Stell dir vor, in fünf Wochen ist Uhrenmesse in Genf und die Gesichter bei Ausstellern und Fachbesuchern sind noch länger als im vorigen Jahr. Damals, Anfang April, schwang US-Präsident Donald Trump am zweiten Messetag die Zollkeule. Diesmal könnte der Krieg im Nahen Osten vielen Kunden der Schweizer Uhrenmanufakturen, Juwelieren aus Nah- und Fernost beispielsweise, bereits die Anreise erschweren – oder durch Flughafenschließungen an wichtigen Hubs wie Dubai oder Doha unmöglich machen.
Wer es als Repräsentant einer der großen oder kleineren Luxusuhrenschmieden in die nobel ausstaffierten Hallen des Palexpo-Geländes schafft, wo am 14. April die wichtige Leistungsschau „Watches & Wonders“ startet, der dürfte „bad news“ der Vertriebskollegen im Gepäck haben. Und das ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Branche ohnehin von Boomeuphorie auf Belegbetrieb umgeschaltet hat. Nach zwei Rekordjahren meldete der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie FH für 2025 sinkende Export- und Stückzahlen. Asien, vor allem China und Hongkong, gab zum Teil deutlich nach, Europa kam unterm Strich kaum vom Fleck, Nord- und Südamerika hielten sich knapp im Plus.
Studien von McKinsey und Deloitte sagten mittelfristig allenfalls ein bis drei Prozent Wachstum voraus und verorteten positive Impulse in neuen Märkten – etwa im Nahen Osten. Laut Zahlen des Schweizer Uhrenverbandes legten die Exporte in die Vereinigten Arabischen Emirate im vergangenen Jahr um ein paar Prozentpunkte zu, nach Saudi-Arabien sogar im hohen einstelligen Bereich. Für die fünf Golfstaaten wird ein Exportwert von rund 2,6 Milliarden Franken subsumiert, was etwa zehn Prozent des gesamten Ausfuhrwertes entspricht. Das macht die Region zum wichtigsten Wachstumsmotor neben den USA, Westeuropa, Indien, Taiwan und Südkorea.
Besonders luxuriöse Luxusuhren
Besonders brisant: Die Juweliere und Privatkunden aus den Golfstaaten kaufen eher wenige, dafür jedoch kostspielige Uhren. High-End-Modelle mit raffinierter Mechanik sind besonders beliebt. Für Konzerne wie Richemont (u.a. Cartier, IWC und Vacheron Constantin) steuert der Nahe Osten neun Prozent zum Umsatz bei – und einen überproportionalen Anteil am hochmargigen Geschäft. Bricht dieser Pfeiler weg, senkt das die Profitabilität deutlich.
Außerdem fällt die von den Folgen des Irankriegs betroffene Golfregion beim Shoppingtourismus ins Gewicht für Luxusuhrenmarken von Audemars Piguet bis Zenith. Wie Daten zum steuerfreien Einkaufen in Europa zeigen, gehören Reisende aus den Golfstaaten zu den umsatzstärksten Kundengruppen für Uhren und Schmuck. Im Segment der „Ultra High Net Worth Individuals“ sind sechsstellige Bonbeträge im Ausland keine Ausnahme.
Gerade auf Luxusmeilen wie der Maximilianstraße in München, der Düsseldorfer Königsallee oder dem Neuen Wall in Hamburg hängen die spektakulärsten Uhrenverkäufe des Sommers oft an dieser Klientel. Auch wenn diese Umsätze statistisch in der Schweiz als Export und nicht in Deutschland als Einzelhandelsumsatz auftauchen.
Keine Ramadan-Einkäufe
Vor diesem Hintergrund ist der militärische Konflikt im Iran mehr als ein weiterer geopolitischer Störfaktor. Geschlossene oder eingeschränkte Lufträume, gestrichene Flüge, temporär heruntergefahrene Drehkreuze wie Dubai und Abu Dhabi sowie vorsorgliche Boutiquen-Schließungen internationaler Uhrenmarken quer durch die Region haben direkte Folgen. In den lokalen Märkten lassen sich weniger Modelle verkaufen, und auch in Europa können Reisende aus den Golfstaaten keine Luxuskäufe mehr tätigen. Analysten warnen, dass schon die alljährliche Ramadan-Shoppingwelle Mitte/Ende März deutlich schwächer ausfallen dürfte.
Wie groß das Loch in den Zahlen 2026 tatsächlich wird, lässt sich seriös noch nicht beziffern. Die offizielle Statistik misst zudem Exporte, keine Verkäufe, und die Monatsdaten bilden plötzliche Ereignisse wie einen Kriegsausbruch nur verzögert ab. Die Erfahrungen aus früheren Krisen – vom ersten Golfkrieg bis hin zu regionalen Konflikten der vergangenen Jahre – zeigen überdies, dass die Nachfrage von wohlhabenden Kundengruppen nach einer Schockphase häufig zurückkommt, wenn das private Vermögen und das Statusbedürfnis intakt bleiben. Somit dürfte der Irankrieg für die Schweizer Uhrenindustrie ein unbequemer Stresstest bleiben und nicht zum Totalschaden werden.
Doch selbst bei einem rein temporären Ausfall der Golfregion steht die Uhrenindustrie vor der Herausforderung, gleichzeitig ihre Bestände zu managen, hohe Margen zu verteidigen und ihre geografischen Abhängigkeiten weiter zu verringern. In der akuten Lage zeigt sich zudem, wer in den Boomjahren der jüngeren Vergangenheit seine Hausaufgaben für die Zukunft am besten gelöst hat. Und für die Flaniermeilen in München, Düsseldorf, Berlin und Hamburg sieht es wohl danach aus, dass ein Teil der Kundschaft mit den größten Tüten in diesem Sommer womöglich fehlen wird.
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