- Es herrscht großer Andrang auf Beratungsangebote der Wirtschaftsverbände.
- Mitteldeutschland fehlen bisher Rüstungsstandorte.
- Experten machen Autozulieferern wenig Hoffnung auf große Geschäfte in dem Bereich.
1 minBildrechte: MDR1 minVideoRetten Rüstungsmilliarden die ostdeutsche Industrie?
Retten Rüstungsmilliarden die ostdeutsche Industrie?
Für viele kriselnde Branchen könnten Rüstungsaufträge eine Rettung sein. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass der Osten ein großes Stück vom Kuchen abgekommt? Wir machen den Zukunftscheck.
MDR FERNSEHENDo05.02.202617:51Uhr00:47 min
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Video"Wir werden quasi links und rechts überholt", sagt Markus Kurczyk. Der frühere Zwei-Sterne-General ist Vorsitzender des frisch gegründeten Mitteldeutschen Instituts für Sicherheitsindustrie, kurz MISI. Er will Tempo machen. Vieles sei in Bewegung, sagt Kurczyk. In Windeseile hätten sich "unglaublich" viele Initiativen gegründet, die Unternehmen Wege in die Rüstungsindustrie aufzeigen wollten. Initiativen wie seine also, die sich als Bindeglied zwischen Militär, Politik und Wirtschaft in Stellung bringen.
Langweilig wird es gerade nicht.
Man kennt und besucht sich gegenseitig auf den vielen Veranstaltungen. So haben sich etwa die Industrie- und Handelskammern in Sachsen zusammengeschlossen und einen "Arbeitskreis Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft" aus der Taufe gehoben. Info-Events zum Thema sind überbucht, heißt es. Es gibt neuere Formate, wie das Defence Dinner Dresden oder den sächsischen Sicherheits-Trialog.
Nachfrage ist groß
Sie alle bedienen eine Nachfrage, die wächst und wächst. Zur Gründungsveranstaltung des MISI waren über 120 Teilnehmer gekommen. Unterstützt wurde das Institut dabei vom wirkmächtigen Branchenverband Sachsenmetall und dem Fraunhofer FKIE, einem der bundesweit führenden Institute für Verteidigungsforschung. "Langweilig wird es gerade nicht", sagt MISI-Chef Kurczyk.
Es gilt, in Form zu gießen, was bislang nur als grobe Vorstellung existiert: eine mitteldeutsche Rüstungsbranche, die diesen Namen verdient. Die Staatskanzleien in Dresden, Magdeburg und Erfurt wollen erreichen, dass die Zeitenwende Milliarden in ihre Region spült. Bislang haben sie hier aber einen schweren Stand, weil 90 Prozent der Rüstungsstandorte im Westen liegen – eine Folge der deutschen Teilung.
Nur wenige Rüstungsstandorte in der Region
Mitteldeutschland zählt nur wenige Rüstungsbetriebe im eigentlichen Sinn. In der Hauptsache sind die heimischen Unternehmen mit sogenannten Dual-Use-Produkten als Zulieferer aktiv. Das heißt, sie liefern Bauteile oder auch Dienstleistungen, die gleichermaßen zivil und militärisch genutzt werden können. Das können etwa Mikrochips, Stahlteile oder auch Reparaturen sein.
Wie heterogen die Branche aufgestellt ist, zeigt sich schon daran, dass nur Sachsen sie überhaupt ausweisen kann. Die Staatskanzlei spricht von rund 90 Unternehmen mit über 2300 Beschäftigten und einem Umsatz von circa 430 Millionen Euro. Zum Vergleich: Allein Rheinmetall hat 2024 einen Nettogewinn von über 700 Millionen eingefahren. Unter den mitteldeutschen Ländern dürften die sächsischen Betriebe die besten Chancen haben, ihre Umsätze zu steigern. Nicht ohne Grund finden sich dort auch die meisten Initiativen.
Anfang vergangenen Jahres hat man in der Dresdner Staatskanzlei eigens die Koordinierungsstelle Strategische Industriepolitik und Streitkräfte gebildet. Im Sommer ist das Forschungsnetzwerk I2SN an den Start gegangen mit dem Ziel, die strikte Trennung zwischen ziviler und militärischer Forschung aufzubrechen.
Neuer Absatzmarkt für heimische Wirtschaft?
Sachsen will eine führende Rolle einnehmen. "Der Freistaat strebt an, an den Investitionen des Bundes zu partizipieren. Im Mittelpunkt stehen die Ansiedlung neuer Unternehmen, die aktive Einwerbung von Aufträgen für bestehende Firmen sowie die Unterstützung junger Technologieunternehmen", erklärt die Staatskanzlei. Zuletzt hatte Wirtschaftsminister Dirk Panter auch im Bundesrat dafür geworben, den Osten bei den Bundeswehr-Investitionen stärker einzubeziehen. Außerdem hofft man in Dresden, dass auch die zuletzt arg gebeutelten Autozulieferer einen neuen Absatzmarkt finden könnten. Eine Hoffnung, die genauso in Sachsen-Anhalt und Thüringen besteht.
Das Interesse der Betriebe ist jedenfalls riesig. Laut einer Umfrage des Branchenverbands Automotive Thüringen können sich drei Viertel der Mitgliedsunternehmen vorstellen, für die Rüstungsindustrie zu produzieren. Das länderübergreifende Automotive Cluster Ostdeutschland (ACOD) hat das Interesse schon aufgegriffen und vermittelt für seine Mitglieder. Man stehe gerade am Anfang, sagt ACOD-Geschäftsführer Jens Katzek. "Momentan ist es ein Abtasten. Wie ticken die anderen? Was für Anforderungen haben die denn?“. Als Heilsbringer für die Branche sieht er den Rüstungssektor aber nicht. Dafür seien unter anderem die benötigten Stückzahlen nicht groß genug.
Kein Heilsbringer für Autobranche
Das unterstreicht auch der Bundesverband der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, BDSV. Hauptgeschäftsführer Christoph Atzpodien bremst die Erwartungen. Man werde die Verluste der Branche sicher nicht vollständig auffangen können. Aber Chancen für manche der Betriebe sieht er trotzdem, in erster Linie für jene, die schon im Markt sind. "Es ist insbesondere für diejenigen interessant, die schon Kontakt mit dem Rüstungssektor haben, die sich vielleicht auch im Ansatz schon dafür qualifiziert haben. In einigen Bereichen sind doch besondere Vorkehrungen zu treffen." Mögliche Sicherheitsüberprüfungen, Zertifizierungsverfahren und Weiterbildungen sind schließlich zeitintensiv.
Wir werden nicht alle Beschäftigungsdefizite durch Rüstung auffangen können
Und so sieht auch der BDSV seine Aufgabe darin, die Bedarfe der Rüstungsbranche und die Angebote möglicher Zulieferer zusammenzubringen. Der Verband hat eine Plattform freigeschaltet, auf dem Unternehmen auf die Suche nach "Matches" gehen können. Eine Art Dating-App für Verteidigungsfragen also. BDSV-Geschäftsführer Atzpodien hofft, die vielen neuen Vermittlungsinitiativen dort bündeln zu können. "Wildwuchs" könne zum Problem werden, sagt er. "Es wäre nicht gut, wenn jetzt bei der Vielzahl der Stellen, die sich darum bemühen, überall unterschiedliche Botschaften gesendet würden". Denn das würde die Unternehmen, um die es ja eigentlich gehe, völlig verwirren.
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