Es war Mundpropaganda. Bei einem Praktikum hörte Marlene Warstat von einer Kollegin, welche Möglichkeiten es bei Hugo Boss gebe. Dass sich das Unternehmen tatsächlich dafür interessiere, ob Lieferanten sich an Umweltstandards halten. Aber auch, dass auf der Dachterrasse der Firmenzentrale schon mal eine Yogastunde abgehalten werde. "Als ich während meiner Jobsuche im Urlaub war, kam ich zufällig an einem Boss-Geschäft vorbei", erinnert sie sich. Die Marke gefiel ihr: "Da hab’ ich mich einfach mal beworben."
Damals studierte Warstat Kommunikation, Management und Geschichte in Berlin. Heute ist die 25-Jährige Managerin für Lieferketten-Transparenz und Nachhaltigkeit in Metzingen, 30 Kilometer von ihrem neuen Wohnort Stuttgart entfernt. Aus einem Praktikum in der Strategie-Abteilung bei Hugo Boss wurde 2024 eine Festanstellung. Wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, spürt man Freude: "Es ist ein schnelles Geschäft, performanceorientiert, aber der Job ist auch extrem sinnstiftend."
Hugo Boss, 1924 als Schneiderei gegründet, ist heute ein börsennotierter Lifestyle-Konzern mit weltweit rund 18 000 Beschäftigten. Und die erzählen offenbar viel Positives über ihre Firma. Das Ergebnis: Im neuen stern-Arbeitgeber-Ranking ist das Unternehmen in die Top Ten eingestiegen. Es erreicht den achten Rang – 55 Plätze besser als im vergangenen Jahr.
Dies sind die 50 bestbewerteten Arbeitgeber:
Arbeitgeber-Studie zeigt Verschiebungen
Zum siebten Mal haben Marktforscher von Statista für den stern untersucht: Welche Unternehmen empfehlen Beschäftigte ihren Freunden? Die Frage bleibt relevant, auch wenn manche Firmen Programme zum Stellenabbau verkünden. In vielen Branchen sind Spezialisten weiter gesucht.
Die Studie beruht auf 20.000 Befragten. Entstanden ist daraus das größte Ranking seiner Art mit 650 gelisteten Arbeitgebern. Im Vergleich zu den Vorjahren gibt es große Verschiebungen. Die krisengeplagte Autoindustrie verliert. Traditionell werden ihr starkes Markenimage und hohe Löhne zugeschrieben. Dagegen rücken Unternehmen vor, die mit Nachhaltigkeit, Sinnstiftung und guten Arbeitsbedingungen zu punkten wissen.
Hugo Boss wirbt auf seinem Job-Portal: "Wir sorgen für ein produktives Arbeitsumfeld, damit Ihr Arbeits- und Privatleben miteinander im Einklang stehen können." Laut Statista ist der Aspekt "Belastung und Balance" der wichtigste Treiber für die gute Bewertung des Modekonzerns.
"Um die vielen Sportangebote kommt man bei uns kaum herum", sagt Marlene Warstat und fügt lachend hinzu: "und um unsere Kaffee-Bar auch nicht." Jeden Mittwoch gibt es "After Work", "was perfekt zum Kennenlernen ist". Der "Campus", das Firmengelände in Metzingen, wurde bewusst neu konzipiert, auch um die Arbeitgeberattraktivität zu steigern. "Hier wird nicht nur viel in Digitalisierung und KI investiert, sondern auch das persönliche Miteinander gefördert", findet Warstat.
Arbeitspsycholgie gut erforscht
Roman Briker, Organisationspsychologe und Juniorprofessor für Organizational Behavior an der WHU – Otto Beisheim School of Management, nennt drei gut erforschte Merkmale für gute Arbeitgeber: "Autonomie, Beziehungen und Kompetenz: Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitenden diese Möglichkeiten bieten, haben die besten Erfolgsaussichten." Denn: Menschen möchten in aller Regel zeigen, was sie können, möchten Beziehungen zu anderen, also Kolleginnen und Kollegen, und möchten möglichst selbstbestimmt arbeiten.
"Arbeitnehmer wollen als Individuen gesehen und ernsthaft wertgeschätzt werden – gerade in Zeiten wirtschaftlicher und technologisch getriebener Veränderungen", sagt Briker. Starre Vorgaben etwa für Büropräsenz, nur um dann von dort aus an Online-Meetings teilzunehmen, werden als unsinnig wahrgenommen. Mit negativen Folgen für Unternehmen. Denn: "Leistung geht mit Arbeitszufriedenheit einher", so Briker.
Betriebssport in hip: Boulderhalle
Jana Gese hängt über dem Abgrund und schuld daran ist ihr Arbeitgeber. Doch die 37-Jährige ist bester Laune. Sie greift zum nächsten Felsvorsprung, zieht sich ein Stück nach oben. "Man muss sich einfach mal überwinden", sagt sie und blickt nach unten. "Wenn man eine Route geschafft hat, ist das ein echt cooles Gefühl." Gekonnt stößt sie sich ab und landet auf dem grauen Weichmattenboden der Boulderhalle im Zentrum Hamburgs. "Das macht ein bisschen süchtig", sagt sie, während etwas weißes Pulver von den Händen staubt. Es ist Chalk, der den Grip beim Klettern verbessert.
