Michael Kober bezeichnet sich selbst als oldschool. Der 71-jährige Chef einer Reinigungsfirma aus Plauen hat zum Thema Arbeitslosigkeit eine klare Haltung: "Wenn man arbeiten will, dann hat man Arbeit. Und es gibt genug Arbeit."
Kober beschäftigt 27 Mitarbeiter in seiner Firma. Verstärkung sucht er momentan nicht. Im gesamten Gebäudereinigerhandwerk könnten jedoch nach seiner Einschätzung sehr viele Stellen nicht besetzt werden, weil zu wenige Menschen bereit seien, die teils harte Arbeit zu machen. "Ein Gros der Arbeitssuchenden ist nicht bereit, früh aufzustehen, zu arbeiten, weil sie mehr Sozialleistungen empfangen, als wenn sie arbeiten würden."
Unpünktliche und unzuverlässige Bewerber
In der Branche denken viele genauso wie Kober, wollen sich aber öffentlich nicht äußern. Arbeitgeber berichten in Gesprächen von vielen schlechten Erfahrungen bei der Personalsuche. Bewerber seien unpünktlich und unzuverlässig. Es herrsche gar eine generelle Unlust zum Arbeiten, sagen manche.
Bundesweit waren im Februar 2026 rund 14.000 Stellen in Reinigungsberufen gemeldet, mehr als 8.000 auf Helferniveau. Der Tariflohn im Gebäudereinigerhandwerk liegt bei 15 Euro und damit über dem Mindestlohn von 13,90 Euro. Glas- und Fassadenreinger erhalten sogar 18,40 Euro pro Stunde. Quereinsteiger sind willkommen.
Arbeitsagentur: Arbeitssuchende sind nicht zu faul
Sind viele arbeitslose Menschen also unwillig, zu arbeiten? Der Chef der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Sachsen-Anhalt und Thüringen, Markus Behrens, widerspricht: "Auf keinen Fall sind die Leute zu faul". Behrens verweist etwa darauf, dass Sanktionen gegen Arbeitssuchende wegen einer Weigerung zur Aufnahme einer zumutbaren Tätigkeit nur selten ausgesprochen werden. Der Anteil liege bei etwa drei Prozent. Stattdessen seien sehr viele Menschen bereit, auch für wenig Geld morgens aufzustehen. In Sachsen-Anhalt arbeite zum Beispiel fast jeder vierte Beschäftigte zu Niedriglohn.
| Rang | Sachsen | Sachsen-Anhalt | Thüringen |
|---|---|---|---|
| 1 | Verkauf | Lagerwirtschaft, Post, Zustellung, Güterumschlag | Verkauf |
| 2 | Lagerwirtschaft, Post, Zustellung, Güterumschlag | Maschinenbau- und Betriebstechnik | Lagerwirtschaft, Post, Zustellung, Güterumschlag |
| 3 | Maschinenbau- und Betriebstechnik | Verkauf | Maschinenbau- und Betriebstechnik |
| 4 | Energietechnik | Metallbau und Schweißtechnik | Altenpflege |
| 5 | Metallbearbeitung | Fahrzeugführung im Straßenverkehr | Metallbearbeitung |
| 6 | Altenpflege | Energietechnik | Energietechnik |
| 7 | Gesundheits- und Krankenpflege, Rettungsdienste und Geburtshilfe | Metallbearbeitung | Gesundheits- und Krankenpflege, Rettungsdienste und Geburtshilfe |
| 8 | Fahrzeugführung im Straßenverkehr | Bau- und Transportgeräteführung | Fahrzeugführung im Straßenverkehr |
| 9 | Elektrotechnik | Büro und Sekretariat | Erziehung, Sozialarbeit und Heilerziehungspflege |
| 10 | Metallbau und Schweißtechnik | Altenpflege | Fahrzeug-, Luft-, Raumfahrt-, Schiffbautechnik |
Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Arbeitsmarkt in Zahlen - Arbeitsmarktstatistik, Februar 2026
Dass trotz einer großen Zahl von Erwerbslosen viele Stellen mit niedrigen Einstiegshürden unbesetzt bleiben, liege je nach Branche an schlechten Rahmenbedingungen, erklärt BA-Regionalchef Behrens. So sei in der Gebäudereinigung etwa Schichtarbeit am Morgen oder Abend gefragt, was sich schlecht mit einem Familienleben vereinbaren lasse. Jobs in der Logistik und Lagerwirtschaft lägen abseits der Städte an den Autobahnen, was schwierig mit dem ÖPNV erreichbar sei.
Auf Seiten der Arbeitssuchenden kämen weitere "Vermittlungshemmnisse" dazu. Behrens: "Die sind in der Regel langzeitarbeitslos, die haben teilweise gesundheitliche Einschränkungen, sind nicht mobil, verfügen nicht über ein Auto oder sowas. Dazu kommen bei den Ausländern dann natürlich noch die wenigen Deutschkenntnisse, die unter Umständen ja trotzdem wichtig sind, und natürlich andere Problemlagen wie Schulden oder Betreuungspflichten von Kindern et cetera."
