Zwei junge Deutsche mischen gerade den Markt für Hyperschallraketen auf. Privat finanziert und im Rekordtempo entwickelt, hob der Prototyp ab. Ihr Geheimnis: Mach es wie Musk.

Die Nachricht klang fast unglaubwürdig, als das deutsch-britische Rüstungs-Start-up Hypersonica kürzlich den erfolgreichen Test einer Hyperschallrakete vermeldete. Vom norwegischen Startplatz Andøya soll die gut eine Tonne schwere Rakete erfolgreich abgehoben und während ihres 300 Kilometer langen Testfluges eine Geschwindigkeit von rund 7400 km/h erreicht haben.

Sensationell ist die Entwicklungszeit von lediglich neun Monaten – vom Design des Flugkörpers bis zu seinem Start. Dabei hatte das erst 2023 gegründete Unternehmen mit Sitz in München und London offenbar keine Milliardensummen im Rücken. Die beiden Gründer Philipp Kerth und Marc Ewenz wurden von privaten Investoren der Plural-Gruppe sowie von der deutschen Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) und General Catalyst finanziert.

Die beiden Gründer der Hypersonica GmbH © Hypersonica

Die beiden Deutschen haben in London Physik, genauer gesagt Luft- und Raumfahrt, studiert und dort zum Thema Hyperschall promoviert. Die schnelle Art und Weise der Projektentwicklung habe man sich bei Elon Musks SpaceX abgeschaut. Zusammen mit der streng modularen Bauweise der Rakete hätten sich so 80 bis 90 Prozent der Kosten einsparen lassen.

Bereits in der Grundkonzeption sei darauf geachtet worden, die Hyperschallrakete später vollständig mit europäischen Partnern ohne Beteiligung der USA zu bauen. Das Ziel ist klar: Europa mit sogenannten Hyperschall-Deep-Strike-Fähigkeiten auszustatten, also mit schwer abfangbaren Raketen, die Stellungen 2000 Kilometer im Hinterland angreifen können.

Projekt mit einer gehörigen Portion Europapatriotismus

„Europa befindet sich an einem entscheidenden Punkt, an dem schnelle Innovationen im Verteidigungsbereich nicht mehr optional, sondern unverzichtbar sind. Wir wollen Europa mit dem nötigen technologischen Vorsprung ausstatten, um sich mit manövrierfähigen Hyperschallsystemen gegen militärische Aggressionen zu verteidigen und die demokratischen Werte zu schützen, die unsere Gesellschaften verbinden“, schreibt Kerth recht markig in einer Pressemitteilung.

Die beiden Standorte in Deutschland und Großbritannien sind auch im Hinblick auf das 2023 geschlossene britisch-deutsche Trinity-House-Abkommen gewählt worden, ein bilaterales Abkommen zur gemeinsamen Entwicklung fortschrittlicher Verteidigungstechnik.

In Europa beschäftigt sich allein Frankreich als Atommacht mit dem Thema, um seine Atomsprengköpfe künftig auf den Hyperschall-Marschflugkörper V-Max zu montieren. Deutschland hat sich weitgehend aus der Forschung zurückgezogen. Die USA, China, Indien und vor allem Russland forschen bereits länger an Hyperschallwaffen und planen deren Einführung in die Streitkräfte in den kommenden fünf bis zehn Jahren. Russland hat bereits mehrere Typen von Hyperschallwaffen im Arsenal.

Die Hyperschallrakete wird zum Startplatz gefahren © Hypersonica

Als Hyperschall werden Geschwindigkeiten jenseits von Mach 5, also rund 6000 km/h, bezeichnet. Dabei wird zwischen zwei Arten von Hyperschallwaffen unterschieden: Der Hyperschall-Gleitflugkörper (HGV) wird mit einer Interkontinentalrakete in große Höhe transportiert, wo er dann mit bis zu Mach 20 auf sein Ziel zufliegt und dabei steuerbar bleibt. Die Hyperschallrakete funktioniert dagegen wie ein Marschflugkörper, der nicht mit 700 km/h, sondern mit 7000 km/h fliegt. Hyperschallraketen können im Vergleich zu Interkontinentalraketen und HGVs vom Radar nur sehr spät geortet werden, weil sie der Erdkrümmung folgen.

Hyperschallraketen sind Forschung im Grenzbereich

Fliegen im Hyperschall ist Spitzenwissenschaft im Grenzbereich. Bei diesen Geschwindigkeiten wirken in der dichten Atmosphäre enorme Kräfte auf das Material. An der Spitze der Flugkörper entstehen Temperaturen von bis zu 2000 Grad. Zudem funktionieren herkömmliche Überschalltriebwerke aufgrund der veränderten Lufteigenschaften nicht mehr. Kursänderungen sind in diesem Bereich ebenfalls sehr schwierig.

So weit ist man trotz des erfolgreichen Tests auch bei Hypersonica bisher nicht. Der Anfang des Monats gestartete Flugkörper war ungelenkt und hatte die Flugbahn einer ballistischen Rakete. Mit den gesammelten Daten wird nun die zweite Phase des Projekts angegangen: die Steuerung. Bereits in drei Jahren plant Hypersonica eine voll funktionsfähige Hyperschallrakete vorzustellen. 

Das Zeitfenster für das junge Start-up ist eng. Wie am Donnerstag am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz bekannt wurde, hat der französische Luft- und Raumfahrtkonzern Ariane Deutschland den Lizenzbau von ballistischen Hyperschallraketen angeboten. Ariane ist primär für den Bau von zivilen Trägerraketen bekannt, stellt jedoch auch Antriebe für die Atomraketen der französischen U-Boot-Flotte her. Seit fünf Jahren forscht die Ariane Group an Hyperschallraketen. Einen Prototyp gibt es bislang nicht. Die vorgeschlagene Rakete könnte eine Reichweite von 2000 Kilometern haben und so die zurzeit bei der Bundeswehr diskutierte Lücke in der „Deep Strike“-Fähigkeit schließen. 

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