Im Erfurter Ortsteil Vieselbach rollen schon jetzt die Möbelwagen. Ortsteilbürgermeister Christian Poloczek-Becher verliert Einwohner - und das in Größenordnungen. "In Vieselbach wohnen rund 300 Leute, die an Zalando gebunden sind. Da das überwiegend Menschen sind, die aus dem Ausland zu uns gekommen sind, werden sie sich neu orientieren und wegziehen."

Zalando habe einigen angeboten, an den neuen Standort nach Gießen zu wechseln. Der Ortsteil Vieselbach liegt vor den Werkstoren von Zalando und grenzt an das Güterverkehrszentrum (GVZ). Die meisten Zalando-Mitarbeiter sind vor Jahren ins Plattenbau-Viertel am Bahnhof nach Vieselbach gezogen. Da werden jetzt etliche Wohnungen frei. "Das entspannt sicher etwas den Wohnungsmarkt, aber für Vieselbach ist das keine gute Entwicklung", beschreibt Poloczek-Becher die Situation.

Möbelwagen rollen schon

Denn das Rollen der Möbelwagen wirkt sich bis in den Kindergarten des Ortes aus. Schon jetzt sind dort von 98 Plätzen 28 nicht belegt. Mit dem Wegzug der Zalando-Familien wird sich das verschärfen, fürchtet der Ortsteilbürgermeister. Im Ort wird gerade die jahrzehntelang erstrittene neue Grundschule gebaut. Die soll in diesem Jahr eingeweiht werden.

Der Plan ist es, sie zweizügig zu eröffnen mit etwa 240 Schülern. Das könnte schwierig werden, meint Poloczek-Becher. Vielleicht, so der Funken Hoffnung, wird die leerstehende Zalando-Halle schnell neu vermietet und  von anderen Firmen genutzt. Laut Stadt laufen aktuell Verhandlungen mit dem Eigentümer - einem internationalen Investment-Konsortium.

Kein Interesse an Lkw-Parkplätzen: Die Vorboten des Rückzugs

Für Poloczek-Becher kam das Zalando-Aus nicht so überraschend, wie es Anfang des Jahres von vielen aufgenommen wurde. Die Zeichen seien ziemlich eindeutig gewesen, sagt der Ortsteilbürgermeister, der regelmäßig am Stammtisch des GVZ sitzt. Was er dort hörte, waren eindeutige Warnsignale.

Schon lange habe sich das Unternehmen im Güterverkehrszentrum beispielsweise nicht mehr mit dem leidigen Thema der fehlenden Lkw-Parkflächen befasst. "Das ist ja das Manko im GVZ. Und wenn sich so ein großer Player wie Zalando nicht mehr dafür interessiert, ist das ein Warnsignal und da hätte die Stadt hellhörig werden müssen."

Für Ortsteilbürgermeister Christian Poloczek-Becher kam das Zalando-Aus nicht ganz überraschend.Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Versiegelte Fläche für nur 14 Jahre Nutzung

Mit 470 Punkten habe Erfurt auch eine der höchsten Gewerbesteuern bundesweit, kritisiert der FDP-Politiker. Schon in seiner Zeit als Stadtrat habe er gefordert, die Gewerbesteuer zu senken. "Ein Unternehmer sichert Arbeitsplätze und darf nicht noch weiter geschröpft werden", sagt Poloczek-Becher.

Die Folgen des Zalando-Rückzugs reichen bis zu den Verkehrsbetrieben. Die Evag fährt auf der Linie 52 täglich mehrfach das GVZ an. Die angekündigte Schließung werde sich auf die Verkehrsbetriebe auswirken, heißt es. Was das für den Fahrplan und die Fahrgastzahlen konkret bedeutet, werde davon abhängen, welche Nachnutzung es für die Hallen und das Gelände im Güterverkehrszentrum gibt.

Ökologisch sei die große versiegelte Fläche schon jetzt ein Problem, kritisiert Finanz- und Wirtschaftsdezernent Steffen Linnert (SPD), der für die Gewerbeansiedlung in der Stadt zuständig ist: "Da ist ein riesiges Stück Land, das bebaut worden ist. Eine Fläche, die nun nach 14 Jahren schon wieder leergezogen wird. Nachhaltig ist das nicht."

Fehlende Gewerbesteuer noch keine Katastrophe

Der Wegfall der Gewerbesteuer reiße zwar ein Loch in den Haushalt, bedeute insgesamt aber noch keine Katastrophe. "Wir haben in Erfurt etwa 20 Unternehmen, die Gewerbesteuer im Millionenbereich zahlen. Keines zahlt im zweistelligen Bereich. Im letzten Jahr haben wir 157 Millionen Euro Gewerbesteuer eingenommen. Der Stadthaushalt wird durch den Weggang von Zalando kurzfristig nicht ins Wanken kommen. Aber es dürfen nicht noch mehr Hiobsbotschaften folgen", so Linnert.

Es gebe, sagt Linnert, ein Steuergeheimnis. Er will die Zahlen von Zalando nicht nennen. Aber: Nach MDR-Informationen hatte Zalando im vergangenen Jahr acht Millionen Euro Gewerbesteuer gezahlt. Für dieses Jahr sind rund fünf Millionen geplant.

In der Stadt werde man den Rückzug aber merken, so Linnert. "Die Menschen haben Einkommenssteuer gezahlt, sie haben eingekauft, sie sind essen, feiern gegangen, sie waren zum Teil in den Vereinen. Und all das wird fehlen."

MDR (kir/mad)

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