Der dänische Einfluss ist in Grönlands Hauptstadt Nuuk an allen Ecken zu erkennen: von den Zimtschnecken in den Auslagen der Cafés bis zur skandinavischen Architektur des Kulturzentrums Katuaq. Jeder zehnte Bewohner der Arktisinsel ist Däne, viele haben inzwischen gemischte Wurzeln. Umgekehrt leben rund 17.000 Grönländer in Dänemark.

Mehr als 300 Jahre gemeinsame Geschichte haben die beiden so unterschiedlichen Gesellschaften eng miteinander verwoben – meist allerdings auf Kosten des grönländischen Volkes. Die Beziehungen sind deshalb bis heute belastet, eine Mehrheit der Grönländer wünscht sich langfristig die Unabhängigkeit.

Eine Schwachstelle, die US-Präsident Donald Trump Berichten zufolge gezielt auszunutzen versucht, um die Einheimischen zu einem Anschluss an die USA zu bewegen – und so seinen selbsterklärten Anspruch auf die Insel durchzusetzen. Doch die Reaktionen aus Grönland und Dänemark in den vergangenen Wochen zeigen: Bisher erreicht er mit dieser Strategie eher das Gegenteil.

Während der langen Kolonialzeit und selbst danach, als Grönland in den dänischen Staat eingegliedert wurde, war das Verhältnis von Ausbeutung der Inuit und Unterdrückung ihrer Kultur und Sprache geprägt. Die „Dänifizierung“ der Gesellschaft ab den 1950er-Jahren löste soziale und wirtschaftliche Probleme aus, die bis heute in Grönland nachwirken. Viele Inuit fühlen sich als Bürger zweiter Klasse, immer wieder gibt es Berichte über rassistische Erfahrungen in Dänemark.

Vor wenigen Jahren wurde zudem bekannt, dass in den 1950er-Jahren zwei Dutzend grönländische Kinder für ein Erziehungsexperiment nach Dänemark verschleppt und tausende junge Frauen zur Verhütung gezwungen wurden, um die Geburtenrate zu senken. Der Skandal stärkte den ohnehin immer größeren Wunsch nach mehr Selbstbestimmung in der grönländischen Bevölkerung weiter.

Eine der lautesten Stimmen für die Unabhängigkeit: Pele Broberg, Vorsitzender der Oppositionspartei Naleraq, die mit einem stark auf die Autonomiefrage fokussierten Programm bei den Wahlen im vergangenen Jahr deutlich hinzugewann. Er empfängt im grönländischen Parlament in Nuuk, ein unscheinbares rotes Gebäude im Stadtzentrum. An der Wand des Naleraq-Büros hängt eine Karte von Dänemark – allerdings mit der Topografie Grönlands.

Broberg hat in diesen Tagen viele Termine, er will die Aufmerksamkeit der Stunde nutzen, um seine Botschaft in die Welt zu bringen. „Wir wollen uns unser Land und unsere Identität zurückholen“, sagte er WELT. „Wir wollen grönländische Staatsbürger werden.“ Seit 2009 hat die autonom regierte Insel das Recht, in einem Referendum über eine Abspaltung von Dänemark abzustimmen. Wenn es nach Broberg ginge, sollte das am liebsten morgen passieren.

Mit dieser absoluten Position ist er in Grönland derzeit ein Außenseiter; die Regierungsparteien haben sich für einen wohlüberlegten Prozess ausgesprochen. Die Unabhängigkeit von Dänemark aber wollen nahezu alle; die Vorgängerregierung hatte bereits konkrete Schritte in diese Richtung geplant. Mitten in diese Gemengelage hinein platzte Trump mit seinen Annexionsdrohungen und mischte die Karten zwischen Nuuk und Kopenhagen neu.

In den zerrütteten Beziehungen sah die US-Regierung offenbar den idealen Nährboden für ihre Annexionspläne – und setzt, parallel zu den Drohungen gegen Dänemark und Europa, auf Einflussnahme innerhalb der grönländischen Gesellschaft. Der dänische Geheimdienst warnte jüngst in einem Bericht vor amerikanischen Kampagnen in Grönland, die „bestehende oder erfundene Meinungsverschiedenheiten“ ausnutzten, um „Zwietracht zu säen“.

Schon im vergangenen Jahr hatten dänische Medien aufgedeckt, dass mindestens drei US-Bürger mit Verbindungen zur Trump-Regierung auf der Insel nach Unterstützern gesucht und versucht hätten, Dänemark in schlechtem Licht darzustellen. Teil zwei der Strategie ist offenbar eine Charmeoffensive, etwa in Form der Besuche von Vizepräsident J.D. Vance oder Trumps Sohn Donald Jr. im vergangenen Jahr. Außerdem wurden öffentlich Pläne diskutiert, den Grönländern große Summen für eine Eingliederung in die USA zu zahlen.

„Die Trump-Regierung versucht, uns von innen heraus zu spalten“, glaubt die grönländisch-dänische Autorin Nauja Lynge. „Wir haben eine schwierige Vergangenheit, aber wir arbeiten gerade daran, sie zu überwinden“, sagte sie WELT. Bei den Grönländern zeigen die Versuche allerdings bisher wenig Wirkung – auch, weil Trumps harsche Rhetorik sie abschreckt.

Immer wieder sprach der US-Präsident davon, die Insel kaufen zu wollen, nannte sie etwa in seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos ein „Stück Eis“. Für die Grönländer, die traditionell eng mit Land und Natur verbunden sind, ein rotes Tuch. „Er redet über uns, als wären wir nichts wert, nur wir ein Gegenstand, den er einfach kaufen kann“, sagte Lynge. „Das tut wirklich weh.“

Allerdings stehen auch der dänischen Regierung weiterhin viele skeptisch gegenüber. Kopenhagen subventioniert die strukturschwache Insel mit einer halben Milliarde jährlich, um einen ähnlichen Lebensstandard wie in Dänemark zu ermöglichen. Doch das Trauma der Kolonialzeit überwiegt bis heute.

Für Premierministerin Mette Frederiksen wurde der Umgang mit der Situation so zu einem heiklen Drahtseilakt: Die Souveränität eines Volkes zu verteidigen, das sich eigentlich unabhängig machen will – ohne die Grönländer zu bevormunden und dadurch womöglich direkt in die Arme der Amerikaner zu treiben. Frederiksen entschied sich für die Flucht nach vorn.

Dänemark entschuldigt sich öffentlich

Die Regierung beschloss im Eiltempo Milliardeninvestitionen in die Sicherheit der Arktis und versprach, die Situation der in Dänemark lebenden Grönländer zu verbessern. Sie entschuldigte sich öffentlich für die Aktion zur Senkung der grönländischen Geburtenrate, und auch das Wappen des Königreichs wurde angepasst, sodass grönländische Eisbären nun genauso groß darauf abgebildet sind wie die dänischen Löwen. Jede noch so symbolische Geste scheint derzeit recht, um den Grönländern Beistand zu signalisieren.

Die nehmen das neue Interesse mit gemischten Gefühlen auf. Einerseits freue sich viele über die ungewohnte Aufmerksamkeit aus Kopenhagen: „Dänemark hat uns lange Zeit von oben herab behandelt“, sagte eine 52-jährige Frau aus Nuuk, die anonym bleiben möchte. „Zuletzt hat es sich mehr auf Augenhöhe angefühlt.“ Andererseits hört man auch häufig, es sei zu wenig und komme zu spät. „300 Jahre lassen sich nicht so einfach rückgängig machen“, sagte Erneeraq, 34.

Viele kaufen der dänischen Regierung die plötzliche Fürsorge nicht ab. „Sie hätten schon vor 15 oder 20 Jahren reagieren sollen“, sagte Lisbeth Valgreen, die einen Abschluss in Grönländischen und Arktischen Studien hat und sich für die Bildung über Grönland in Dänemark einsetzt, WELT. „Sie haben so laut sie konnten danach gerufen, aber niemand hat ihnen wirklich zugehört. Erst durch Trump wurde es auf einmal zur Priorität.“

Auch auf politischer Ebene findet sich eine Reihe kritischer Stimmen. So beschwerte sich etwa die Vorsitzende des Ausschusses für Außenpolitik im grönländischen Parlament, Pipaluk Lynge, dass die Abgeordneten in Nuuk nicht ausreichend in die Informationsprozesse einbezogen würden, sprach gar von einer „kolonialistischen Vorgehensweise“. Unstimmigkeiten, die man in Kopenhagen schnellstmöglich vom Tisch zu wischen versucht – um Trump bloß keine Angriffsfläche zu bieten.

„Natürlich kochen die Emotionen in solchen Momenten hoch“, sagte Rasmus Jarlov, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses in Kopenhagen, WELT. „Aber wir haben dasselbe Ziel: zu verhindern, dass die Amerikaner Grönland übernehmen. Das teilen wir zu 100 Prozent“, betonte der Abgeordnete der Konservativen Volkspartei. „Ich denke, dass die Angriffe der Amerikaner uns sogar näher zusammenbringen. Wenn es wirklich ernst wird, wird klar, wie wichtig es ist, dass wir zusammenhalten.“

Zumindest vor den Kulissen gelingt das bisher. Statt auf Abgrenzung setzt die grönländische Regierung derzeit auf demonstrative Einigkeit mit Kopenhagen. „Wenn wir zwischen den USA und Dänemark wählen müssen, dann wählen wir Dänemark“, sagte Regierungschef Jens-Frederik Nielsen bei einer Pressekonferenz – angesichts der Vorgeschichte ein bemerkenswerter Satz.

Zudem absolvierten die beiden Regierungen einige außenpolitische Termine gemeinsam. Zuerst reisten Dänemarks Außenminister Lars Løkke Rasmussen und die grönländische Außenbeauftragte Vivian Motzfeldt gemeinsam zum Treffen mit US-Außenminister Marco Rubio und Vizepräsident Vance nach Washington. Dann tourten Frederiksen und Nielsen durch Europa, trafen unter anderem Bundeskanzler Friedrich Merz beim WELT-Wirtschaftsgipfel in Berlin.

Auch das ist ein Novum in den Beziehungen, da formal eigentlich Kopenhagen für die Außen- und Verteidigungspolitik zuständig ist. „Wir haben eine gemeinsame Geschichte, und die war nicht immer schön“, sagte Sascha Faxe, Abgeordneter der links-grünen Alternativet, WELT. „Aber im Moment stehen wir uns tatsächlich sehr nahe. Ich würde sogar sagen, näher als je zuvor.“

Einige Stimmen in Dänemark hoffen gar, dass die Annäherung dauerhaft sein könnte – und die Grönländer sich für eine Lösung entscheiden, die ihnen mehr Souveränität innerhalb des Königreichs zugesteht, statt sich vollständig unabhängig zu machen. Für den Moment aber sei das Thema in den Hintergrund gerückt, sagt Faxe. „Wo Grönland in Zukunft hin möchte, ist ein anderer Prozess, als seine Sicherheit zu gewährleisten. Das steht derzeit im Mittelpunkt.“

Der beste Trumpf, den Dänemark und Grönland dafür in der Hand hielten, sei eine geeinte Front, sagt Autorin Lynge. „Die einzige Möglichkeit, den Amerikanern Paroli zu bieten, ist, zusammenzuhalten. Das ist unsere stärkste Waffe, denn es ist eine Sprache, die die Amerikaner nicht verstehen.“ Eine Waffe, die allerdings noch auf sehr wackeligen Beinen steht.

Lara Jäkel ist Redakteurin im Ressort Außenpolitik. Für WELT berichtet sie unter anderem über Nordeuropa und die USA.

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