Waldemar Hartmann begann seine journalistische Laufbahn 1970. Später wurde „Waldi“ Sportreporter und Moderator – und war über Jahrzehnte eines der bekanntesten Gesichter der Fußball-Berichterstattung in der ARD. Seit August 2023 ist er für das Portal „Nius“ tätig, seit Sommer 2024 als Kommentator beim Format „Nius Live“.
Der 77-Jährige empfängt WELT in seiner riesigen Wohnung in bester Lage in Leipzig. Die Decken sind bestimmt vier Meter hoch. An den Wänden hängt Kunst. Er bittet ins Wohnzimmer. Ein großer Tisch. Hinter einer überaus gut bestückten Bar guckt man durch tiefe Fenster auf die Stadt. Seine Frau serviert Kaffee und Gebäck.
WELT: Wie geht es Ihnen, Herr Hartmann?
Waldemar Hartmann: Seit zwei Wochen habe ich Husten. Ist lästig. Ansonsten bin ich körperlich und geistig auf vollster Höhe, wie ich mir jeden Tag selbst bestätige.
WELT: Sie waren kürzlich mit Ihrem Auto beim TÜV.
Hartmann: 179 Euro hat das gekostet, nur um zu bestätigen, dass alles okay ist. Ich fahre einen Jeep Grand Cherokee. Mit über 400 PS. Sorgt für Schnappatmung bei Klimaaktivisten. Eigentlich war ich überzeugter Audianer. Aber „Vorsprung durch Technik“ stimmt schon länger nicht mehr. Der A8 sieht seit 25 Jahren gleich aus. Und dann wurde in der Firma auch noch die Gender-Sprache befohlen.
WELT: Und das war so schlimm für Sie?
Hartmann: Es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Audi blieb nach dem Dieselskandal in der Entwicklung stehen. Der letzte große Manager dort war Winterkorn. Der kontrollierte die Spaltmaße noch mit dem Finger. Dem ging es ums Auto. Heute sehen viele Modelle aller Hersteller wie Reisschüsseln aus. So nannten wir japanische Autos früher.
WELT: Das Vertrauen in Institutionen, in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sinkt beständig bei uns. Wem vertrauen Sie?
Hartmann: Nur noch meiner engsten Familie. Aber das ist eigentlich schon immer so. Ich habe durch meine frühere Arbeit als DJ und Wirt von drei Kneipen die Menschen kennengelernt. Ich musste mit ihnen umgehen in allen Lagen und Stimmungen. Einmal Animateur, das andere Mal Deeskalateur. Das hat mir später als Journalist geholfen. Ich habe oft mehr aus meinem Gegenüber herausgebracht, als er sagen wollte, weil ich eben nicht mit einer scharfen ersten Frage begonnen habe. Auf meinem Sendeplan stand immer „Studiogast“. Ein Gast ist nicht zum Verhör bestellt.
Markus Lanz führt inzwischen Verhöre. Ich kenne den Markus schon lange. Bei ihm hat sich grundsätzlich was verändert. Oder Caren Miosga. Ihre Fragen richten sich nach der politischen Heimat des Gastes. Bei Robert Habeck ging ich davon aus, dass sie nach der Sendung ein Date vereinbaren. Bei Tino Chrupalla war zu befürchten, dass sie ihm noch während der Sendung die Augen auskratzt. Kann man machen. Darf dann aber nicht überrascht sein, wenn man nicht mehr ernst genommen wird.
WELT: Haben Sie Freunde, die anders denken als Sie?
Hartmann: Ja klar. Ich war mit Wolfgang Clement befreundet. Er hielt als Ministerpräsident von NRW auf unserer Hochzeit vor 25 Jahren in Starnberg eine wunderbare Rede als „Landesstiefvater“. Auch mit Peer Steinbrück und Sigmar Gabriel bin ich seit Jahren freundschaftlich verbunden. Ich war nie ein Sozi-Fresser. Der letzte gute Kanzler in Deutschland hieß meiner Ansicht nach Gerhard Schröder. Wobei Helmut Kohl als Kanzler der Wiedervereinigung natürlich historisches geleistet hat. Aber Schröder war eben der letzte. Und mit Otti Fischer, einem bekennenden Grünen, bin ich seit 45 Jahren befreundet. Das hinderte uns alle doch nicht an der gemeinsamen Aufnahme von Kaltgetränken.
WELT: Sie gelten neuerdings als „rechts“. Dabei nannte Sie der „Spiegel“ schon 1988 einen „Reporter des Bayerischen Rundfunks, der sich im Freistaat mit militant-konservativen Tiraden gegen Demonstranten am Bauzaun in Wackersdorf hervorgetan hatte“. Wie sehen Sie sich?
Hartmann: Ich würde mich als Werte-Konservativer bezeichnen. Aber wenn das mittlerweile als rechts gilt, ja, dann bin ich rechts. Die Roten und die Grünen haben im Laufe der Jahrzehnte die Koordinaten verschoben. Vor 50 Jahren war ich Mitte, jetzt bin ich rechts. Aber früher ging man damit lässiger um.
Als Gastwirt in meiner ersten Studentenkneipe waren 95 Prozent meiner Gäste rot. Ich war der „schwarze Wirt“. Am Ende, wenn ich kassiert habe, frotzelte ich: „So, jetzt hab ich euch die Kohle aus der Tasche gezogen. Mit der könnt ihr schon mal keine Plakate und Flugblätter für die nächste Demo kaufen.“ Dann lachten wir alle, und am nächsten Abend traf man sich wieder an der Theke.
WELT: Das klingt doch tolerant. Aber wenn ich sehe, wie Sie sich jetzt öffentlich äußern, bemerke ich: Sie sind härter geworden. Unversöhnlicher.
Hartmann: Das weiß ich. Aber die Anderen werfen ja auch nicht mit Wattebäuschchen. Die sozialen Medien spielen da eine Rolle. Die Hennen hören nur auf den Hahn, der am lautesten kräht. So einfach ist das.
WELT: Aber ist das nicht falsch?
Hartmann: Mag sein, aber das Rad drehen wir nicht mehr zurück.
WELT: Sind Sie Mitglied einer Partei?
Hartmann: Nein. Ich war als 20-Jähriger in der Jungen Union der CSU, aber nicht in der Partei. Vor sechs Jahren hat mich Carsten Linnemann in die Mittelstands-Union aufgenommen. Mit seinem Abschied bin ich da auch wieder ausgetreten. Aber ich habe mein Leben lang Union gewählt.
WELT: Daniel Günther (CDU), Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, mag Ihren neuen Arbeitgeber „Nius“ so gar nicht. Der nannte „Nius“ „Feinde der Demokratie“ und ordnete das Portal als „rechtspopulistisch“ ein.
Hartmann: Leute wie Günther oder Prien (Bundesfamilienministerin Karin Prien, CDU, d. Red.) sind doch das Problem. Die könnten doch ohne große Veränderung ihrer politischen Grundhaltung auch bei den Grünen Karriere machen. Die Union hat seit Angela Merkel ihren konservativen Kern aufgegeben. Und Leute wie Günther, Prien, aber auch Hendrik Wüst erreichen echte Konservative nicht mehr. Aber wenn man das heute deutlich formuliert, gilt man als „rechtspopulistisch“. Nein, nicht ich habe mich nach rechts bewegt, große Teile der Union bewegen sich seit Merkel immer mehr nach links.
WELT: Was hat dazu geführt, dass Sie jetzt so stark politisch auftreten?
Hartmann: Die letzten Jahre. Der Umgang mit der unkontrollierten Masseneinwanderung. Gewalt und rechtsfreie Räume in vielen Städten. Die Klimapaniker und der wachsende Hass auf Juden. Merz hat in der „Stadtbild“-Debatte doch recht. Egal, an welchem Hauptbahnhof Sie ankommen: Da ist der Drogenbus, daneben der Suppenbus und dazu obdachlose Fixer und Dealer.
WELT: Wobei Bahnhöfe und Häfen immer auch Treffpunkt von Verlorenen waren.
Hartmann: Sicher. Und früher war nicht alles besser. Aber es ist mehr geworden, und die Kontrolle geht mehr und mehr verloren. Und Friedrich Merz, der vollmundig sagte: „Links ist vorbei“, macht einfach so weiter wie die Ampel-Regierung. Friedrich Merz hat die Wähler vor der Wahl angelogen. Er ist der Lügenkanzler.
WELT: Im vergangenen Jahr haben Sie sich auf X angemeldet. Auch in Ihrem ersten Beitrag dort nannten Sie Merz „Lügenkanzler“. Was hat Sie bewegt, sich bei X anzumelden?
Hartmann: Ich hatte mit jemandem telefoniert. Und der fragte mich: „Hast du den Tweet von Julian Reichelt schon gelesen?“ Und dann hab ich mich angemeldet, ich wollte ja sehen, was der schreibt. Es war kurz vor Weihnachten, die Feiertage standen vor der Tür. Ich hatte Langeweile. Ich hab gesagt, ich mach das erst mal nur zum Lesen. Dann hab ich mit der Monika Gruber (Kabarettistin und Schauspielerin, d. Red.) telefoniert. Die hat mich dann in die X-Welt eingeführt.
Inzwischen habe ich 15.00 Follower und merke, was für eine Zustimmung ich bekomme. Ich bräuchte ganz sicher nicht den ein oder anderen leichten Shitstorm. Aber ich bin halt nicht reif für die Hängematte. Ich könnte mit meiner Frau ja auch auf eine Kreuzfahrt gehen, aber das kann ich mit hundert ja auch noch.
WELT: Man sieht es ja auch an Ihrer Wohnung. Sie müssen nicht mehr für Geld arbeiten.
Hartmann: Dank Rudi Völler. Ohne seine „Weißbier“-Tirade hätte ich den Paulaner-Vertrag nie bekommen. Der hat mich unabhängig gemacht, zumal da auch noch andere Werbeverträge dazukamen. Ich genieße jetzt die Rudi-Rente, nicht die Riester-Rente. Aber ich habe mit meiner Frau viel über all das gesprochen. Und ich hab zu ihr gesagt: „Weibi, wenn ich weiß, ich kann dazu beitragen, dass sich etwas ändert, dann tue ich es.“ Und bei „Nius“ habe ich eine Bühne gefunden, um etwas zu bewirken.
WELT: „Nius“ hat in der Medienlandschaft einen eher problematischen Ruf.
Hartmann: Das ist aber noch freundlich ausgedrückt.
WELT: Warum argumentieren Sie nicht für die „Zeit“ aus konservativer Perspektive? Bei „Nius“ werden Sie niemanden überzeugen. Die Leser und Zuschauer denken doch schon so wie Sie.
Hartmann: Die „Zeit“ hat mich nun mal nicht gefragt.
WELT: Macht „Nius“ nicht das, was sie der politischen Gegenseite vorwerfen? Also Aktivismus? Ist „Nius“ nicht auch nur „Correctiv“ für Leute, die Lastenräder hassen?
Hartmann: Es ist ein Meinungsportal. Da müssen wir nicht drumrum reden. Und natürlich unterschreibe ich nicht jeden Satz von Julian Reichelt und nicht jede Attacke auf die journalistischen Kollegen. Aber mir geht die Arroganz der sogenannten Hauptstadt-Journalisten schon ziemlich auf den Wecker. Überhaupt, sie kokettieren mit dem Begriff „Hauptstadt“. Das könnten die Kollegen in München, Wiesbaden oder Magdeburg ja auch für sich reklamieren. Das sind Landeshauptstädte.
Aber ganz im Ernst. Die Attacken gegen „Nius“ gründen auch darauf, dass wir mittlerweile einfach ein ernsthafter Player sind. Unser Slogan: „Die Stimmer der Mehrheit“ ist keine Fata Morgana. Immer mehr Leute sprechen mich auf der Straße, in der Bahn, in der Kneipe auf „Nius“ an. In meiner Leipziger Stammkneipe sind die meisten Stammgäste „Nius“-Abonnenten.
WELT: Im vergangenen Dezember haben Sie Ihren Austritt aus der Kirche bekannt gegeben. Anlass war eine „widerliche“ Darstellung von Christus bei der ARD-Übertragung der Christmette, wie Sie auf X schrieben. Jesus Christus wurde dort in schleimiges Reispapier gewickelt dargestellt. Mich hat das an die „Beweinung Christi“ von Peter Paul Rubens erinnert. Da ist Jesus auch sehr grau und gar nicht schön dargestellt.
Hartmann: Aber ist er vor Millionen Menschen von einer öffentlich-rechtlichen Anstalt bewusst vorgeführt worden. Das ist doch keine Kunst.
WELT: Das sagen Sie. Künstler ist man durch Selbstausrufung…
Hartmann: Die Nummer können wir hier abbrechen. Ich bin aus der Kirche ausgetreten. Punkt.
WELT: Am 27. Januar haben Sie dann auf X geschrieben, dass die Landesregierungen von Schleswig-Holstein und NRW das Filmen von „sexuell motivierenden Handlungen in der Öffentlichkeit, etwa am Strand oder in der Sauna“ verbieten wollen. Sie schrieben: „Sie sollten gleich die CSD-Umzüge (…) mit in den Gesetzentwurf aufnehmen.“ Warum?
Hartmann: Weil ich auf einem dieser Umzüge in Köln hautnah erlebt habe, wie an der Ampel zwei in Latex gekleidete Männer sich den Finger in den Hintern geschoben haben. Tun Sie doch nicht so, als würden Sie das in Berlin nicht kennen. Die haben auf dem CSD auch öffentlich Geschlechtsverkehr.
WELT: Ich lebe ja in Erlangen. Aber auf dem Münchner Oktoberfest gibt es doch auch Geschlechtsverkehr und sogar Kokain.
Hartmann: Jetzt zwingen Sie mich nicht in eine Nummer rein, die es so nicht gibt. Ich geh aufs Oktoberfest zum Biertrinken, zum Brotzeitmachen und um Spaß zu haben. Sie können das Oktoberfest doch nicht mit dem CSD vergleichen.
WELT: Ist die Hoffnung, die Sie in Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) als mögliche künftige Bundespräsidentin setzen, auch ironisch oder ernst?
Hartmann: Erstens bin ich sicher, dass es diesmal eine Frau wird. Wenn ich mir die gehandelten Karin Prien, Ilse Aigner oder gar Ursula von der Leyen anschaue – ja dann ist Julia Klöckner meine Favoritin. Vor ein paar Wochen habe ich sie mal als einzigen Mann in der CDU bezeichnet. Und meine Traumlösung Fürstin Gloria von Thurn und Taxis bleibt ja wohl ein Traum.
Frédéric Schwilden ist Autor im Politik-Ressort. Er interviewt und besucht Dorf-Bürgermeister, Gewerkschafter, Transfrauen, Techno-DJs, Erotik-Models und Politiker. Er geht auf Parteitage, Start-up-Konferenzen und Oldtimer-Treffen. Seine Romane „Toxic Man“ und „Gute Menschen“ sind im Piper-Verlag erschienen.
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