Inhalt des Artikels:
- Bereits Dritter Geburtenrückgang in Deutschalnd seit 1990
- Kindergärten gehen die Kinder aus
- Weniger Kunden und Kundinnen für den Handel
- Geburtenrückgang kommt bei Hebammen zuerst an
- Fehlender Nachwuchs und der allgemeine Arbeitsmarkt
Bereits Dritter Geburtenrückgang in Deutschalnd seit 1990
Deutschland erlebt gerade seinen dritten Geburtenknick seit der Wiedervereinigung, wie Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) zeigen. "In Ostdeutschland war die Geburtenrate 2024 mit 1,27 Kinder je Frau niedriger als in Westdeutschland (1,38)", erklärt Destatis. Den Osten trifft es damit besonders hart. In allen drei mitteldeutschen Ländern sind die Geburtenzahlen seit 1990 um mehr als die Hälfte eingebrochen, das liegt auch am Wegzug vieler junger Menschen in den Westen. Sachsen-Anhalt hat mit seiner Vorausschätzung für 2025 bereits einen neuen Negativrekord angekündigt.
Mehr zu den drei Geburtenknicken: kurz und knapp
Nach ihrem Höchststand 1990 sind die Geburtenzahlen bis 1995 deutlich zurückgegangen, infolge der Umbrüche nach der Wiedervereinigung.
1996 und 1997 gab es eine kurze Erholung durch die letzten geburtenstarken DDR-Jahrgänge, anschließend sanken die Zahlen ab 1998 wieder bis 2011. Das war "der bisher längste und gravierendste Geburtenrückgang", so Destatis. Ab dann stiegen die Geburtenzahlen wieder an – begünstigt auch durch die Einführung des Elterngeldes, den Ausbau der Kitas und einem Rechtsanspruch auf Betreuung und auch Zuwanderung.
Ab 2017 gingen nach Angaben von Destatis zunächst die Geburten der ersten Kinder zurück, ab 2022 "alle Geburtenzahlen unabhängig von der Geburtenfolge deutlich". Die niedrigen Geburtenzahlen der 1990er-Jahre wirken bis heute nach, weil diese Jahrgänge als Eltern fehlen – verstärkt durch aktuelle Krisen. "Im Jahr 2024 wurden 677.117 Kinder geboren. Das war der niedrigste Wert seit 2013", verzeichnet Destatis.
Kindergärten gehen die Kinder aus
Das "Haus der Hundert Welten" ist eine kleine Kita im Leipziger Stadtteil Hohenheida. 30 Jahre nach der Eröffnung sind die Tage der Kita wegen des anhaltenden Geburtenflaute nun gezählt. "Wir haben das jetzt in der kleinen Leiterberatung und in der großen Leiterberatung erfahren", erklärte Kita-Leiter Angelo Kopsch gegenüber dem MDR-Magazin Umschau. "Da die Kinderzahlen zurückgehen. Da wurde entschieden, dass wir schließen werden.“
Platz wäre in der Kita eigentlich für 66 Kinder, zurzeit sind es nur noch 34, und auch das nur noch bis zum Sommer. "Wenn die Schulanfänger rausgehen, dann sind wir unter 30 Kindern. Um eine Kita auch wirtschaftlich zu betreiben, bräuchten wir locker nochmal 30 Kinder, die wir jetzt hier aufnehmen müssten", so Klopsch.
Für den Träger, die Volkssolidarität Leipziger Land Muldental, ist diese Kita zwar die erste, die schließen muss — aber möglicherweise nicht die letzte. "Grundsätzlich haben wir ähnliche Einrichtungen wie diese mit maximal 30 Kindern, die definitiv jetzt in den nächsten Jahren in der Prioritätenliste und auch in der Besorgnislevel-Liste sehr weit oben stehen", sagte Christian Schultz, der Fachbereichsleiter der Volkssolidarität Leipziger Land/Muldental e.V. dazu. Das Kita-Sterben ist aufgrund des Geburtenknicks in allen mitteldeutschen Bundesländern auch kein regionaler Einzelfall.
Weniger Kunden und Kundinnen für den Handel
Weniger Kinder bedeuten auch weniger Kunden. Im Baby-Fachhandel bei Baby-Walz in Leipzig gehen die Besucherzahlen seit drei Jahren kontinuierlich zurück – jedes Jahr rund zehn Prozent weniger. Das Unternehmen hat Filialen in ganz Deutschland und verzeichnet nach eigenen Angaben einen größeren Kundenschwund im Osten.
Mit Filialen in ganz Deutschland kann Baby-Walz deutliche regionale Unterschiede ausmachen. "Ich betreue etwa 80 Prozent aller Filialen in Deutschland. Ich muss sagen, dass die Regionen im Osten von Deutschland etwas rückläufiger sind und wir in den Großstädten wie Düsseldorf, Berlin, Hamburg und so weiter, diese Probleme so nicht haben", sagte Jens-Peter Blümel, Regionalverkaufsleiter der Baby-Walz GmbH gegenüber dem MDR-Magazin Umschau.
Auch der Stillprodukte-Hersteller Lansinoh spürt den Rückgang der Geburtenzahlen und zwar weltweit. Dazu kommt noch das Kaufverhalten der Kunden und Kundinnen mit Blick auf die Preise. "Wir sehen eine ganz klare Tendenz, dass die es sich leisten können, auch sehr stark auf Qualität, beziehungsweise Nachhaltigkeit abzielen. Die, die es sich nicht so leisten können, weil sie es einfach wirtschaftlich nicht können, sind natürlich diejenigen, die sich dann auch sehr stark an solchen Plattformen wie Temu oder Shein orientieren", so Heidi Schäfer, Vice President Germany von Lansinoh Laboratories Inc., Niederlassung Deutschland.
Lansinoh reagiere darauf auch mit neuen Produkten im Angebot. "Was natürlich nicht alle können in der Kinderausstattungsbranche, wenn ich jetzt an Hersteller von Kinderwagen denke beispielsweise oder auch von Babyschalen. Die haben ja nicht so einfach die Möglichkeit, ihre Sortimente entsprechend auszuweiten", so Schäfer. Bestes Beispiel dafür ist Zekiwa aus Zeitz, ein ostdeutsches Traditionsunternehmen und ehemals größter Kinderwagenhersteller Europas mit einst 2.200 Mitarbeitern und 450.000 produzierten Kinderwagen jährlich. Im Februar dieses Jahres musste Zekiwa Insolvenz anmelden. Neben gestiegenen Kosten führte auch ein gesunkener Absatz nach Unternehmensangaben dazu.
Geburtenrückgang kommt bei Hebammen zuerst an
Hebammen sind die ersten, die spüren, wenn weniger Kinder geboren werden. Denise Mouton-Mildner ist im Sächsischen Hebammenverband Kreisspecherin für die Region Sächsische Schweiz Osterzgebirge. Sie arbeitet freiberuflich in Pirna. In ihrer Praxis begleitet sie Frauen von der Geburtsvorbereitung bis zur Rückbildung. Vor zwei Jahren hat sie die Hausgeburtshilfe aufgegeben. Denn die Haftpflichtversicherung, ohne die keine Hebamme arbeiten darf, sei durch sinkende Geburtenzahlen für sie nicht mehr zu finanzieren gewesen.
"Mein Familieneinkommen hat sich auch halbiert", erklärte sie gegenüber dem MDR-Magazin Umschau. Inzwischen geht sie einer zweiten Tätigkeit nach, um das aufzufangen. Sie konnte ihr Hobby Gärtnern zum (Zweit-)Beruf machen. "Der rettet mich im Moment", so Mouton Mildner. Ihre Prognose für die Region ist ernüchternd. Eine Schließung der Geburtshilfe mache Kommunen für junge Familien weniger attraktiv. "Dann wandern Kinderärzte ab. Dann schließen Kitas, Schulen. Und damit werden die Gegenden unattraktiv für junge Familien überhaupt", so die Hebamme.
Fehlender Nachwuchs und der allgemeine Arbeitsmarkt
Per Kropp forscht am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zu Arbeitsmarktprozessen in den Regionen. Er sieht Folgen des Geburtenrückgangs bereits auf dem Arbeitsmarkt angekommen. "Wenn wir kleine, mittelständische Unternehmen sehen, die zumachen, wie Bäckereien, Handwerker: Dann hat das nicht unbedingt was mit gestiegenen Energiepreisen oder Bürokratie zu tun. Sondern einfach damit, dass sie kein Personal oder keine Nachfolger finden", sagte er dem MDR-Magazin Umschau.
Nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) vom September 2025 erreichen in den nächsten 15 Jahren mehr als 13 Millionen Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter. "Das entspricht knapp einem Drittel (31 Prozent) aller Erwerbspersonen, die dem Arbeitsmarkt im vergangenen Jahr zur Verfügung standen", so Destatis. Ein Grund: Die geburtenstarken Babyboomerjahrgänge stehen dann dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung. Die ersten Babyboomer haben die gesetzliche Rente auch schon erreicht. Fehlender Nachwuchs verschärft die Arbeitsmarktlage damit weiter.
Der Osten ist vom Geburtenknick besonders betroffen. Schrumpfende Regionen schrecken auch Investoren ab, so Reint E. Gropp, Präsident vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle: "Wenn Sie sich die demographische Entwicklung im Ort angucken und diese sagt: Da werden immer weniger Leute wohnen, insbesondere immer weniger junge Leute — dann werden Sie sich sehr gut überlegen, ob Sie da diese Fabrik aufmachen oder das Unternehmen gründen."
MDR (cbr)
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