Minneapolis befindet sich immer noch im Ausnahmezustand. Schock, Trauer und Wut liegen am Donnerstag über der 430.000-Einwohner-Stadt, und die Lage bleibt explosiv. Einen Tag nach den tödlichen Schüssen eines Polizisten der Einwanderungs- und Zoll-Behörde (ICE) auf Renee Good flackert rohe Wut auf.
Die dreifache Mutter, 37 Jahre alt, soll – so das US-Heimatschutzministerium – gegen eine Razzia der ICE-Beamten protestiert haben. Andere Zeugen bestreiten diese Darstellung und verweisen darauf, sie sei auf dem Heimweg gewesen. Fakt ist: Als sie mit ihrem Wagen, der die Fahrbahn blockierte, anfuhr, feuerte der Beamte.
Good hinterlässt drei Kinder im Alter von 15, 12 und sechs Jahren aus zwei Ehen. Zuletzt war sie mit einer Handwerkerin zusammen. Nach Trumps Wahl war die Familie nach Kanada gegangen, kehrte nach acht Monaten in die USA zurück – nach Minneapolis. Am Mittwochmorgen brachte Good ihren sechsjährigen Sohn zur Schule, fuhr zurück, traf auf ICE. Dann war sie tot.
Ob der Schütze schießwütig war oder um sein Leben fürchtete, weil das Auto auf ihn zuhielt – diese Frage spaltet Amerika. Präsident Donald Trump, 79, sprach zwar von „schrecklichen“ Szenen, stellte sich aber hinter den Polizisten.
Bleiern ist die Stimmung am Tatort. Eine spontane Gedenkstätte ist entstanden: Blumen, Kerzen, Botschaften im Schnee. Tafeln auf denen „Frieden“ steht, „Gerechtigkeit“ und „Erinnerung“. Rui M. legt Andenken nieder und bricht in Tränen aus. Er kannte Renee gut. Sie sei Poetin gewesen, mitfühlend und stets fröhlich. Er stellt sich den Moment des Horrors vor: „So wie ich sie kannte, muss sie beim Anblick der Waffe vor Angst gelähmt gewesen sein.“ Dabei habe sie nur ihre Nachbarn schützen wollen. Der junge Mann aus Guatemala sagt: „Meine Wut sitzt so tief, es tut so weh.“
„Sie schrecken nicht einmal vor Schulen zurück“, sagt Anisa Ali, sie lebt seit 25 Jahren in Minnesota, kam mit 13 aus Somalia dorthin. Das Auftreten der ICE-Beamten gleiche „Soldaten im Krieg“. Die Angst gehe um, die Straßen der somalischen Viertel seien wie ausgestorben.
Mit einem Eklat um einen Teil der somalisch-stämmigen Bewohnern in Minnesota hatte der Ärger in der Region überhaupt begonnen. Dort lebt die größte somalische Gemeinde der USA. Nach dem Aufdecken von Betrug mit Steuergeldern aus dieser Grupper heraus, besonders bei Kitas und Sozialprogrammen, folgten großangelegte ICE-Razzien – mit 2000 Beamten die bislang größten im Land.
Minneapolis wirkt an diesem Donnerstag nach den Todesschüssen nun vor allem eines: erschöpft. Und es gibt wenig Trost. Der einzige, ganz kleine: Die aktuellen Proteste sind bislang deutlich kleiner als die Unruhen nach dem Tod von George Floyd.
Aktivisten organisieren den Straßenblock wie eine Trauermeile. Menschen wärmen sich im frostigen Winter Minnesotas an Feuertonnen, es gibt Gratis-Pizza und Snacks. Schilder werden gemalt, oft mit deftigen Parolen gegen Trumps harte Migrationspolitik – besonders gegen die Einwanderungsbehörde ICE.
Die Szenen vom Mittwoch erinnern an den nur einen Kilometer entfernten Gedenkort nach dem Tod von George Floyd im Jahr 2020. In Minneapolis schwingt auch Paranoia mit: Eine Aktivistin mahnt, vor Interviews zu prüfen, ob konservative Medien dahinterstecken. Der Name „Fox News“ gilt hier besonders als „Trigger“, mit Vertretern der Marke soll nicht gesprochen werden.
Auch die ICE-Zentrale nahe dem Flughafen ist ein Brennpunkt. Eine Phalanx schwer bewaffneter Bundespolizisten blockiert die Einfahrt. Demonstranten provozieren mit Schmährufen und Plakaten. Die Wut kocht. „Verschwindet endlich!“, hallt es, „Mörder! Mörder!“. Sicherheitskräfte schützen die ICE-Beamten, Tränengas wird eingesetzt, es gibt Festnahmen. Doch an diesem Tag explodiert das Pulverfass nicht, trotz aller Anspannung.
So detailliert der tödliche ICE-Einsatz auf Videos dokumentiert ist, so weit klaffen die Deutungen auseinander. Das liberale und konservative Amerika scheinen zwei verschiedene Versionen derselben Tragödie zu sehen.
Trump, sein Vize J.D. Vance und Heimatschutzministerin Kristi Noem machten rasch das Opfer verantwortlich: Sie habe Beamte verfolgt, ihr Auto als Waffe benutzt – ein Akt des „Terrors“.
Und der Schütze? Der habe in Notwehr gehandelt. Der ganze Fall – damit abgeschlossen, zumindest für das Weiße Haus. In den Straßen von Minneapolis wird das anders gesehen: Für die Menschen hier wurde Good eiskalt ermordet – von einem maskierten, schießwütigen ICE-Polizisten.
Herbert Bauernebel ist freier US-Korrespondent.
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