Unqualifizierte Tätigkeiten nur vermeintlich einfach
Ein weiterer Aspekt ist, dass vermeintlich einfache Tätigkeiten bei genauerem Hinsehen doch anspruchsvoll sind. Davon berichtet etwa Sven Heller, Standortleiter bei Getränke Staude Leipzig. Die Firma beschäftigt in Gerichshain westlich der Metropole rund 80 Mitarbeiter. Im Umkreis von 30 Kilometern beliefert das Team Gastronomie und Einzelhandel mit Getränken. Heller sagt: "Gerade im Bereich Lagerlogistik haben wir vergleichsweise niedrige Einstiegshürden, trotzdem sind viele Stellen schwer zu besetzen." Allerdings sei die Arbeit körperlich anspruchsvoll. "Dort kommt noch ein Hubwagen mit ins Spiel, dort kommt noch eine Sackkarre mit ins Spiel und das ist dann eben das, was Bewerber heutzutage eher nicht suchen", schätzt Heller.
Die Firma würde auch Quereinsteiger einstellen. Ganz ohne Qualifikation geht es aber nicht. Zurzeit sucht Getränke Staude etwa einen Gabelstaplerfahrer sowie einen Lastwagenfahrer. Dafür sind jeweils Führerscheine nötig. Der Staplerschein könnte bei der Firma sofort erworben werden, den Lkw-Führerschein würde das Unternehmen bei guter Eingewöhnung ebenfalls bezahlen.
Zu viele ungelernte Kräfte
Teilqualifikationen wie Führerscheine oder gar eine abgeschlossene Berufsausbildung – viele Arbeitssuchende verfügen oftmals schlicht nicht über die benötigten Kenntnisse für eine Stelle. Mehr als die Hälfte der arbeitslosen Menschen (56 Prozent) hat keinen formalen Berufsabschluss, wie die BA für 2024 berichtete.
Darin sieht der Arbeitsmarktexperte Steffen Müller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) die wichtigste Ursache dafür, warum Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt nicht zusammenkommen. An ungelernten Kräften herrsche kein Mangel: "In der Statistik der Bundesagentur für Arbeit kommen in Ostdeutschland rund 25 Arbeitssuchende in Helfertätigkeiten auf eine gemeldete offene Helferstelle. Das zeigt auf den ersten Blick, dass man ein sehr großes Missverhältnis hat."
Zur Gruppe der ungelernten Helfer gehörten viele Geflüchtete, erklärt Müller weiter. Hier kämen weitere Hürden dazu, etwa Sprachprobleme und nicht anerkannte Qualifikationen. Müller: "Kurz gesagt, die Zahlen zeigen nicht einfach, dass Arbeitslose nicht arbeiten wollen, sondern es gibt wenige Jobangebote für Helfer und es gibt Passungsprobleme."
Bildung und Zuwanderung könnten Probleme mildern
Um die offenen Stellen und die Arbeitssuchenden besser zusammenzubringen, hilft aus Sicht der Fachleute vor allem Bildung. BA-Regionalleiter Behrens setzt bei Schulabgängern an. Sie müssten in Ausbildung oder Studium gebracht werden. Wenn das nicht gelingt, fingen die jungen Menschen oft mit Helferjobs an. "Dann ist die Herausforderung für uns, dass wir zum Beispiel über Teilqualifikationen diese manchmal auch schulmüden Jugendlichen an den Markt bringen." Auch bei älteren Arbeitssuchenden könne die BA das Nachholen von Berufsabschlüssen begleiten.
Mit Blick auf die demografische Entwicklung – in den kommenden Jahren gehen extrem viele Menschen in Rente – spricht IWH-Arbeitsmarktforscher Müller von einem schmerzhaften Anpassungsprozess. Ostdeutschland steuere "strukturell auf einen massiven Arbeitskräftemangel" zu. Qualifizierung und Sprachförderung von Zugewanderten könnten die Folgen der Entwicklung abmildern. Doch "Geschäftsmodelle, die wir ja hier auch haben, die bislang eben stark auf sehr günstige Arbeit angewiesen waren, die werden sich eben teilweise nicht mehr rechnen." Manche Unternehmen könnten deshalb vom Markt verschwinden.
Die einzige weitere kurzfristige Lösung ist mehr geordnete Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der BA schrieb im vergangenen August in einer Analyse: "Die Zuwanderung zu Erwerbszwecken ist bisher zu gering, um die Lücken langfristig schließen zu können. Dies gilt insbesondere für die ostdeutschen Regionen außerhalb der Großstädte." Es kämen zu wenige Junge nach, um die Älteren in den Unternehmen zu ersetzen. "Gerade hier wäre die kompensatorische Kraft ausländischer Beschäftigter gefragt, um den zukünftigen Arbeitskräftemangel abzufedern."
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