Ist es der entscheidende Joker für einen pünktlicheren Bahnverkehr in Deutschland? Mit "Jokergleisen", flexibleren Abfahrtszeiten und mehr Zeitpuffern im Fahrplan wollen Bundesregierung und Branche die Unpünktlichkeit in den Griff bekommen. Eine "Taskforce" hat dazu ein Bündel aus 22 Maßnahmen vorgelegt, die den Betrieb schon in den kommenden Monaten stabilisieren sollen. Eine Ausdünnung des Fahrplans soll es nicht geben.
Verspätete Züge, Ausfälle, genervte Passagiere und liegen bleibende Waren - die Pünktlichkeit im Bahnverkehr sorgt bei Reisenden, aber auch Unternehmen, die ihre Waren flott per Schiene transportieren wollen, seit langem für Ärger. Im Fernverkehr der Deutschen Bahn lag die Pünktlichkeit im Februar bei 59,4 Prozent. Für das gesamte Jahr 2026 hat Bahnchefin Evelyn Palla eine Pünktlichkeitsquote von mindestens 60 Prozent ausgegeben. Als verspätet gilt ein Zug nach Bahn-Definition ab einer Verzögerung von sechs Minuten. Zugausfälle werden in der Statistik nicht berücksichtigt.
Aber auch beim Güterverkehr oder anderen Unternehmen, die die Gleise nutzen, kommt es immer wieder zu Verzögerungen. Nun will Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen gegensteuern.
Wichtigstes Ziel: Knoten entlasten
Erstes Ziel ist es, stark belastete Bahnknoten zu entlasten. Das sind wichtige Punkte, wo sich beispielsweise viele Hauptstrecken kreuzen. Aber gerade dort sind viele Routen an ihrer Kapazitätsgrenze. Das führt dazu, dass selbst kleine Störungen große Auswirkungen haben.
Eine Idee zum Gegensteuern: Jokergleise. Das sollen Gleise in Bahnhöfen sein, die freigehalten werden, um auf Störungen flexibler reagieren zu können. Zusätzliche Gleise könnten kurzfristig Engpässe entschärfen. Auch "Flex-Abfahrten" sind geplant: Züge sollen künftig leicht vor der offiziell angegebenen Zeit abgefertigt werden, beispielsweise eine Minute, um pünktlicher loszufahren.
Der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, Dirk Flege, selbst Mitglied der Taskforce begrüßte die Ideen. "Viele Knotenpunkte und Hauptstrecken sind überlastet, die Nachfrage nach Bahnverkehr steigt, doch die Kapazitäten sind nicht mitgewachsen", sagte Flege. Nun werde "mit vereinten Kräften versucht, hochbelastete Knoten durch betriebliche Sofortmaßnahmen zu stabilisieren".
System unter Druck
Die Vorschläge zielen bewusst auf kurzfristige Effekte. Denn die Probleme der Bahn sind seit Jahren bekannt – und tief verwurzelt. Das Vertrauen in den Verkehrsträger Bahn ist spürbar gesunken, in sozialen Medien wie am Küchentisch sind Spott und Ärger groß.
Eines der Grundprobleme ist der über Jahre gewachsene Sanierungsstau. Baustellen sind notwendig, um das Netz zu modernisieren, verschärfen aber kurzfristig die Lage. Ein weiteres strukturelles Problem ist der Mischverkehr: Fern-, Regional- und Güterzüge teilen sich vielerorts dieselben Gleise. Gerät ein Zug in Verzug, kann das schnell eine Kettenreaktion auslösen.
Gerade auf hochbelasteten Strecken reicht oft schon eine kleine Ursache – etwa eine Türstörung –, um den Fahrplan aus dem Takt zu bringen. Weil Puffer fehlen, übertragen sich die Verzögerungen auf nachfolgende Züge.
Verbindliche Pufferzeit ab 2027
Genau hier will die Taskforce ansetzen. Größere Zeitabstände zwischen Zügen sollen verhindern, dass sich Verspätungen fortpflanzen. Von 2027 an soll "auf ausgewählten Strecken zielgerichtet eine verbindliche Pufferzeit" eingeführt werden.
Die Maßnahmen konzentrieren sich auf betriebliche Abläufe: bessere Steuerung, mehr Flexibilität und gezielte Zeitreserven. Die Hoffnung: Schon kleine Eingriffe können große Wirkung entfalten, wenn sie an den richtigen Stellen ansetzen. "Die Kundinnen und Kunden sollen noch in diesem Jahr merken, dass die Kundeninformation besser wird", hatte Deutsche-Bahn-Chefin Palla kürzlich der Deutschen Presse-Agentur gesagt.
Keine Zugstreichungen
Weniger Züge soll es künftig aber nicht geben. "Angebotsreduzierungen kommen nur als letztes Mittel in Betracht und können auch dann nur eine befristete Übergangslösung sein, um einzelne Knoten zu stabilisieren", sagte Flege von Allianz pro Schiene. Auch Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter, derzeit Vorsitzender der Verkehrsministerkonferenz, begrüßte, dass es keine Streichungen geben wird. "Der Fokus muss daher darauf liegen, die Aus- und Neubauprojekte zur Kapazitätssteigerung in den großen Bahnknoten zügig umzusetzen."
Was es aber geben soll: sogenannte Reisendenlenker am Gleis. Sie sollen Passagieren gezielt helfen, schneller ein- und auszusteigen. Dazu gehören bessere Informationen zur Reihenfolge der Wagen, aber auch Personal am Gleis. Künstliche Intelligenz soll etwa bei der rechtzeitigen Bereitstellung der Züge helfen.
Nicht alle Teilnehmer der Taskforce aber sind zufrieden. Der Verband Die Güterbahnen beklagt verpasste Chancen, die Maßnahmen gingen nicht weit genug. "Wir sehen keinen Spielraum, Züge willkürlich herauszunehmen", sagte Verbandschef Peter Westenberger. "Es muss allen klar sein, dass wir nicht zum Spaß eine Märklin-Eisenbahn betreiben."
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