Es sind ungewisse Stunden – und niemand in Venezuela weiß, was wirklich passieren wird. Nach der Festnahme von Präsident Nicolas Maduro durch US-Einheiten ist völlig offen, wie es im Land weitergeht.
Viele Exil-Venezolaner, die in den vergangenen Jahren nach Kolumbien geflüchtet sind – mindestens drei Millionen sollen es sein –, haben gejubelt über die Festnahme Maduros. Aber jetzt fragen sich viele: Was bedeutet sein Ende wirklich?
Aus Caracas berichten Anwohner dem Axel Springer Global Reporters Network, zu dem WELT gehört, am Telefon, dass die Straßen weiterhin auffällig leer sind. Viele Menschen bleiben zu Hause, Geschäfte öffnen nur zögerlich, der öffentliche Raum wirkt angespannt. Es dominiert das Abwarten. Viele Venezolaner haben in den vergangenen Jahren gelernt, dass politische Umbrüche selten das halten, was sie versprechen.
Noch immer trauen sich viele nicht, offen über ihre Meinung zu sprechen, vor allem nicht in der Nähe von Polizei oder Militär. Die Machtverhältnisse sind unklar, Gerüchte machen die Runde, aber verlässliche Informationen sind rar. „Wir wissen ja immer noch nicht, wer wirklich auf welcher Seite steht“, sagt ein Venezolaner aus Caracas am Telefon.
Das erklärt auch, warum es bislang keine Massendemonstrationen gibt. Die Opposition hatte gehofft, dass das Ende Maduros ein Signal sein würde, ein Moment, in dem die Angst bricht und die Menschen auf die Straßen gehen. Doch diese Reaktion bleibt aus. Zu oft haben Proteste in der Vergangenheit nicht zum Sturz des Regimes geführt, sondern zu Verhaftungen, Gewalt und Exil.
Trump will offenbar keinen radikalen Machtwechsel
Parallel dazu zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die USA vorerst keinen radikalen Machtwechsel forcieren wollen. In Washington überwiegt offenbar die Einschätzung, dass eine sofortige Übergabe der Macht an die Opposition zu riskant wäre. Entscheidend ist dabei weniger die politische Legitimität der Opposition als ihre fehlende Machtbasis im Land. Ohne Kontrolle über das Militär oder zumindest eine ernsthafte Spaltung innerhalb der Streitkräfte fehlt der Hebel, um das System tatsächlich zu verändern.
Hoffnungen, die auf Persönlichkeiten wie der Nobelpreisträgerin Maria Machado basieren, stoßen damit an ihre Grenzen. Die Opposition ist politisch sichtbar, international anerkannt und moralisch gestärkt – aber organisatorisch schwach. Viele ihrer führenden Köpfe leben im Ausland, vor allem in Kolumbien. Sie bewegen sich nur unter großen Risiken nach Venezuela, oft über inoffizielle Routen. Das macht es nahezu unmöglich, in dieser entscheidenden Phase Präsenz und Kontrolle zu zeigen.
Stattdessen bleibt das Machtzentrum dort, wo es seit Jahren liegt: beim Militär und in den Sicherheitsapparaten. Diese haben sich bislang hinter die Vizepräsidentin Delcy Rodriguez gestellt. Sie ist es, die derzeit als Ansprechpartnerin fungiert – auch für die USA, trotz aller Drohungen von Trump auch gegen sie.
Washington setzt offenbar auf einen pragmatischen Ansatz: Stabilität zuerst, politische Öffnung später. Ein unkontrollierter Umbruch könnte das Land ins Chaos stürzen und die USA vor die Frage stellen, ob sie weiter eingreifen müssten – genau das will man offenbar vermeiden.
Doch dieser Ansatz birgt ein enormes Risiko. In der Opposition wächst die Angst, dass es zu einer Art Arrangement kommt, einem „schmutzigen Deal“, bei dem Maduro zwar verschwunden ist, das System aber im Kern bestehen bleibt. Ein Szenario, in dem alte Eliten ihre Posten behalten, das Militär unangetastet bleibt und lediglich vermeintliche Veränderungen vorgenommen werden.
Für viele Venezolaner wäre das keine Befreiung, sondern eine Fortsetzung der Diktatur unter neuem Namen. Ein Mitglied der venezolanischen Opposition sagte zum Axel Springer Global Reporters Network: „Es darf nicht sein, dass Maduro jetzt weg ist, aber seine Schergen in den Ämtern bleiben und damit die Diktatur genau so weitergeht.“
Kaum Anzeichen für Auseinanderbrechen des Regimes
Diese Sorge wird dadurch verstärkt, dass bislang kaum Anzeichen für ein Auseinanderbrechen des Regimes zu erkennen sind. Es gibt keine flächendeckenden Überläufer, keine offenen Machtkämpfe, keine sichtbaren Brüche. Das Militär zeigt Präsenz, aber keine Nervosität. Es kontrolliert Grenzen, Straßen und zentrale Einrichtungen. Für die Bevölkerung ist das ein Signal: Das System funktioniert noch.
Gleichzeitig entsteht ein Machtvakuum auf der politischen Ebene. Der Präsident ist weg, aber es gibt keine neue, legitimierte Führung, die Vertrauen ausstrahlt. Viele fragen sich, ob die kommenden Wochen und Monate tatsächlich zu freien Wahlen führen werden oder ob diese Ankündigung lediglich Teil eines taktischen Spiels ist, um Zeit zu gewinnen und internationalen Druck abzufedern.
Venezuela befindet sich damit in einer paradoxen Übergangsphase. Ein historischer Eingriff hat stattgefunden, aber die grundlegenden Machtstrukturen sind intakt. Die Menschen warten, das Militär hält die Ordnung, die Opposition bleibt in der Defensive. Und die entscheidenden Weichen für die Zukunft des Landes scheinen derzeit weniger in Caracas gestellt zu werden als in Washington.
Ob dieser Moment am Ende der Anfang eines echten politischen Neuanfangs ist – oder nur eine weitere Etappe in der langen Geschichte autoritärer Stabilisierung –, ist völlig offen.
Paul Ronzheimer ist stellvertretender Chefredakteur der „Bild“-Zeitung und Mitglied des Axel Springer Global Reporter Networks.
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