Claus Ruhe Madsen, 53, ist seit Juni 2022 Minister für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus in Schleswig-Holstein. Der Deutsch-Däne trat im Mai 2023 der CDU bei. Von 2019 bis 2022 war der in Kopenhagen geborene Unternehmer Oberbürgermeister von Rostock.

WELT: Herr Madsen, als inzwischen fast schon neutraler, aber kundiger Beobachter Ihres ersten Heimatlandes: Wie dringend braucht Dänemark eigentlich Grönland?

Claus Ruhe Madsen: Die Frage ist falsch gestellt. Grönland gehört den Grönländern. Das ist der wichtigste Ansatz. Die Dänen nutzen Grönland nicht aus. Aber Grönland gehört zur dänischen Identität.

WELT: Und ist Teil des dänischen Königreichs.

Madsen: Ja, und gleichzeitig wird seit Jahrzehnten sehr konsequent auf mehr Selbstständigkeit und Unabhängigkeit hingearbeitet – mit Unterstützung Dänemarks. Deshalb sollte man eher fragen: Wie sehr brauchen wir verlässliche Bündnisse? Ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, dass Amerika unser großer Bruder ist. Ich erkläre das oft mit einem Bild vom Schulhof: Wir waren die fünfte Klasse, Russland die siebte – und wenn es Ärger gab, haben wir die neunte Klasse gerufen. Die kam dann auch. Heute habe ich das Gefühl: Die neunte Klasse kommt nicht mehr.

WELT: Wie eng ist das Verhältnis zwischen Dänemark und Grönland in der Praxis?

Madsen: Sehr eng. Das wird schon in der Schule vermittelt. Das Königshaus ist regelmäßig dort, es gibt intensiven Austausch im Bildungs- und Gesundheitswesen. Grönland ist kein ferner Ort, sondern ein selbstverständlicher Teil unseres gemeinsamen Raums. In Dänemark begegnen Sie Grönländern im Alltag. Wenn in der Schule ein Kind aus Grönland sitzt, ist das nichts Exotisches. Dazu kommt ein – allerdings erst in den vergangenen Jahrzehnten gewachsener – großer gegenseitiger Respekt vor der Kultur des jeweils anderen.

WELT: Wie reagieren die Dänen auf den von Donald Trump erhobenen Anspruch der USA auf Grönland?

Madsen: Das ist extrem verstörend. Dänemark hat sich immer als verlässlicher Bündnispartner verstanden – auch dann, wenn es wehgetan hat. Militärisch, politisch, wirtschaftlich. Und dann fällt einem der wichtigste Partner auf diese Art und Weise in den Rücken!

WELT: Die USA argumentieren mit Sicherheitsinteressen.

Madsen: Dieses Argument trägt nicht. Die militärische Präsenz der USA in Grönland ist seit dem Zweiten Weltkrieg vereinbart und jederzeit ausbaufähig. Niemand in Dänemark oder Grönland stellt das grundsätzlich infrage. Deshalb klingt das Ganze eher nach: Ich will das jetzt. Und das stößt den Dänen ganz bitter auf.

WELT: Donald Trump ist wie Sie Unternehmer gewesen, bevor er Politiker wurde. Können Sie seine Haltung nachvollziehen?

Madsen: Ich könnte sie nachvollziehen, wenn Dänemark oder Grönland amerikanische Investitionen blockieren oder militärische Präsenz verbieten würden. Aber das ist nicht der Fall. Trump setzt hier allein auf seinen „America First“-Ansatz – um jeden Preis. Aber man kann nicht einfach aus Eigeninteressen nationale Grenzen verrücken. Das geht nicht. Nicht in diesem Jahrhundert! Als Präsident der stärksten Militärmacht der Welt trägt man auch Verantwortung für die Stabilität dieser Welt. Ein guter Unternehmer denkt Dinge zu Ende. Ein guter Politiker auch.

WELT: Und zu welchem Ergebnis käme man dann?

Madsen: Wenn die USA das wirklich durchsetzen würden, gäbe es nur zwei Szenarien: Entweder das Ende der Nato – oder alle schauen weg und tun so, als hätten sie nichts gesehen. Beides wäre fatal.

WELT: Glauben Sie, Trump würde im Zweifel militärische Mittel einsetzen?

Madsen: Das muss er ja gar nicht. Faktisch sind die USA militärisch längst vor Ort. In Grönland leben 60.000 Menschen. Grönland hat kaum Infrastruktur. Es gibt riesige Distanzen. Man bewegt sich mit Hundeschlitten, Hubschraubern oder Flugzeugen. Wenn die Amerikaner dann eine „Übung“ ansetzen oder eine „Spezial-Operation“ … wer sollte sich dem entgegenstellen? Die lokale Polizei? Die entscheidende Frage wäre also: Wie reagiert der Rest der Nato?

WELT: Mette Frederiksen, die dänische Ministerpräsidentin, sagt dazu, dass ein solcher Militäreinsatz das Ende der Nato bedeuten würde. Glauben Sie, dass Europa bereit ist, diesen Preis zu bezahlen?

Madsen: Jedenfalls würden weder Deutschland noch Frankreich noch Norwegen noch irgendein anderes europäisches Land in solch einem Fall Streitkräfte nach Grönland schicken. Und damit wäre die Nato in ihrem Kern erledigt.

WELT: Wie verhindert man eine solche Eskalation?

Madsen: Indem Donald Trump sagt: Ich habe einen Plan. Ich habe mit Dänemark und Grönland gesprochen. Das und das sind unsere gemeinsamen sicherheitspolitischen Ziele in der Arktis. Das sind die möglichen wirtschaftlichen Kooperationen. Und für die Ausbeutung der Rohstoffvorkommen haben wir auch eine Vereinbarung getroffen. Dazu wären sowohl in Dänemark als auch in Grönland alle bereit.

WELT: Wie kommt die Debatte in Grönland selbst an?

Madsen: Das fühlt sich sehr unangenehm an. Objekt einer Debatte sein, ohne selbst richtig eingebunden zu werden. Die jüngsten Wahlen haben aber klar gezeigt: Grönland fühlt sich dem nordischen Zusammenhalt verpflichtet.

WELT: US-Vizepräsident J.D. Vance sagt, Dänemark habe in der Vergangenheit zu wenig für Grönland getan.

Madsen: Das ist eine sehr oberflächliche Aussage. Es hat keine Ausbeutung gegeben. Bildung, Gesundheit, kulturelle Eigenständigkeit – all das wurde respektiert und gefördert. Ich glaube nicht, dass er sich ernsthaft mit diesem Thema beschäftigt hat.

WELT: Wäre eine vollständige Unabhängigkeit Grönlands von Dänemark und den USA sinnvoll?

Madsen: Die ist faktisch längst auf dem Weg. Grönland ist weitgehend selbstständig, eingebettet in ein nordisches Bündnis. Und genau das ist der entscheidende Punkt: Diese Entwicklung respektvoll zu begleiten – und sie nicht von außen zu überrollen.

Ulrich Exner ist politischer WELT-Korrespondent und berichtet vor allem aus den norddeutschen Bundesländern.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke