- Kosten für Arzneimittel: Gesetz regelt Preisbildung
- Beispiel Keytruda: Zusatznutzen maßgeblich für Medikamentenpreis
- Problem Big Pharma: Wenige Konzerne dominieren den Markt
Joachim Kugler, emeritierter Gesundheitswissenschaftler an der TU Dresden, nennt sich selbst "Mann der Uni" – einer, der die Dinge beschreibt, wie sie sind. Fragt man ihn, wie sich die Preise von Arzneimitteln zusammensetzen und wie fair dieser Prozess ist, wird klar: Hier wird an vielen Stellschrauben gedreht und den einen Schuldigen gibt es nicht. Kugler sieht mehrere Akteure in der Pflicht: neben den Pharmaunternehmen auch Krankenkassen und die Politik.
MDR AKTUELL: Wie kommen in Deutschland der Preise für patentgeschützte Medikamente zustande?
Dr. Joachim Kugler: In Deutschland gibt es den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), er wird auch der kleine Gesetzgeber genannt. Dort wird entschieden, was die gesetzlichen Krankenkassen an Diagnostik und Therapie anbieten sollen. Und dort wird auch über Preise von Medikamenten verhandelt. Im G-BA gibt es zwei Bänke. Auf der einen Bank sitzen die gesetzlichen Krankenkassen. Und auf der anderen Bank sitzen die Ärzteverbände, also die Krankenhausgesellschaft, die Kassenärztliche Bundesvereinigung, die Psychotherapeuten und so weiter. Die Pharmaindustrie hat keinen Sitz dort. Und es gibt noch einen Sitz für einen Patienten, der aber leider nicht mit abstimmen darf. Im Falle eines Dissens gibt es ein Schlichtungsgremium aus drei Leuten. Und dann einigt man sich, ob und zu welchem Preis ein Medikament angeboten wird.
Bei der Markteinführung legt aber das Pharmaunternehmen den Preis fest. Und erst danach wird auch der Nutzen dieser neuen Medikamente bewertet.
Genau. Dafür ist 2004 das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitssystem (IQWiG) gegründet worden. Das hat die Aufgabe, den zusätzlichen Nutzen von neuen, patentgeschützten Medikamenten für den Gemeinsamen Bundesausschuss zu bewerten. Und keineswegs jedes Medikament hat einen Zusatznutzen. Der höchste Zusatznutzen ist, wenn geheilt wird. Da kann man über alles andere hinwegsehen.
Zuletzt wurde von "Spiegel" und ZDF über das Krebsmedikament Keytruda berichtet. In diesen Berichten heißt es, es werde viel zu teuer verkauft.
Ein patentgeschütztes Medikament wie zum Beispiel Keytruda hat einen beträchtlichen Zusatznutzen: Viele Patienten und Patienten können damit fünf bis zehn Jahre länger leben. Das heißt also, vom Nutzen her ist alles unstrittig. In der Bewertung des IQWiG wird vieles berücksichtigt. Nimmt man einen Patienten mit Lungenkrebs: Der bekam zuvor Strahlentherapie, die ist teuer. Der bekam Chemotherapie – teuer. Der ist pflegebedürftig – auch teuer. Es wird aufgelistet, was die Behandlung ohne Keytruda kosten würde, bis zum Tod eines Patienten. Und anhand dessen wird abgewogen, was ein Preis für das neue Medikament sein könnte und eine Empfehlung ausgesprochen. Und der Gemeinsame Bundesausschuss, in dem auch die gesetzlichen Krankenkassen sitzen, hat dieser Empfehlung zugestimmt. In der Nutzenbewertung liegt ein ziemlich starkes Argument: Wir bezahlen nur wirklich nützliche Medikamente.
Trotzdem ächzen die Krankenkassen unter den hohen Kosten, die durch patentgeschützte Medikamente verursacht werden...
Wenn die Krankenkassen jetzt sagen, warum ist das alles so teuer, dann muss man fragen: Warum haben sie denn im Gemeinsamen Bundesausschuss dafür gestimmt? Wenn sie gute Argumente dafür haben, dass ein Medikament preiswerter sein soll: Da wäre das Gremium, in dem die Entscheidungen fallen, und da hat man einvernehmlich diese Preise festgelegt.
Halten Sie diese Preisgestaltung für fair?
Hier muss man sich mehrere Fragen stellen. Einmal: Was ist Leben wert? Aber wir müssen uns generell fragen: Was ist uns medizinischer Fortschritt wert, der immer mehr Krankheiten heilen kann oder deutlich in der Prognose verbessern kann? Medizinischer Fortschritt geschieht natürlich auch aus kommerziellen Gründen. Eine weitere Frage ist, was ist ein fairer Preis? Darüber kann man lange nachdenken.
Warum sind Medikamente in Deutschland im Vergleich trotzdem so teuer?
Da kann ich immer nur sagen: Der Teufel steckt im Detail. Wir gehören zu den wenigen Ländern, die glauben, auf Medikamente den vollen Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent erheben zu müssen. Auf Tiernahrung sind es nur sieben Prozent, aber bei Medikamenten, da wollen wir 19 Prozent haben. In Frankreich sind es praktisch nur zwei Prozent Mehrwertsteuer. Der Staat bereichert sich, wenn Milliarden ausgegeben werden für Medikamente. Die 19 Prozent Steuern gehen an das Finanzministerium. Und für mich ist ein Medikament kein Luxusprodukt, ich bin im Zweifel darauf angewiesen. Wieso nimmt der Staat dann das Geld?
Wo liegen weitere Schwachstellen im System?
Wir befinden uns in einer Marktwirktschaft, also haben die Pharmakonzerne natürlich auch ein gewisses Erpressungspotenzial. Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfarM) sind derzeit rund 500 Arzneimittel in Deutschland von Lieferengpässen betroffen. Dabei geht es um sogenannte Generika, also Medikamente, die mittlerweile aus dem Patentschutz herausgefallen sind und einfach nachgebaut werden können. Das passiert nach 20 Jahren. Das sind die Medikamente für die Hauptzivilisationskrankheiten, Bluthochdruck, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen zum Beispiel. Und machen wir uns nichts vor: Die patentgeschützten Medikamente werden in Europa oder in den USA hergestellt. Da gibt es keine Lieferschwierigkeiten, weil die Konzerne Geld verdienen wollen.
Rund 500 verschiedene Medikamente sind in Deutschland derzeit nicht lieferbar.Bildrechte: IMAGO / ITAR-TASSUnd Generika?
Generika werden zu extrem günstigen Konditionen in China, Brasilien oder Indien hergestellt. Dort kennt man keinen Umweltschutz und keinen Arbeitsschutz. Diese Medikamente sind für die Krankenkassen preiswert zu bekommen. Aber wie es den Arbeitern dort geht, wie es der Umwelt dort geht, das ist egal. Wenn es dann mal in einer Fabrik wegen miserabler Bedingungen einen Brand gibt und eine Produktionsstätte wegfällt, dann können die nicht liefern.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Nehmen wir das Brustkrebs-Medikament Herceptin. Eine Fabrik, in der das Medikament hergestellt wurde, ist abgebrannt und die wenigen Chargen, die noch lieferbar waren, hat der Konzern an die Länder geliefert, die die höchsten Preise gezahlt haben. Deutschland war nicht darunter. Die Krankenversicherer mussten dann über Reimporte aus Frankreich eine Notversorgung sicherstellen. Ganz billig ist also auch nicht des Rätsels Lösung.
Sehen Sie hier eine Zwischenlösung?
Nein. Aber ich bin natürlich ein Mann der Uni und wir werden in der Medizin große Fortschritte sehen. Deutschland ist im Konzert der Medizinforschung keineswegs ganz hinten. Und wenn es um innovative Produkte geht, haben wir immer noch potente Hochschulen, Max-Planck-Institute und einige Pharmafirmen. BioNTech ist so ein Beispiel.
Aber das Problem bleibt ja bestehen: Das Monopol liegt bei einigen, wenigen Pharma-Riesen.
Ein Problem ist natürlich Big Pharma. Es sind letztlich sechs, sieben große Pharma-Firmen, die den Pharma-Markt weltweit beherrschen und sich untereinander absprechen. Das nennt man Oligopol. Es ist ein Problem, dass die Pharmaindustrie nicht mehr mittelständisch organisiert ist, sondern nur noch wenige Riesen-Konglomerate weltweit den gesamten patentgeschützten Pharma-Markt innehaben. Man könnte darüber nachdenken, ob das eine gesunde Entwicklung ist. Ich muss keinen Doktor der Betriebswirtschaft haben, um zu sehen: Das ist ein Problem. Richtiger Wettbewerb kann nur entstehen, wenn ich viele Anbieter habe. Und die haben wir auf dem Weltmarkt nicht mehr.
MDR/KNA
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