- Für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stecken Frauen im Arbeitsleben häufig zurück.
- Hochqualifizierte Frauen finden häufig keine Jobs, weil es für ihr Abschluss-Niveau keine Teilzeitstellen gibt.
- Studien belegen, das Mütter am deutschen Arbeitsmarkt abgestraft werden, etwa durch Lohneinbußen.
- Um Mütter als Fachkräfte zu halten, müssen Arbeitgeber flexiblere Arbeitsmodelle anbieten.
Nicole*, 39, wohnt in einer Kleinstadt in Thüringen und ist studierte Diplombiologin. Heute arbeitet sie im Qualitätsmanagement – weit weg von ihrem ursprünglichen Abschluss, wie sie selbst sagt. "Als ich angefangen habe zu studieren, da war ich noch relativ jung und auch idealistisch – ich dachte, Biologie interessiert mich, also mach ich das einfach mal."
Und tatsächlich hatte Nicole Glück und fand eine Promotionsstelle. Sie arbeitete drei Jahre in Wissenschaft und Forschung – bis sie schwanger wurde und etwa zur gleichen Zeit ihre Stelle auslief.
"Nach der Elternzeit ging es dann los: Okay, du brauchst einen Job, du musst irgendwie deine Familie ernähren, was machst du denn jetzt?" Das Nomadenleben in der Wissenschaft, von Projektstelle zu Projektstelle ziehen, von Stadt zu Stadt, wollte Nicole nicht. "Wir hatten ja auch das kleine Kind, das ging halt alles gar nicht."
Ich war so verzweifelt, ich hätte auch im Supermarkt Regale eingeräumt oder Klo geputzt, Hauptsache es kommt irgendwie Geld rein.
Dazu kommt, dass ihr Mann Landwirt ist und sich seine Stunden nicht aussuchen kann. "Von April bis November bin ich quasi alleinerziehend." Also blieb ihr nur die freie Wirtschaft. Nach unzähligen Bewerbungen sei sie auch bereit gewesen, den erstbesten Job anzunehmen. "Ich war so verzweifelt, ich hätte auch im Supermarkt Regale eingeräumt oder Klo geputzt, Hauptsache es kommt irgendwie Geld rein."
Entscheidung zwischen Familie und Beruf
Schlussendlich nahm Nicole einen Job in der Qualitätssicherung an, das heißt Produktproben analysieren und überprüfen, ob sie den Standards des Unternehmens entsprechen. "Das war ganz furchtbar unterbezahlt." In den Folgejahren arbeitet sich Nicole innerhalb dieses Berufszweigs hoch, macht eine Weiterbildung im Bereich Qualitätsmanagement, verzweifelt zwischenzeitlich aber auch an dem hohen Druck in ihrer neuen Firma. "Ich hatte ständig Angst, die Erwartungen nicht zu erfüllen."
Heute hat sie eine Stelle, die für sie passt. Sie sei zwar für die Tätigkeit, die sie jetzt mache, überqualifiziert, aber das Gehalt wiege das auf. "Ich fühle mich jetzt manchmal sogar ein bisschen gelangweilt, aber aus der Erfahrung heraus, wie es anders sein kann, akzeptiere ich das."
Es ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die mir so ein bisschen reingeschossen hat. Diese Entscheidung, entweder ich habe Familie und ein Kind oder ich arbeite wissenschaftlich.
Rückblickend sagt Nicole, sie wäre gern in der Wissenschaft geblieben, aber mit den dort herrschenden Arbeitsbedingungen sei das nicht für sie nicht machbar gewesen: "Es ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die mir so ein bisschen reingeschossen hat. Diese Entscheidung, entweder ich habe Familie und ein Kind oder ich arbeite wissenschaftlich."
Jobs mit Führungsverantwortung in Teilzeit fast nicht zu finden
Anna möchte lieber nicht erkannt werden.Bildrechte: Anna W.Die 30-jährige Anna hat einen Master in Wirtschaftspsychologie in der Tasche und ist heute in einer ähnlichen Situation wie Nicole vor 13 Jahren. Als junge Mutter frisch aus der Elternzeit sucht sie seit mehreren Monaten einen Job, der sich mit Kind und Familie vereinbaren lässt – bisher erfolglos, trotz umfangreicher Erfahrungen in Unternehmensberatung und Controlling. "Ich hatte bisher fünf Vorstellungsgespräche – bei gefühlt 150 Bewerbungen."
Wenn du auch Führungsverantwortung übernehmen möchtest, ist das in Teilzeit gar nicht möglich.
Anna erzählt, sie habe schon nach zwei Monaten Suche angefangen, sich unter ihrem Qualifikationsniveau zu bewerben, "weil ich bei allem, was mastergerecht wäre, nur Absagen bekommen habe."
Ein großes Hindernis: Anna sucht nach einer Teilzeitstelle. Da sei das Jobangebot sowieso deutlich ausgedünnt. "Wenn du auch Führungsverantwortung übernehmen möchtest, ist das in Teilzeit gar nicht möglich. Oder vielleicht bei einer von 100 Stellen, die man gerade so findet.“
Nach der Geburt eines Kindes geht meist die Frau in Teilzeit
Jeannette Bahrmann, Beauftragte für Chancengleichheit im Arbeitsamt Leipzig, kann aus der Praxis bestätigen, dass viele Frauen, die nach der Elternzeit wieder in den Beruf einsteigen vor einem ähnlichen Dilemma stehen wie Anna und Nicole. "Viele möchten dann gern ihre Arbeitszeit reduzieren, um alles unter einen Hut zu bringen."
Und dann stelle sich die Frage, ob die bisherige Tätigkeit noch passt – auch weil bei Tätigkeiten, für die es hohe universitäre Abschlüsse braucht oder die Führungsverantwortung einschließen, selten Teilzeit angeboten werde. Bahrmann sagte: "Es besteht einfach ein struktureller Unterschied zwischen dem, was gut ausgebildete Frauen in dieser Lebensphase brauchen und dem, was der Markt an Arbeitsplätzen bietet."
Und Frauen seien eben besonders betroffen, weil sie nach der Geburt eines Kindes noch immer den Großteil der Sorgearbeit übernähmen und auch deswegen häufiger einen Teilzeitwunsch hätten als Männer – laut Statistik des Leipziger Arbeitsamtes liegt dieser für Frauen bei rund 38 Prozent und bei Männern bei 15 Prozent. Bundesweit arbeiteten im letzten Jahr 68 Prozent aller Mütter mit Kindern unter 18 Jahren in Teilzeit, aber nur 8 Prozent der Väter, so das Statistische Bundesamt.
Mütter werden auf dem Arbeitsmarkt abgestraft
Für Anna kommt noch das Gefühl hinzu, als Mutter generell schlechtere Chancen zu haben. "Ich glaube ich habe den Mama-Stempel. Bei manchen Bewerbungen kam nach zehn Minuten eine Absage – und die Stelle blieb trotzdem ausgeschrieben."
Dass Frauen auf dem deutschen Arbeitsmarkt fürs Kinder kriegen abgestraft werden, lässt sich tatsächlich durch verschiedene Studien belegen. So haben Frauen in Deutschland einer Studie aus 2020 zufolge nach der Geburt eines Kindes wesentlich höhere Lohneinbußen als Frauen in anderen Ländern.
Und der "Child Penalty Atlas" aus 2024 zeigt, dass Männer und Frauen vor der Elternschaft parallelen Trends in der Beschäftigung folgten, nach Geburt des ersten Kindes jedoch stark und dauerhaft voneinander abweichen. Die Autoren schreiben, je höher die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes, desto stärker trage Mutterschaft zur Ungleichbehandlung von Frauen am Arbeitsmarkt bei.
Die so entstehenden Brüche in den Erwerbsbiografien – nach Elternzeit, aber auch durch das Umsatteln auf Jobs mit niedrigerem Qualifikationsniveau – bleiben Bahrmann zufolge in der Regel nicht folgenlos. "Daraus ergibt sich letztendlich der viel zitierte Gender Pay Gap und die Langzeitfolge, dass die finanzielle Absicherung im Alter niedriger ist."
Viele Frauen ordnen ihren Job der Familie unter
Wenn gut ausgebildete Frauen, allen voran Mütter, als Fachkräfte gehalten werden sollen, braucht es Bahrmann zufolge ein starkes Umdenken in Bezug darauf, wie Arbeitsaufgaben in den Unternehmen ausgestaltet werden. "Es braucht mehr Bereitschaft, Teilzeitmöglichkeiten zu schaffen." Sie verweist auf Jobsharing und Tandem-Modelle für Führungspositionen. Weiterhin müssten Arbeitgeber lernen, im Betrieb vorhandene Kompetenz auch nach einer Elternzeit flexibel im Unternehmen einzusetzen.
Anna und Nicole waren nicht die einzigen Frauen, die sich bei MDR AKTUELL gemeldet haben. Die Antworten auf unseren Whatsapp-Aufruf zeigen, dass ein Mangel an Teilzeitmöglichkeiten, unpassende Arbeitsbedingungen oder ein Mangel an fachlich passenden Stellen in der Umgebung vielen Frauen im Weg stehen.
Claja schrieb uns: "Ich bin alleinerziehend und brauchte Familie im Hintergrund, deshalb bin ich in die alte Heimat zurückgekehrt. Hier und in der Umgebung braucht man meinen Beruf nicht unbedingt (Diplom-Pädagogin)."
Janine: "Keine passenden Stellen in Teilzeit im fahrbaren Umkreis vorhanden (Flexibilität wegen Kinder wichtiger)."
Fine: "Einer muss ja für die Kinder da sein, wenn sich der Mann gern beruflich selbstverwirklicht."
Caro: "Bin gelernte Krankenschwester, arbeite seit 7 Jahren in einer Hausarztpraxis als medizinische Fachangestellte, da Schichten und Wochenenden/Feiertage nicht umsetzbar sind mit Kindern. Mein Mann ist Bergmann unter Tage."
Frauen suchen häufiger als Männer Jobs, für die sie überqualifiziert sind
Tatsächlich sucht jede fünfte arbeitslose Frau in Deutschland einen Job, für den sie formal überqualifiziert ist. Das hat auch eine Analyse des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) aus dem arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft ergeben. Rund 45 Prozent der arbeitslosen Frauen mit betrieblicher oder schulischer Ausbildung und rund 40 Prozent der Frauen mit akademischer Ausbildung suchen eine Tätigkeit, die unter ihrem Qualifikationsniveau liegt. Bei Männern ist der Anteil mit rund 34 Prozent bzw. 29 Prozent deutlich geringer.
Noch stärker ist dieser Trend bei nichtdeutschen Frauen. 59 Prozent der arbeitslosen, nichtdeutschen Frauen mit akademischer Ausbildung suchen einen Job unterhalb ihres formalen Qualifikationsniveaus.
*Name geändert, der echte Name der Protagonistin liegt der Redaktion vor. (Anm. der Red.)
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke