Wenn sich die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) wie angekündigt am 1. Mai aus der Opec verabschieden, also aus der Allianz der ölexportierenden Staaten, dann endet damit eine lange Historie. Immerhin sind die VAE seit fast 60 Jahren Mitglied dieses Bündnisses und haben damit bereits einiges an internen Krisen und Streitigkeiten mitgemacht. Es liegt daher nahe, dass hinter dem Schritt mehr steht als nur ein kurzfristiger Zwist mit Saudi-Arabien, das die Opec seit jeher dominiert. Hier wird gerade ein altgedientes System neu geordnet.
Um zu verstehen, was derzeit auf dem Ölmarkt geschieht, ist es hilfreich, den Krieg im Nahen Osten und die Preisturbulenzen an den Märkten einmal für einen kurzen Moment beiseitezuschieben. Auch wenn Erdöl akut ein knappes Gut ist, so sah das zu Beginn dieses Jahres noch ganz anders aus. „Vor Ausbruch des Konflikts gingen wir davon aus, dass der weltweite Ölmarkt von einem Überangebot geprägt war und die weltweiten Ölvorräte rasch anwuchsen“, schreibt die Energiebehörde der USA (EIA) in ihrem jüngsten Ölbericht. „Wir rechneten damit, dass sich dieser Trend in den nächsten zwei Jahren fortsetzen würde.“
Es war ein Befund, der auch von der Internationalen Energieagentur (IEA) und vielen anderen Beobachtern geteilt wurde: Es gab tendenziell zu viel Öl auf den Märkten. Der Grund dafür lag unter anderem darin, dass der Ölverbrauch nicht nur in den westlichen Industrieländern zurückgeht, sondern auch in China, dessen Transportsektor in einem beispiellosen Tempo auf Elektroautos umsteigt. Die IEA ging bereits Mitte 2025 davon aus, dass die Ölnachfrage in China 2027 ihren Höhepunkt erreichen würde, und damit zwei Jahre früher als ursprünglich erwartet.
Ein Überschuss an Öl – traditionell würde die Opec auf eine solche Lage reagieren, indem sie die Produktion zurückfährt und so versucht, die Preise zu stabilisieren. Offenkundig ist das aus Sicht der Emirate allerdings nicht mehr die passende Strategie. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Zwischentöne, die sich in der offiziellen Stellungnahme des Energieministeriums der VAE zum Opec-Ausstieg finden. Neben wohlfeilen Bekenntnissen zur Stabilität auf den Märkten steht dort auch, die Entscheidung werde es den VAE erleichtern, „auf sich entwickelnde Bedürfnisse der Märkte einzugehen“.
Was aber bedeutet das? Wenn man davon ausgeht, dass die schwächelnde Ölnachfrage kein kurzfristiges Phänomen ist, sondern auch damit zu tun hat, dass der Rohstoff künftig einfach weniger gebraucht wird, dann ändert sich die Kalkulation für ein wichtiges Opec-Mitglied wie die Emirate: Ziel muss es dann sein, gerade jetzt bei hohen Preisen so viel Öl wie möglich auf die Märkte zu werfen – um den Profit zu maximieren, also noch einmal richtig Kasse zu machen. „Ich glaube, es ist vorhersehbar, was die Emirate vorhaben – sie wollen so viel fördern, wie sie können“, sagte Bill Farren-Price vom Oxford Institute of Energy Studies der „Financial Times“. „Sie werden die nachhaltige Produktionskapazität einfach voll ausschöpfen.“
Hinzu kommt, dass die aktuelle Krise auf den Energiemärkten den strukturellen Nachfrageschwund sogar noch anheizt. In Asien wird Öl rationiert, es werden Prozesse elektrifiziert und Sparmaßnahmen verordnet. In Europa steigt der Verkauf von Wärmepumpen und Elektroautos, also von Produkten, die im Betrieb ohne fossile Energieträger auskommen. Der Absatz von Elektroautos in der Europäischen Union erreichte im März nach Berechnungen des Bruegel-Instituts einen neuen Rekordwert. Zugleich wächst das Angebot an Strom aus Windenergie und vor allem Photovoltaik, die global in rasantem Tempo ausgebaut wird.
Opec-Beschränkungen
Wer in dieser Lage noch einmal möglichst viel Öl zu hohen Preisen verkaufen möchte – auch nach einem möglichen Ende des Irankriegs –, der muss sich jetzt von den Beschränkungen des Opec-Kartells lösen, und genau das ist es, was die Emirate nun tun. „Da die Nachfrage ihren Höhepunkt erreicht, ändern sich die Kalkulationen für Produzenten mit kostengünstigen Fördermengen rasch“, sagt Jorge Leon, Leiter der Abteilung für geopolitische Analysen bei der Energieberatung Rystad. „Innerhalb eines Quotensystems einfach abzuwarten, erscheint zunehmend wie verschenktes Geld.“
In ihrer Erklärung zum Opec-Austritt hinterließen die VAE sogar noch einen weiteren Fingerzeig, der sich für einen Ölproduzenten sehr ungewöhnlich liest: Man werde weiterhin „in die ganze Wertschöpfungskette investieren“, heißt es da, „und das schließt Öl, Gas, Erneuerbare und kohlenstoffarme Lösungen ein“. Es geht um den „langfristigen Umbau des Energiesystems“.
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