokratie ist einfach ein Horror.“

Maximilian Stascheit ist Reporter beim „Berlin Playbook“ von „Politico“.

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