Auch wenn Bouldern hier Vergnügen sein soll, ist es doch auch eine ernste Sache. Schließlich geht es um die Gesundheit – im doppelten Sinne. Geses Arbeitgeber ist die Techniker Krankenkasse (TK), die sich nicht nur um die medizinische Versorgung ihrer Mitglieder kümmert, sondern auch um die Fitness ihrer Beschäftigten.
Betriebssport, das klingt ja meist nach verkniffener Gymnastik im dunklen Fabrikkeller. Die Boulderhalle aber ist licht, die Griffelemente strahlen in Gelb, Türkis, Lila. "Wir treffen uns immer dienstags und donnerstags", erzählt Gese. 30 Mitglieder hat die Gruppe. Wenn mindestens drei dabei sind, zählt es als Betriebssport. Dann gibt es zum Eintrittsgeld von 16,90 Euro einen Zuschuss vom Arbeitgeber, maximal 250 Euro im Jahr. Bedingung ist, dass man 20 Prozent der Kosten selbst übernimmt und an mindestens zehn Terminen im Jahr teilnimmt. "Ich finde es vor allem super, in Kontakt mit Kollegen aus anderen Abteilungen zu kommen", sagt Gese, die im Vertriebsmarketing der TK arbeitet.
Damit ist das Kalkül von Karen Walkenhorst voll aufgegangen, auch wenn sie es so nicht formulieren würde. Die 59-jährige Managerin ist im Vorstand der TK für Personal verantwortlich, also für immerhin 15.000 Menschen. "Wir wollen Zusammenhalt und Teamspirit fördern, gerade in hybriden Arbeitswelten", sagt sie. Begegnungen seien wichtig, weil die Mitarbeitenden bis zu 60 Prozent zu Hause arbeiten könnten: "Und als gesetzliche Krankenkasse wollen wir natürlich etwas für die Gesundheit tun."
Betriebssport ist nur ein kleiner Mosaikstein für den Erfolg der TK als Arbeitgeber. Zum ersten Mal hat sie im großen stern-Ranking den ersten Platz erreicht. Laut Analyse durch Statista sind dafür vor allem drei Faktoren verantwortlich.
Zunächst die Bezahlung: Die Krankenkasse hat einen guten Haustarifvertrag mit einer 35,5-Stunden-Woche. Zweitens die Arbeitsbedingungen und die Ausstattung: Anders als andere Unternehmen hat die TK ihre Beschäftigten nach der Pandemie nicht wieder zurück ins Büro befohlen. Schließlich Image und Wachstum: 1884 als "Eingeschriebene Hilfskasse für Architekten, Ingenieure und Techniker Deutschlands" gegründet, hat sie 2025 die Marke von zwölf Millionen Versicherten übersprungen – und ist damit die größte Krankenkasse Deutschlands.
Die Leistungen der Kassen sind weitgehend vom Gesetzgeber festgeschrieben, den Unterschied macht neben der Höhe des Zusatzbeitrages vor allem der Service aus. Das Ziel von Personalchefin Walkenhorst also: "Exzellenter Kundenservice. Ich freue mich, wenn im privaten Gespräch die Frage kommt: Wo arbeitest du denn? Und man antwortet: Bei der TK. Und dann sagen plötzlich viele: Da bin ich versichert, die sind immer so freundlich am Telefon und es klappt alles wie am Schnürchen."
Jana Gese muss man nicht groß bitten, damit sie erzählt, was sie an ihrem Arbeitgeber gut findet. 2008 hat Gese nach dem Abi in Mönchengladbach eine Ausbildung als Kauffrau im Gesundheitswesen begonnen, nach diesem Abschluss Health Care Management studiert und mit 20 Wochenstunden weitergearbeitet. "Zwei Tage in der Woche konnte ich studieren", erinnert sie sich. "Dass ein Arbeitgeber so etwas direkt nach der Übernahme ermöglicht, ist nicht selbstverständlich."
Besondere Benefits erhöhen Bindung
Schon während des Studiums hat Gese einen anderen "Benefit" genutzt: das Lebensarbeitszeitkonto. "Ich habe auf 20 Prozent meines Gehalts verzichtet und das wurde auf ein Zeitkonto gebucht", erklärt sie. Kurz nach dem Studium nutzte sie ihr Guthaben dann für ein Sabbatical: "Ich bin ein halbes Jahr durch Australien und Neuseeland gereist." Ein anderes Modell erlaubt es, die 35,5-Stunden-Woche auf nur vier Tage zu verteilen, wenn es die Arbeitssituation zulässt. Und nicht minder beliebt ist die Option, dass, wer mindestens vier Jahre im Unternehmen arbeitet, einen Teil des Weihnachtsgeldes in fünf Tage Zusatzurlaub tauschen kann. "Eine schöne Sache", findet Gese. "In sieben Wochen kann man schon viel machen." Zum Beispiel mit ihrem Camper eine Tour durch Europa unternehmen, um vielleicht mal an echten Felsen zu klettern: "Es ist doch toll, wenn der Arbeitgeber so flexibel ist, dass man für solche Erlebnisse nicht bis zur Rente warten muss."
Da würde Marlene Warstat nicht widersprechen. Im Januar ermöglichte ihr Hugo Boss den zeitweisen Wechsel des Arbeitsortes: vom Campus in Metzingen in die Sonne Fuerteventuras, "Modern Work" auf Schwäbisch. "Das klappt wunderbar", sagt die Managerin.
Hier finden Sie weitere Informationen zu unserer Studie, und hier erfahren Sie, wie Unternehmen unser Siegel erhalten können.
- Arbeitgeber
- Statista
- Hugo Boss
- TK
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke