Die Verbündeten von US-Präsident Donald Trump nähern sich vorsichtig einem Terrain, das noch vor Kurzem tabu schien: Sie geben ihm die Schuld an der vernichtenden Niederlage bei den Wahlen zum Kongress. Die Midterms waren eine Abrechnung mit Trump, die einige der schlimmsten Befürchtungen seiner Partei bestätigte. Einige Parteimitglieder verwiesen in ihren Erklärungsversuchen auf den Iran-Krieg und dessen Auswirkungen auf Benzin- und Lebensmittelpreise, andere auf das Auftreten des Präsidenten.
„In der Republikanischen Partei findet gerade eine gewisse Selbstprüfung darüber statt, welchen Weg sie einschlagen soll“, sagte Matt Dole, Vorsitzender der Republikaner im tiefroten Licking-County in Ohio. „Ich glaube, wir werden erleben, dass ein Teil der Republikanischen Partei für eine Rückkehr zur Normalität eintritt. Das bedeutet nicht, Trumps Ideologie und Politik abzulehnen, wohl aber Trumps Stil.“
„Es klingt ein wenig ironisch“, sagte Bobby Charles, der mit seiner Kandidatur für das Gouverneursamt in Maine für die Republikaner gescheitert ist. „Aber ich bin dennoch optimistisch, was die Zukunft angeht, denn in zwei Jahren wird Trump weg sein.“ Das Weiße Haus reagierte zunächst nicht auf eine Bitte um Stellungnahme vom „Politico“.
Trump und seine Berater machten unterdessen eine ganze Reihe von Faktoren für das Ergebnis verantwortlich, darunter den Sender Fox News, sogenannte RINOs („Republicans in Name Only“, also Republikaner, denen mangelnde Linientreue vorgeworfen wird) und „faule“ Kandidaten. Und das, obwohl die Partei die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat deutlich verlor und die blaue Welle selbst durch traditionell rote Bundesstaaten wie Texas, South Carolina, Iowa und Kansas rollte.
Trump nahm insbesondere den republikanischen Gouverneur von Texas, Greg Abbott, ins Visier, den er als „RINO“ bezeichnete. Sich selbst sprach der US-Präsident von jeder Verantwortung frei und behauptete, die Republikaner hätten „mit überwältigender Mehrheit“ gewonnen, wenn er selbst auf dem Wahlzettel gestanden hätte. Abbott reagierte zunächst nicht auf eine Bitte um Stellungnahme.
Trumps Berater Alex Bruesewitz machte für das schlechte Abschneiden der Partei Kandidaten verantwortlich, die er als „uninspirierend, faul und durch und durch ineffektive Kommunikatoren“ bezeichnete. Ausdrücklich nannte er den Abgeordneten Mike Collins aus Georgia, dem es im gesamten Verlauf seines Wahlkampfs nicht gelungen war, gegen den demokratischen Amtsinhaber, Senator Jon Ossoff, entscheidend Boden gutzumachen. Auch das Wahlkampfteam von Collins reagierte zunächst nicht auf eine Bitte um Stellungnahme.
Ein republikanischer Stratege, der an mehreren Wahlkämpfen zu den Midterms beteiligt war, bezeichnete es als „faule Ausrede“, die Qualität der Kandidaten für das Ergebnis verantwortlich zu machen. „Hier geht es um mehr als nur einen faulen Kandidaten. Ich meine, der Vorsitzende des … NRCC verliert seine Wahl.“ (Das National Republican Congressional Committee (NRCC) ist die Wahlkampforganisation der Republikaner für die Wahlen zum US-Repräsentantenhaus, Anm. d. Red.)
Andere Republikaner wiederum richteten ihren Ärger gegen den bislang von der Republikanischen Partei kontrollierten Kongress. „Die Republikanische Partei muss mit sich selbst darüber ins Gespräch kommen, wie sie den Wählern zuhören und substanzielle politische Reformen präsentieren kann, die sich auf deren Leben auswirken“, sagte Gina Swoboda, ehemalige Vorsitzende der Republikaner in Arizona und langjährige Trump-Verbündete. „Dieser Kongress hat nichts getan, was ich benennen könnte und was das Leben der Arbeiter- und Mittelschicht spürbar verbessert hätte.“
Bruesewitz zeigte sich bestürzt darüber, dass einige dieser Kandidaten fünf Tage vor dem Wahltag an Bord der Präsidentenmaschine „Air Force One“ gegangen seien und ihre Bundesstaaten verlassen hätten, nachdem Trump zuvor angereist war, um für sie Wahlkampf zu machen.
„Sie sind so abhängig und verlassen sich so sehr auf den Präsidenten“, sagte Bruesewitz. „Die Stärke des Präsidenten hat es den Republikanern ermöglicht, ein Jahrzehnt lang einfach weiterzumachen, ohne sich groß anstrengen zu müssen. Seine Unterstützung hat ihnen bei den Vorwahlen und häufig auch bei den eigentlichen Wahlen die Konkurrenz aus dem Weg geräumt. Die meisten von ihnen mussten noch nie einen wirklich harten Wahlkampf führen. Deshalb haben sie die Grundlagen des Wahlkampfs und der Kommunikation im digitalen Zeitalter vergessen.“ Hochrangige Vertreter aus Trumps Umfeld hatten dies bereits vor der Wahl in Interviews mit „Politico“ angedeutet.
Kritiker wollen anonym bleiben
Die Republikaner im Kongress und darüber hinaus, die sich bereits auf das Debakel und die anschließenden gegenseitigen Schuldzuweisungen eingestellt hatten, kaufen ihnen diese Erklärung jedoch nicht ab. Ihrer Ansicht nach lässt sich die pauschale Darstellung republikanischer Kandidaten als „faul“ unmöglich auf jeden Republikaner übertragen, der seine Wahl verloren hat. Trump und seine engsten Mitarbeiter müssten vielmehr selbst in den Spiegel schauen.
Bezeichnenderweise wollte jedoch niemand seinen Namen für diese Kritik hergeben. „Wir sind längst über die Frage der Kandidatenqualität hinaus. Das ist ein Blutbad“, sagte ein hochrangiger republikanischer Mitarbeiter im Senat. „Trump hat das verursacht.“
Ein republikanischer Wahlkampfstratege, der an Kampagnen in umkämpften Bundesstaaten arbeitet, bezeichnete den Dienstag als einen perfekten Sturm „schierer Inkompetenz“.
„Die Leute im Weißen Haus haben nichts unternommen, um ihn davon abzuhalten, sich in Dinge einzumischen, die alles aktiv noch schlimmer gemacht haben, weil er ignoriert hat, was den Wählern wirklich wichtig war“, sagte der Stratege.
Dieser Text erschien zuerst bei der WELT-Partnerpublikation „Politico“. Übersetzt und redaktionell bearbeitet von Caroline Turzer.
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