- Tarifforderungen der Gewerkschaften fokussieren wegen der Krise den Erhalt von Arbeitsplätzen statt auf Löhne.
- Die angespannte Lage verschärft die Tarifverhandlungen: Arbeitgeber reagieren ablehnend, Verhandlungen ziehen sich hin, und bei Blockaden drohen Streiks.
- Ökonom Fratzscher erwartet künftig mehr Arbeitskämpfe in allen Branchen.
Mehr als 30 Prozent der Chemie-Betriebe in Deutschland bauten derzeit Arbeitsplätze ab, sagt Stephanie Albrecht-Suliak von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IGBCE). Dort ist sie Leiterin des Landesbezirks Nordost. Der hätte wegen der angespannten Situation in der Branche seine Forderungen für die nun beginnenden Tarifverhandlungen angepasst, erzählt Albrecht-Suliak.
Während in den Vorjahren Gehaltserhöhungen im Fokus standen, geht es dieses Mal vorrangig um die Sicherung von Arbeitsplätzen: "Das gesamte Chemie-Cluster in Mitteldeutschland ist gefährdet." Deshalb müsste dem Thema oberste Priorität eingeräumt werden.
Das gilt aber nicht nur für die Chemie-Industrie. Auch in allen anderen Branchen, die gerade unter Druck stehen, nähmen die Gewerkschaften Rücksicht auf die wirtschaftliche Lage, erklärt Markus Schlimbach, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Sachsen: "Uns ist nicht daran gelegen, dass die Arbeitsplätze abgebaut werden. Sondern, wir wollen sichere und gute Arbeitsplätze für die Beschäftigten haben und von daher sind Tarifforderungen immer Ausdruck dessen, wie die Lage in einer Branche ist."
Ablehnung von Arbeitgebern
Wer jetzt denkt, dass die angespannte Lage die Tarifparteien zusammenschweißt, der irrt sich. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade weil die wirtschaftliche Lage in vielen Branchen angespannt sei, sei auch der Ton in den Tarifverhandlungen rauer geworden, betont Norbert Reuter. Er streitet seit mehr als 20 Jahren im Auftrag der Gewerkschaft Verdi für die Rechte von Arbeitnehmern.
Laut Reuter reagieren Arbeitgeber auf Lohnforderungen jedoch viel ablehnender: "Nach dem Motto: Wirtschaftlich schwierige Zeiten, es gibt nichts zu verteilen und deswegen sind alle Forderungen, die wir stellen, zu hoch."
Sachsens DGB-Chef Schlimbach beklagt, dass es immer länger dauert, bis die Arbeitgeber Angebote vorlegen. Tarifverhandlungen würden sich dadurch immer mehr hinziehen. Was den Gewerkschaften bleibt, ist die Kraft der guten Argumente, erklärt er. Wenn das nicht hilft, droht der Arbeitskampf: "Wenn gar nichts passiert – wenn drei, vier Verhandlungsrunden kein Ergebnis bringen, dann muss man reagieren und Druck machen. Das sind dann Streiks, die man ausrufen kann."
Immer mehr Arbeitskämpfe
Davon werde es in Zukunft immer mehr geben, sagt der Ökonom Marcel Fratzscher voraus. Der Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung sieht ein zunehmendes Konfliktpotenzial zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern: "Wir müssen uns darauf gefasst machen, dass wir in den kommenden Jahren mehr Streitigkeiten und mehr Arbeitskampf auf dem Arbeitsmarkt sehen. Ich glaube, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer werden ihre Interessen wahren können."
Wir müssen uns darauf gefasst machen, dass wir in den kommenden Jahren mehr Streitigkeiten und mehr Arbeitskampf auf dem Arbeitsmarkt sehen.
Um die geht es in diesem Jahr nicht nur in der Chemie-Industrie. Auch für Millionen andere Beschäftigte im Öffentlichen Dienst, im Einzelhandel oder auch bei den Lokführern stehen 2026 Tarifverhandlungen an.
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