Es ist kurz nach 21 Uhr, als Caren Miosga ihre Talkrunde in der ARD eröffnet und von einem „Wahlabend-Krimi“ spricht. Und die Zahlen geben ihr recht: Die Grünen gewinnen die Landtagswahl in Baden-Württemberg mit 30,2 Prozent, die CDU folgt mit 29,7 Prozent – ein Abstand von nur einem halben Prozentpunkt. Beide Parteien stellen künftig 56 Abgeordnete im Landesparlament, gemeinsam verfügen sie über eine Zweidrittelmehrheit.

„Es ist eine fulminante Aufholjagd und es freut mich wirklich sehr, es ist ein fantastisches Ergebnis für Cem Özdemir“, jubelt Grünen-Vorsitzende Franziska Brantner in der Talkshow. Und dessen Triumph will sie gleich als Signal für ganz Deutschland und die nächsten Landtagswahlen verstanden wissen: „Wir wollen Mut, wir wollen Zuversicht, wir wollen, dass man eine starke Wirtschaft, Innovation, Klimaschutz zusammenbringt.“

++ Alles zur Landtagswahl in Baden-Württemberg im Liveticker ++

Doch so leicht lässt Miosga Brantner dann nicht davonkommen. Schließlich führte Özdemir einen Wahlkampf in klarer Abgrenzung zur Bundespartei – zu erkennen etwa in der Debatte um das Verbrenner-Aus oder im Umgang mit Boris Palmer. Selbst auf seinen Wahlplakaten musste man das Parteilogo quasi mit der Lupe suchen. „Wir sind so ein bisschen auch das gallische Dorf bei den Grünen in Baden-Württemberg“, hatte Özdemir selbst gesagt. „Hier steht nicht die Bundespartei zur Wahl, hier stehen die Grünen Baden-Württembergs zur Wahl.“

An diesen Beispielen könne man sehen, dass sich Özdemir „maximal von der Bundespartei“ distanziere, auch inhaltlich, so Miosga. Brantner versucht zwar, die Linie zu glätten. Baden-Württemberg sei kein Gegenmodell, sondern „ein Beispiel von sehr erfolgreichem grünen Regieren“. Und sie verweist auf das Erfolgsrezept des bisherigen Ministerpräsidenten: „Man darf Winfried Kretschmann nicht kopieren, aber man muss ihn kapieren.“

Doch Miosga lässt nicht locker: „Warum fällt es Frau Brantner so schwer zuzugeben, dass Herr Özdemir gegen den Kurs der Mutterpartei Wahlkampf betreibt?“

Brantner weicht aus: „Der Unterschied ist, dass wir unterschiedliche Bundesländer haben, die unterschiedliche Herausforderungen haben. Was in Schleswig-Holstein funktioniert, nicht in Baden-Württemberg.“

Einen ganz anderen Ton schlägt dagegen Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) an. Er gratuliert zunächst fair, doch sein Befund bleibt bitter. Den knappen Sieg der Grünen führt er vor allem auf das umstrittene Video zurück, in dem CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel von den „rehbraunen Augen“ einer minderjährigen Schülerin sprach. „Ich glaube, das hat ihn den Sieg gekostet“, lautet Günthers Bilanz.

Das Video habe es „sehr erschwert, in der letzten Zeit vor der Wahl noch mit anderen Themen durchzudringen“. In den sozialen Netzwerken sei alles gegen Hagel verwendet worden. „Und natürlich hat das am Ende auch eine Wirkung.“ Veröffentlicht worden war das Video von einer grünen Bundestagsabgeordneten; die Union hatte deshalb von einer „Schmutzkampagne“ gesprochen. Günther verweist darauf, dass Hagel den Satz eingeräumt habe: „Er hat es sofort als Mist bezeichnet. Was soll ich heute noch dazu sagen?“

Brantner weist den Vorwurf einer „fiesen Schmutzkampagne“ zurück: „Es war keine Kampagne, wir wussten davon nichts“, sagt sie. Auf Nachfrage stellt sie klar: „Nein“, sie habe vorab keine Kenntnis von dem Video gehabt. Zugleich betont Brantner, es habe sich um „ein öffentlich zugängliches Video“ gehandelt, „war ja nichts Privates, was geleakt wurde“. Den Stimmungsumschwung zugunsten der Grünen erklärt sie auch thematisch – etwa mit Blick auf die Teilzeit-Debatte: „Wenn man dann immer nur den Leuten sagt, du bist zu faul, du schaffst nicht genug – das ist doch auch mit Mitarbeitern kein motivierender Umgang.“

Auch für Journalist Robin Alexander erklärt das Hagel-Video allein nicht das enttäuschende Abschneiden der CDU. Die Partei habe „auf zwei Ebenen spektakuläre Fehler gemacht. Einerseits taktische Fehler, aber auch strategische Fehler“. Man habe gedacht, Özdemirs Beliebtheit spiele keine Rolle. „Die CDU dachte, sie machen einen Wahlkampf, wo es gar nicht zu dieser Duellsituation kommt.“

Noch härter fällt sein Befund zur strategischen Linie der Union aus: „Die grundstrategische Annahme, das Bürgertum ist mit der Ökologie durch, scheint mir doch mit dieser Wahl ziemlich deutlich widerlegt.“ Die Zurückhaltung bei Reformdebatten habe der Partei geschadet.

Reformen müssten kommen, sagt Günther selbst: „Und ich glaube auch, dass die breite Mehrheit in der Gesellschaft das auch von uns erwartet.“ Den Erfolg der Grünen analysiert er so: „Die Grünen waren am erfolgreichsten, als sie zwei Realos an der Spitze hatten.“

Dass das dauernde Taktieren vor Wahlen nicht mehr funktioniere, sieht auch Günther ein: „Dieses Schielen auf Wahlen und zu glauben, wenn man wegen Wahlen glaubt, Entscheidungen nicht treffen zu dürfen, funktioniert heute aus meiner Sicht überhaupt nicht mehr.“ Deswegen sei er auch kein er kein Fan davon, darauf zu schauen, wie man strategisch an Wahlen herangehe.

Die Lehre, die Grünen-Politikerin Brantner aus der Wahl zieht, ist dennoch eine andere. „Den Schub aus Baden-Württemberg nehmen wir mit“, sagte sie am Montagmorgen im Deutschlandfunk. Die Grünen wollten jetzt „auch weiter noch im Bund nach vorne kommen“. Die Wahl habe gezeigt: „Es lohnt sich, für unsere grünen Positionen zu kämpfen.“ Özdemir stehe für „die Versöhnung zwischen Klimaschutz und einer starken Wirtschaft“ – genau das sei „die grüne DNA“.

Ob sich die Grünen wirklich in einer Art Aufschwung befinden, wird sich am 22. März 2026 bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz zeigen. In letzten Umfragen liegt die Partei bei nur neun Prozent.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke