Der Regen am Tag danach wischt alles weg. Patronenhülsen, Zigarettenstummel und kleine Steine aus den zerschossenen Häusermauern vermengen sich auf den Straßen im syrischen Aleppo zu einem grau-braunen Matsch. „Die Stadt trägt tiefe Wunden und der Alltag fühlt sich immer noch zerbrechlich an“, sagt Marie Kallaos, eine christliche Medizinstudentin.
Sie ist eine von Zehntausenden, die vor knapp einer Woche geflohen war, als ein Konflikt zwischen der syrischen Übergangsregierung und der kurdisch geführten Miliz „Demokratische Kräfte Syriens“, kurz SDF, in Aleppo eskalierte. Die Kämpfe konzentrierten sich auf die Viertel Ashrafiyya und Sheikh Maqsoud. Dort leben vor allem Kurden mit Christen und muslimischen Arabern. Die Nachbarschaften stehen seit Jahren unter Kontrolle der SDF. Straßensperren und Checkpoints trennten die Stadtteile vom Rest Aleppos. Zwei Verwaltungen, unterschiedliche Preise in den Supermärkten und immer wieder Anschläge entlang der Grenze.
Am Wochenende nahmen Regierungskräfte die Nachbarschaften dann gewaltsam ein. „Die Rückkehr ist emotional sehr aufwühlend, ich bin erschöpft und gleichzeitig erleichtert“, sagt sie. Erleichterung fühlen auch viele Kurden aus den umkämpften Vierteln. Einer von ihnen ist Azad Osman. Seit zehn Jahren hat er sein Haus in Ashrafiyya nicht mehr betreten können. Er stellt sich offen gegen den bewaffneten Kampf der SDF und gilt für sie deswegen als Verräter. Osman kritisiert auch die Regierung in Damaskus. „Sie war nicht in der Lage, sich in Verhandlungen mit der SDF zu einigen, sondern belagerte die beiden Viertel in Aleppo über Monate und gewann den Konflikt schließlich durch aggressiven Beschuss.“
Im Kampf um Aleppo kamen mindestens zwei Dutzend Zivilisten ums Leben. Der Kampf um die Stadt ist zwar beendet, er war aber nur ein Teil eines größeren Ringens, von dem die Zukunft des gesamten Landes abhängt. Kurdisch geführte Milizen kontrollieren noch etwa ein Drittel des Landes: von der irakischen Grenze bis einige Kilometer jenseits des Flusses Euphrat.
Dort zeichnet sich bereits die nächste Front ab. Sie liegt etwa 60 Kilometer östlich, nahe des Euphrat. Das syrische Militärkommando erklärte das von der SDF kontrollierte Gebiete bei den Städten Deir Hafer und Maskana zu einer militärischen Zone. Dort leben mindestens 100.000 Menschen. Mehrere sollen in den vergangenen Tagen geflohen sein, während aus Damaskus und anderen Gegenden Syriens Panzer, Artillerie und Sicherheitstrupps geschickt wurden.
Seit Anfang der Woche kommt es dort zu Gefechten. Auch türkische Drohnen wurden gesichtet. In anderen SDF-Städten entlang des Euphrats, wie Raqqa oder Tabga, ordnete die kurdisch geführte Miliz eine stundenweise Ausgangssperre für Zivilisten an. Regierungsanhänger werfen ihr vor, dass sie Anwohner als menschliche Schutzschilde einsetzen wolle.
So sei das auch in Aleppo gewesen, sagt der Sicherheitsanalyst Ömer Özkizilcik von der Denkfabrik Atlantic Council. „Es gab eine öffentliche Stellungnahme der SDF, in der sie Zivilisten aufforderten, nicht zu evakuieren.“ In Aleppo habe es jedoch schon ab dem zweiten Kampftag Desertionen gegeben. SDF-Kämpfer sollen sich ergeben haben oder zu Regierungstruppen übergelaufen sein. Das liegt laut Özkizilcik daran, dass etwa die Hälfte der SDF-Truppen aus zwangsrekrutierten Zivilisten bestehe. „Sie sind für ein echtes Gefecht gar nicht ausgebildet.“ Unter ihnen seien auch Minderjährige.
Auf Fotos und Videos in mit der SDF-sympathisierenden Medien sind tatsächlich sehr junge Menschen zu sehen, wie sie in Kampfausrüstung in Aleppo posieren. Internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen dokumentieren seit Jahren, dass Kinder von der SDF verschleppt und rekrutiert werden. Die politische Führung der Miliz behauptet dagegen, dass nur Freiwillige im Erwachsenenalter im Kampf eingesetzt würden.
Die Niederlage in Aleppo ist nicht das Ende der Kämpfe. Die nordsyrische Stadt ist nur ein Teil eines Ringens, von dem die Zukunft des gesamten Landes abhängt. Kurdisch geführte Milizen kontrollieren noch etwa ein Drittel des Landes: von der irakischen Grenze bis einige Kilometer jenseits des Flusses Euphrats.
Die kurdische Selbstverwaltung nennt das Gebiet „Rojava“. Es soll ein Projekt für Demokratie, Freiheit, Gleichheit und Klimaschutz sein. Aufgebaut wurde die autonome Zone vor Jahren mit Unterstützung des Assad-Regimes, Russlands und iranischer Truppen. Für Werte wie Demokratie ist keiner dieser Akteure bekannt.
In „Rojava“ leben aber nicht vor allem Kurden. Viele sind in den vergangenen Jahren sogar aus Rojava geflohen. Die meisten Einwohner dort sind Araber. Entsprechend stellen sie die große Mehrheit der Kämpfer in den militärischen Einheiten wie der SDF. Viele von ihnen haben sich nicht aus ideologischen Gründen bewaffnet. Sie sind verarmte Bauern und werden fürs Kämpfen bezahlt.
Die Region ist reich an Ressourcen. Es gibt große Ölfelder, Wasservorkommen, Staudämme und fruchtbaren Boden für Getreide. Deswegen will die Übergangsregierung in Damaskus die Gegend selbst kontrollieren. Unter Vermittlung der USA unterzeichneten sie und die SDF-Führung im vergangenen März ein wichtiges Abkommen, das den schrittweise Anschluss des Nordostens an den Rest des Landes vorsah. Komplett umgesetzt wurde die Vereinbarung aber nie. Als zum Jahreswechsel eine Frist zum Abzug der kurdisch geführten Sicherheitskräfte auslief, intensivierten sich Gefechte in Aleppo, den westlichsten Bastionen der SDF.
Kurz vor deren Niederlage, rief sie ihre Anhänger zu „selbst aufopfernden Aktionen“, also zu Selbstmordattentaten auf. Eine Drohne traf am Sonntag die Stadtverwaltung von Aleppo, in der die syrische Sozialministerin Hind Kabawat – die einzige Frau und Christin im Kabinett – gerade eine Pressekonferenz gab. Getötet wurde niemand, der Angriff hatte vor allem Symbolkraft.
Die Drohne soll laut mehreren Beobachtern iranischer Herkunft sein, so wie viele der in Aleppo eingesetzten Waffen. Zwar hat das Mullah-Regime mit dem Sturz von Assad vor gut einem Jahr eine herbe Niederlage in Syrien erfahren. Die Verbindung zu den kurdisch geführten Truppen habe aber gehalten, sagt der kurdische Aktivist Osman. „Auch nach dem Regimesturz kamen Iraner und Anhänger des alten Regimes unter dem Schutz der SDF nach Aleppo.“
Manche Orte werden fast komplett vom Iran finanziert
Erst nach Gefechten und einer Vereinbarung im vergangenen April sollen die iranischen Kämpfer die Stadt verlassen und sich Richtung Osten zurückgezogen haben. Bis heute gibt es dort vereinzelte Ortschaften, die fast komplett aus dem Iran finanziert werden. Syrien ist für iranische Milizen vor allem aus logistischen Gründen wichtig. Doch das Mullah-Regime steht mittlerweile im eigenen Land durch die Proteste stark unter Druck. Damit sinkt auch der Spielraum für Unterstützung kurdischer Alliierter in Syrien.
Deren Anhänger hatten am Wochenende gegen einen ganz anderen Akteur protestiert: Mehrere Dutzend Menschen randalierten am Sonntag vor der Militärbasis der USA im nordostsyrischen Hasaka. Die Vereinigten Staaten sind seit 2015 mit der SDF im Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat verbunden und bieten ihr damit einen internationalen Legitimationsgrund.
Die Kooperation erstrecke sich aber nicht auf Aleppo, sondern nur auf die Gebiete östlich des Euphrats, sagt Robert Ford, der letzte US-Botschafter in Syrien. Doch auch in dieser Gegend würden sich die Beziehung zur SDF in Zukunft verändern. Sollte die syrische Armee bald gegen die kurdisch geführten Einheiten im Osten vorgehen, rechnet Ford weder mit militärischer noch diplomatischer Schützenhilfe der USA. „Ideal für uns wäre, wenn einige Einheiten der SDF vor Ort mit amerikanischen und syrischen Regierungseinheiten zusammenarbeiten.“
Bleiben ethnische Minderheiten künftig unter sich?
Die kurdische Selbstverwaltung wäre damit de facto am Ende. Der Bevölkerung stehe dann ein schwieriger Versöhnungsprozess bevor, sagt der Jesuitenpater Gerald Baumgartner. Er arbeitet in Aleppo unter anderem in interreligiösen Projekten mit Kurden und Arabern, Muslimen und Christen. Auch wenn die Stadt jetzt offiziell vereint ist, macht er sich um den Zusammenhalt in der Gesellschaft Sorgen. „Im schlimmsten Fall werden ethnische Minderheiten wie die Kurden mehr unter sich bleiben wollen und das kann wiederum Vorurteile und Misstrauen schüren.“
Wenn sich ethnische oder religiösen Trennlinien in einer Gesellschaft verschärfen, nützt das meistens politischen Extremisten. Die Regierung in Syrien besteht derzeit aus Menschen, von denen manche eine radikal-islamistische Vergangenheit haben. Das schürt bei vielen Menschen Zukunftsängste: Kurden, Christen und mittlerweile selbst bei einigen Sunniten.
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