Zwischen den Preisen für ein Viertel Hähnchen mit Kartoffeln und einer alten Saftpresse außer Betrieb lächelt Robert Prevost in die Runde. „Papst Leo XIV., 8. Mai 2025“ steht handgeschrieben unter dem Foto in einem Lokal in Chiclayo, der viertgrößten Stadt Perus. „Einer von uns“, sagt Bonbon-Verkäufer Sanchez, der hier gerade Mittagspause macht. „Er hat wenig geredet, aber viel getan.“
Der Papst in einem Lokal in Chiclayo – zumindest im BildPapst Leo XIV. oder Robert Francis Prevost, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, ist wahrscheinlich der beliebteste „Gringo“ in Südamerika. Das liegt auch daran, dass der 71-Jährige so ziemlich in allem eine Art Gegenentwurf zu US‑Präsident Donald Trump ist.
Leo XIV. spottet nicht über, sondern lacht mit den Menschen. Er ist höflich, freundlich und prinzipientreu. Hier in der nordperuanischen Küstenstadt Chiclayo hat er jene prägenden Eindrücke hinterlassen, die der Schlüssel dafür sind, wie er auf dem katholischsten aller Kontinente wahrgenommen wird.
Bonbon-Verkäufer SanchezAm Freitag hat er seine zwölftägige Reise nach Südamerika angetreten – nur gut drei Wochen nach der Operation, bei der ihm ein Tumor und ein Teil des rechten Lungenflügels entfernt wurden.
Sie führte ihn zunächst in die Vorzeige-Demokratie Uruguay, dann in das vom Umbau des libertären Reformers Javier Milei aufgewühlte Argentinien und schließlich am 11. November nach Peru, wo er mit Unterbrechungen 20 Jahre lang als Missionar, Helfer und Bischof arbeitete.
In Chiclayo, wo ihn sein Vorgänger Papst Franziskus zum Bischof ernannte, bauen sie ihm schon zu Lebzeiten Denkmäler, backen Plätzchen, die seinen Namen tragen, und haben eine Tourismus-Route entworfen, die seinen Lebensweg in Peru nachzeichnet.
Wandgemälde zu Ehren von Papst Leo XVI. in ChiclayoUnd sie beteten in der Kirche, als sie hörten, er sei an Krebs erkrankt. Bitte nicht ihr Papst, nicht ihr Bischof. Souvenirhändler hatten Schulden gemacht, um in Papst-T-Shirts, Papst-Basecaps und Papst-Taschen zu investieren. Wäre er nicht gekommen, es wäre ihr Aus gewesen.
In der Kathedrale, die in allen acht Sonntagsgottesdiensten so voll ist, dass die Menschen stehen müssen, ist eine überlebensgroße Pappfigur von ihm platziert. Sie soll dieses riesige Interesse an Papst Leo kanalisieren. Einen Platz bieten, wo er greifbar ist.
Auch vom Rathausbalkon blickt ein Papp-Papst auf den Hauptplatz. Dort gibt es seit wenigen Tagen den Schriftzug „Chiclayo – Stadt von Papst Leo XIV.“ zu bewundern, der sofort zum Social-Media-Hit wurde.
Beliebtes Fotomotiv: „Chiclayo – die Stadt von Papst Leo XIV.“Im Rathaus selbst haben sie noch schnell vor seiner Ankunft eine Ausstellung eröffnet. Sie zeigt Prevost mit besorgtem Blick in Gummistiefeln im Schlamm nach einem dieser gefürchteten Starkregenfälle, die auch für die nächsten Wochen wieder erwartet werden. Perus Präsidentin Keiko Fujimori hat schon jetzt den Notstand ausgerufen.
Ihr Vater Alberto Fujimori war von 1990 bis 2000 der Präsident Perus, ließ indigene Frauen ohne ihr Wissen sterilisieren – offiziell zur Armutsbekämpfung – und wurde später wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Prevost erlebte diese Zeit mit und machte aus seiner Ablehnung keinen Hehl. Sein Priestergewand hängt jetzt hinter Glas im Rathaus.
Ausstellung im Rathaus von ChiclayoMomente, die sich eingebrannt haben ins kollektive Gedächtnis einer Region, in der die US-Amerikaner eher als Befehlsempfänger wahrgenommen werden, die Zölle erheben und politische Unterwerfung einfordern.
Während der Corona-Pandemie, die in Peru besonders tödlich wütete, verteilte Prevost Lebensmittel, spendete Trost und weinte mit den Familien. Auf dem Rücken eines Esels oder eines Pferdes durchquerte er unwägbares Gelände, um – wie sein Vorgänger sagen würde – auch die Ränder zu erreichen. Und lernte Quechua, die Sprache der peruanischen Indigenen.
Plötzlich war Chiclayo weltweit in den Schlagzeilen
An jenem 8. Mai 2025, als mit dem Namen des neuen Papstes auch der Name einer bis dato dem Rest der Welt unbekannten Stadt in den Hauptnachrichten in Washington, Moskau oder Berlin zu sehen und zu hören war, spürten sie in Chiclayo, dass ab sofort nichts mehr so sein würde, wie es einmal war.
Plötzlich kommen Touristen in die Stadt, wollen wissen, wo Prevost gegessen hat. Sie dürfen zwischen zwei Restaurants gleich neben der Kathedrale wählen – beide nehmen für sich in Anspruch, sein Lieblingslokal gewesen zu sein. Für das strukturschwache Chiclayo ist das ein Segen, ja fast ein Wunder.
Das Lieblingslokal des Papstes?Fünf Tage Zeit nimmt sich der Papst für Peru, will alles noch einmal aufsaugen und seine Landsleute wiedersehen. Denn der Mann aus Chicago hat auch einen peruanischen Pass.
Er wird der Präsidentin ins Gewissen reden, die Mega-Gefängnisse bauen will und martialische Videos dreht. Mehr als eine Million Menschen werden ihrem Lieblingsamerikaner wohl beim größten Gottesdienst auf peruanischem Boden zuhören.
Tobias Käufer ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.
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